Kinder und Jugendliche wollen in die Oper gehen

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„La BETTLEROPERa“. Moritz Eggert mit einer radikalen Neuinterpretation des klassischen Stücks an der Neuköllner OperWohin in der Adventszeit mit Kindern in München? (1) – Im Gärtnerplatztheater können Sie die Resilienz Ihrer Kinder auf die Probe stellen. Hänsel & Gretel als Oper für Hartgesottene katapultiert die ganze Familie in wilhelminische Alpträume. Von Stephan Reimertz.

»München spricht alte Menschen an«, behauptet Sho Tatai, ein Münchner Reklamefritze, pardon: Werbefachmann. Über Oper befindet er: »…das interessiert junge Menschen nicht. Ich kenne keinen jungen Menschen, der in die Oper geht, nicht mal jemanden aus meinem Jahrgang.« Tatai ist Jahrgang 1985. Geht man in München ins Nationaltheater, ins Prinzregententheater oder an den Gärtnerplatz, findet man das Opernhaus freilich voller Kinder und Jugendlicher, und das nicht nur, wenn Werke wie die Zauberflöte, die Entführung aus dem Serail oder Hänsel & Gretel auf dem Spielplan stehen.

 

Halbstarke gehen nicht in die Oper

Schaut man während der Salzburger Festspiele am Kapitelplatz vorbei, wo Opernaufführungen gratis auf einer Leinwand übertragen werden, findet man den ganzen Platz voller Jugend. Die snobistische Haltung, die Sho Tatai gegenüber der beliebten Kunstform einnimmt, dürfte eher typisch für sein Milieu sein als für Jugendliche generell. Banausen kennt man selbst aus der Schulzeit. In der Klasse gab es eine kleine Minderheit von Halbstarken, die nicht gern in die Oper gingen. Was ist aus ihnen geworden?

 

Märchenoper für die Adventszeit

Vom Kleinkind bis zum Greis erstreckt sich auch das Publikum, welches sich in der Vorweihnachtszeit in der Inszenierung von Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel & Gretel zusammenfindet, die Peter Kerz ganz im naturalistisch-märchenhaften Stil präsentiert. Anthony Bramall, das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz und der Kinderchor zusammen mit wechselnden Solisten führen uns in die Welt eines der beliebtesten deutschen Märchen.

 

Schwere Wagner-Infektion

An dieser Stelle will ich endlich einmal die Programmhefte des Gärtnerplatztheaters loben. Es sind wirklich Programm-Hefte, keine dickleibigen Folianten wie in der Staatsoper, von denen man nicht weiß, wo man sie in der Pause hinstecken soll. Allerdings hat sich in das schmucke Heft über Hänsel & Gretel ein Fehler eingeschlichen. Es schreibt, der Komponist Engelbert Humperdinck sei 1921 infolge eines Schlaganfalls gestorben. Das ist falsch. Wie man jetzt wieder hören kann, ist der Mann an einer grassierenden Wagner-Infektion zugrundegegangen. Seiner Märchenoper Hänsel & Gretel, kurz vor der Jahrhundertwende uraufgeführt, verpasste er statt einer Ouvertüre ein Vorspiel, das schwergewichtig daherkommt wie ein Sauerbraten, der mit allzuviel Rheinwein umspült wird. Hier verrät sich Humperdinck als Rheinländer. Allein der Einfluss Wagners sollte sich als nachhaltiger erweisen als jener der Lorelei.

 

 

Bayreuth im Puppenhaus

Wenn Hänsel und Gretel sich im Wald verirren, wird es unserem Komponisten ganz walkürig zumute. Er möchte den ersten Aufzug von Wagners Stück wenigstens in der Pauke andeuten. Auch sonst verordnet er seinen kleinen Zuhörern eine symphonisch durchkomponierte Großform statt eines Singspiels, wie es zu dem Stück und den meist juegendlichen Opernbesuchern doch wesentlich besser passen würde. Da könnten die Kleinen sich zwischendurch etwas entspannen und klatschen. Aber nein, es wird ein Bayreuth im Puppenhaus durchgezogen. Wie in dem Film Das weiße Band können wir die Alpträume nachvollziehen, denen die Generation, welche 1914 in den Krieg zog, in ihrer Kindheit ausgesetzt war. Das Lied Brüderchen komm tanz mit mir ist freilich ein genialer Wurf und wurde später zum Volkslied.

Hänsel und Gretel
Musik von Engelbert Humperdinck
Dichtung von Adelheid Wette
Aufführungen noch bis zum 2.1.2019: hier
Altersempfehlung: ab 6 Jahren

Staatstheater am Gärtnerplatz
Gärtnerplatz 3
80469 München

 

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