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Zeitgemäß und verführend: Romain Nosbaum überzeugt mit„Encores“Von Izidor Mendas

Romain Nosbaum ist ein großartiger Pianist mit einem frischen, modernen Touch. Zeitgemäß und überzeugend wirkt auch sein viertes Solo-Album Encore, das zwar kein übergeordnetes programmatisches Prinzip verfolgt, lässt sich aber umso mehr von der Freiheit in Form der pianistischen Miniaturen inspirieren. Das Ergebnis ist eine gelungene Aufnahme, die man sowohl entspannt bei einem Cappuccino am Samstagvormittag, als auch in tiefer Versunkenheit bei  Anbruch der Abenddämmerung genießen kann. Ad libitum solle es klingen, was aber Nosbaum nicht daran hindert, eine feinsinnige Interpretation der eingespielten Werke zu liefern. Er überwältigt eine große zeitliche Spannweite, beginnend mit dem Bachschen Präludium (BWV 855a) in e-moll in der Bearbeiteung von Alexander Siloti. Die Musik fließt ruhig, unaufdringlich und der barocke Kern wird treffend mit einer leichten romantischen Patina versetzt. Wie Siloti, wurde auch Sergei Bortkiewicz, ein lange Zeit in Wien ansässiger Komponist, in der ukrainischen Stadt Charkiv geboren. Seine Etude Nr. 9 (1911) knüpft an die lange Tradition der pianistischen Romantik – wie es Nosbaum mit Bravour zu schildern vermag – deren musikalische Sprache noch nichts von ihrem kurz bevorstehenden Ausklang erahnen lässt.

Es folgt die berühmte Vocalise Op. 34 Nr. 14 Sergej Rachmaninovs, bearbeitet vom ungarischen Pianisten Zoltán Kocsis, der das Originalwerk um kontrapunktische oder virtuose Elemente à la manière de Liszt erweitert. Nosbaum unterstreicht die singende Komponente, obwohl  man sich an gewissen Stellen mehr Rubati oder einen Hauch Melancholie wünscht. Was bei Vocalise nicht ganz überzeugt, erweist sich als Stärke bei Francis Poulenc (Improvisation Nr. 13): die Musiksprache bleibt schlicht, einfach und melodisch. Hört man sogar eine süß-nostalgische/sentimentale Note?

Romain Nosbmaum

Foto © Romain Nosbaum

Von Chopin, Liszt und russischer Spätromantik wurden auch die frühen Klavierwerke von Claude Debussy beeinflusst, vertreten auf der CD durch die geschickt interpretierten Rêverie und Nocturne. Debussy steht mit 6 Werken auch ganz klar im Mittelpunkt der neuen Veröffentlichung. Vier Stücke aus dem Zweiten Heft seiner Préludes  hinterlassen in der Darbietung von Nosbaum, was Tempi und Gestik betrifft, zwar einen eher zurückhaltenden Eindruck, dabei wird aber das filigrane musikalische Gewebe schön hervorgehoben. In Brouillards erkennt man feine harmonische Tapisserien, die Wassernymphe Ondine lässt das Wasser plätschern und in Feux dʼartifice staunen wir über das Feuerwerk der Virtuosität. Düfte des Pariser Salons vermischen sich mit klarer Artikulation und werden zu einem einheitlichen Ganzen. Luciano Berios Wassermusik markiert den Sprung in neue Musikwelten, obwohl dieses sublime Stück mit seiner tonalen Sprache und Reminiszenz an Brahms und Schubert für einen sanften Übergang sorgt. Hier zeigt uns Nosbaum durch Raffinesse und Klarheit sein pianistisches Können. Die Etüden Nr. 9 und 16 von Philip Glass werden im Gegenteil zu wörtlich bei ihrem Namen genommen. Eine gewisse Eile/Ungeduld überschattet das Mantra, welches durch minuziösere Artikulierung der repetitiven Kleinmotive erreicht werden könnte. Nach der letzten Etüde, einer orientalisch anmutenden Meditation, werden wir in die magische Atmosphäre des japanischen Komponisten Toru Takemitsu (Romance und Rain Tree Sketch II) versetzt. Der Pianist überzeugt mit der schwebenden Qualität seiner Klangschilderung: Wasser- und Luftelemente ergänzen sich mühelos, Nuancen werden präzise aber flüchtig, wie bei der Tuschmalerei, ausgearbeitet.

Der Gesamteindruck ist positiv. Nosbaums Balanceakten zwischen Melodie und Rhythmus bilden organische Strukturen. In seinen Aufführungen lässt er die Musik für sich sprechen: es wird nicht zu viel dazugegeben, ebenso wenig weggenommen. Abgesehen von einigen Augenblicken des eher gedämpften/mäßigen Ausdrucks, wirkt seine Kunst am Klavier inspirierend und eröffnet weitere interpretatorische Freiräume. Zum Abschluss eines Rezitals wäre das faszinierende Stück Surviving bridges of love der zeitgenössischen luxemburgische Komponistin Albena Petrovic Vratschanska wohl keine Standardauswahl; der Zuhörer wird durch seine Klangfarben jedoch ganz sicher verführt. Deswegen sagen wir am Ende einfach – Zugabe, bitte!

Romain Nosbaum
Encores
Ars Produktion, 2017
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Zeitgemäß und verführend: Romain Nosbaum überzeugt mit„Encores“, 5.0 out of 5 based on 2 ratings