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Ungewöhnliche Ohrwürmer: Klavierlieder von Moritz Eggert

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Rezension von Barbara Hoppe

Ohrwürmer, diese fiesen kleinen Melodien, die sich im Kopf festsetzen – sei’s weil man sie im Kaufhaus oder Schwimmbad gehört hat, sei’s weil eine Melodie ungewollte Assoziationen hervorruft – sind gemein. Sie haken sich fest und man bekommt sie stunden- bisweilen tagelang nicht aus dem Kopf. Sie schleichen sich ein, nisten im Unbewussten wie auch so manche Melodie, die mitunter plötzlich da ist und die man nicht mehr los wird.

Grund genug für Moritz Eggert, dem Phänomen, das er selbst nur zu gut kennt, den Garaus zu machen. „Es gibt nur eine Möglichkeit, einen solchen Ohrwurm loszuwerden. Man muss ihn fangen und auf möglichst grausame und sadistische Weise sezieren.“ Und genau das hat der Komponist getan. Genervt nach einem Griechenlandurlaub, bei dem im Schwimmbad permanent „Saxobeat“ lief, verfasste Eggert sein ganz eigenes „bring me up, bring me down“. Die hervorragende Irene Kurka interpretiert nicht nur diese musikalische Abrechnung einwandfrei, sondern auch die Folgestücke.

 

Moritz Eggert_Ohrwurm

 

„Ohrwurm“, das dem Album titelgebende Stück, mit seinen assoziativen Sprüngen und dem fragmentarischen Text, absolviert die erfahrene Sängerin zeitgenössischer Musik meisterhaft. Die Vertonung des Online-Gästebuchs des Fußballerspielers Michael Ballack fordert die Sängerin noch einmal aufs äußerste mit Texten von vornehmlich weiblichen Fans wie „Erst einmal: Frohe Weihnachten :-))))) Als ich im Interview gelesen habe, dass du dir oft die Gästebucheinträge anschaust musste ich mich direkt anmelden! Ich bin sooooooooooooooooooo oooooooooooooooooo ein großer Fan von dir. Du bist echt der allerbeste. Und was ich vor allem aber mal sagen wollte Ich flehe dich an bleib beim FCB!! Ich liebe dich! Deine Martina“. Ein Transparent weiblicher Fans mit den Worten „Ballack, du geile Schnitte“ gab dieser Komposition seinen Namen.

Romantisch-melancholisch wird es in „singet leise“, den sechs Lieder nach Gedichten von Brentano und Rilke umfassenden Zyklus, der die Ohrwurmreihe abrundet. Die Stücke mit Texten um Verlustängste und unterschwellige Sehnsüchte sind ein Vorstoß in das musikalisch Unbewusste.

Moritz Eggert als Komponist begleitet Irene Kurka am Klavier, ebenso wie der in Budapest geborene Martin Tchiba mit seinem reichen Erfahrungsschatz durch vielbeachtete Konzerte auf der ganzen Welt. Eine ungewöhnliche CD, die das Phänomen „Ohrwurm“ zerlegt und uns definitiv ohne Ohrwurm hinterlässt, aber um so manche Entdeckung reicher macht. Ein Abenteuer auf dem Feld zeitgenössischer Musik, das völlig ungefährlich, aber sehr humorvoll ist.

Ohrwurm
Klavierlieder von Moritz Eggert
Irene Kurka, Sopran
Martin Tchiba, Klavier
Moritz Eggert, Klavier
Spektral, 2018
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Ein Gedanke zu „Ungewöhnliche Ohrwürmer: Klavierlieder von Moritz Eggert“

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