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Tipp: BAYREUTH Markgräfliches Opernhaus: CARLO IL CALVO, 8. September

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Feuilletonscout-Rezensent empfiehlt: BR RADIO, Dienstag 8. September, 18 Uhr: FESTSPIELZEIT Live aus dem Markgräflichen Opernhaus Bayreuth: Bayreuth Baroque Opera Festival

Nicola Antonio Porpora: „Carlo il Calvo“
Dramma per musica in 3 Akten
In italienischer Sprache

Franco Fagioli – Adalgiso
Max Emanuel Cenčić – Lottario
Julia Lezhneva – Gildippe
Petr Nekoranec – Asprando
Suzanne Jerosme – Giuditta
Bruno de Sa – Berardo
Nian Wang – Eduige
Armonia Atenea
Leitung: George Petrou

Dazwischen:

PausenZeichen
1) a) Ursula Adamski-Störmer im Gepräch mit dem Künstlerischen Leiter des Festivals, Max Emanuel Cenčić
b) Eine Bühne für Wilhelmine. Das marktgräfliche Opernhaus Bayreuth
von Stefanie Bilmayer-Frank

Das Opernwunder von Bayreuth – Große Oper in Zeiten von Corona

Sogar Bayerns Kunstminister Bernd Sibler jubelte: „Ich freue mich, dass das Bayreuth Baroque Opernfestival in diesem Jahr trotz der momentanen Herausforderungen seine Premiere feiern kann. Kunst und Kultur brauchen mehr denn je mutige Aktionen und viel Herzblut!“ Dabei war es alles andere als einfach, diese Projekt auf die Beine zu stellen. Doch davon später.

Am Samstag um Mitternacht war jedenfalls klar: Operation gelungen. Nach fünf Stunden Opera seria bester neapolitanischer Schule sind die barocken Wonnen zu Ende. Jubel, Bravos ohne Ende. Fast konnte einer glauben, dass das Haus voll war, so dankbar und enthusiastisch reagierte das Publikum auf einen szenisch und musikalisch denkwürdigen Abend. Es war die zweite Aufführung von Nicola Antonio Porporas „Carlo il Calvo“, 1738 am führenden Opernhaus Roms, dem Teatro delle Dame, uraufgeführt.

Nein, nicht auf dem Grünen Hügel ereigneten sich im zu Ende gehenden Sommer 2020 Ovationen, Zeichen und Wunder. Das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth, ein angemietetes Museum, beherbergte die erste Co-Produktion des Bayreuth Baroque Opern Festivals mit Parnassus Arts Productions. Die Veranstalter brachten genügend Courage auf, den Spielplan mit dieser szenischen Mammutproduktion trotz aller Corona-bedingten Unwägbarkeiten (Fallzahlen, häufig wechselnde amtliche Verfügungen) und Komplexität (ökonomisches Kalkül; dürfen die Stars aus Risikogebieten anreisen?) durchzuziehen.

Ich gebe zu, ich war nach der 350 km langen Autofahrt von Berlin matt und dachte, das stehst du nie durch. Es sollte anders kommen. Die erste positive Überraschung war, dass im Zuschauerraum keine Maske nötig war, wie dies im Vorfeld mehrfach angeklungen war. Die zweite gute Nachricht, es gab zwar im Haus selber keine Getränke und sonst nix, dafür hatten Findige auf dem Platz vor der Oper einen Stand mit Erfrischungen aufgebaut. Die zwei Pausen waren damit gerettet.

Bayreuth Baroque_Carlo il Calvo©Falk von Traubenberg_Ensemble

Um 18h ging es pünktlich los. George Petrou als Dirigent und Cembalist trat vor das Originalklangensemble Armonia Atenea. Er musizierte schwungvoll, klanglich differenziert, mit der Eleganz und der Wendigkeit eines Florettfechters. Das Team Cencic-Petrou ist ja in Sachen Porpora durchaus eingespielt, hatten die beiden bereits eine Porpora Arien-CD bei DECCA eingespielt. Nun war die Ausgrabung und moderne Erstaufführung der Oper „Karl der Kahle“ dran. Ein barockes Monster in drei Akten und vierunddreißig Szenen. Das bedeutet eine unendliche Abfolge von Rezitativen und Arien, kurzen Orchesterzwischenspielen und einem einzigen Duett. Dio mio, wie kann da die Spannung durchgehalten werden?

Max Emanuel Cencic, nicht nur das künstlerische Herz des gesamten Festivals, sondern auch Regisseur der Oper „Carlo il Calvo“ und noch dazu der Sänger der Hauptpartie, des Lottario, hat die einzelnen Szenen samt bis zu 10 Minuten langen Arien dramatisiert. Er hat die im Mittelalter angesiedelte historische Geschichte in die Goldenen Zwanziger Jahre verlegt, und zwar nach Südamerika. Auf einer durch Urwaldfeuchtigkeit herabgekommenen Hacienda spielt sich das Drama um zwei verfeindete Gruppen eines kriminellen Clans ab. Dabei ergänzt Cencic die sieben Hauptrollen der Oper um eine zahlreiche, überwiegend griechische Schauspielerschar, die die stolze Großfamilie mit starkem Eigenprofil auf Saga-Stärke aufmöbeln. Mit diesem genialen Trick baut Cencic rund um die da-capo Arien kleine Geschichten, die vorzüglich funktionieren und kurzweilig sind. Da wird jede Szene in der Ästhetik von TV-Gangsterserien (z.B.: 4 Blocks) film- und actionreif in Szene gesetzt. Cencic erweist sich dabei als überaus gefinkelt in der Personenregie, man ahnt, wie lustvoll die Proben in August in Athen mit allen Protagonisten gewesen sein mussten.

Bayreuth Baroque_Carlo il Calvo©Falk von Traubenberg_de Sa

Bei der Erzählung der langen Geschichte spannt Cencic einen schlüssigen dramaturgischen Bogen vom Tod des ersten „Paten“ Ludwig bis zu Lottarios spiegelbildlichem Tod am Ende der Oper. Nur Carlos vielleicht gar nicht so demente Oma im Rollstuhl (Eleni Tzortzi gebührt für ihre kurzen Auftritte der Oscar für die beste Nebenrolle) lacht sich über das Verscheiden der Bosse schief. Tja, der Hohn sitzt: Lohnt sich ja vielleicht doch nicht so wirklich das ganze Machtgerangel. Der Sensenmann hat wohl seine eigenen Ideen von Recht und Ordnung.

Natürlich gibt es zwei große Liebesgeschichten: Adalgiso, der Sohn Lottarios ist in Gildippe, zweite Tochter Giudittas, verliebt, während Giudittas Tochter Eduige mit dem Anwalt der Familie, Berardo, schäkert. Klar, dass die Liebenden direkt zwischen die unversöhnlichen Fronten Lottarios und der Stiefmutter Giuditta geraten. Erst am Schluss bekommen sich unter dem Deckmantel von Recht und Gerechtigkeit – opera seria oblige – die Richtigen.

Auslöser der ganzen Familienfeindschaften ist ein Erbfall: Kaiser Ludwig der Fromme heiratete nacheinander zwei Frauen: Irmgard und Giuditta. 817 n.Chr. teilte er sein Reich und machte seinen Erstgeborenen Lottario zum Mitkaiser. Auf Betreiben seiner zweiten Frau revidierte er zwölf Jahre später sein Testament und setzte seinen und Giudittas sechsjährigen Sohn Karl zum Herrscher über Gebiete ein, die er Lottarios Erbe entzog. 

Cencic nutzt das ganze Arsenal der in Hollywood und TV-Industrie aus Drogen- und Clanmilieu destillierten Klischees. Und das mit Erfolg: Sex sells and crime sells. Dabei liegen tödlicher Ernst und Klamauk, Pathos und herzergreifende Innigkeit wie in Quentin Tarantinos Meisterwerken eng beieinander. Ironie und Wirklichkeit fließen zu kunstvoll arrangierten Tableaus zusammen, deren Wirkung nicht zuletzt den großartig-detailreichen, realistischen Bühnenbildern (Giorgina Germanou) und den elegant-verruchten Kostümen (Maria Zorba) zuzuschreiben ist.

Bayreuth Baroque_Carlo il Calvo©Falk von Traubenberg_SchauspielerInnen, Cencic

Da wird geballert und mit Pistolen gefuchtelt, gelogen, des Ehebruchs bezichtigt, verleumdet, gedroht, der kleine Carlo entführt, der Treue versichert und das Versprechen in der nächsten Sekunde aufgekündigt, stets mit der coolen Tschik im Mundwinkel. Max Emanuel Cencic als machtbesessener, alter Pate Lottario stützt Körper und die Last der Verantwortung auf einen eleganten Stock, das ergraute Haar ganz Al Pacino like nach hinten geschleckt. Fünf Arien hat er zu singen. Die erste im zweiten Akt, ein langes Lamento, ist ein grandioses Manifest sängerischen Könnens und eherner Gesangstechnik. Seit fast 40 Jahren auf der Bühne, das bronzene Timbre frisch wie am ersten Tag und keine Abnutzungserscheinungen, das ist ebenfalls unter Wunder zu verbuchen.

Rund um Cencic ist eine vorzügliche, junge Besetzung am Werk. Allen voran die Russin Julia Lezhneva, die schon bei der CD-Aufnahme von Porporas „Germanico in Germania“ (Cencic, Sancho, Nesi, Idrisova) mitgewirkt hat, in der Rolle der Gildippe. Mit einem instrumental luxuriösen Timbre im Stile Victoria del los Angeles‘ gesegnet, zündet sie neben den „empfindsamen“ Arien ein Feuerwerk an Koloraturen, Trillern, Fiorituren und was es da sonst noch an barockem Zierrat geben mag. All das in einer spielerischen Leichtigkeit und Präzision, dass dem Publikum der Atem stockt. Höchste Gesangskunst und Raffinement, unprätentiös dargeboten.

Bayreuth Baroque_Carlo il Calvo©Falk von Traubenberg_Kind_Schauspielerin

Ihr Lover Adalgiso (the good guy im Stück) wird vom argentinischen Countertenorstar Franco Fagioli gesungen. Die Arien dieser legendären Farinelli-Rolle sind technisch so schwer, dass es einen wundert, dass überhaupt irgendein menschliches Wesen damit zurecht kommt. Es sei nicht verschwiegen, dass sich Fagioli am Anfang hart plagt, die Stimme in der Mittellage ausufernd tremoliert und der permanente Überdruck irritiert. Nur die stupende Höhe springt sofort an. Besser einsingen wäre vielleicht keine schlechte Idee gewesen. Aber spätestens im zweiten Akt hat auch Fagioli wieder die gewohnte Fallhöhe erreicht. Das Liebesduett mit Lezhneva ist ein Hochamt an Legatokunst und sängerischem Ausdruck, auch szenisch überzeugt und rührt die zart intime Liebesszene.

Die sehr junge französische Sopranistin Suzanne Jerosme bringt für die gar nicht so junge Gestalt der Giuditta, Carlos Mutter, eine beträchtliche stimmliche und darstellerische Autorität auf die Bühne. Vor allem die substanzreiche Mittellage und die klar ansprechenden Höhen entzücken. Auch darstellerisch agiert Jerosme in jeder Sekunde filmreif. Ihr Sohn Carlo, also die Titelfigur, hat in der Oper gar nichts zu singen. Alvertos Kalogeropoulos stellt aber diesen in der Regie zuerst invalid gezeichneten Jungen (Poliostützen an den Beinen, ein weißes Brillenglas) mit so viel Natürlichkeit und glaubhaft dar (immerhin wird dem bemitleidenswert nach der Mama schreienden Kleinen im dritten Akt von Lottario lange das Messer an die Kehle gesetzt und mit dem Tod gedroht), dass ihm ebenso eine Palme für diese außerordentliche Leistung gebührt. 

Bayreuth Baroque_Carlo il Calvo©Falk von Traubenberg_Jerosme, Lezhneva

Superlative gehen auch an Bruno de Sà, der als Sopranist in die Rolle des Machoschuftes Berardo schlüpfen darf. Der Sänger begeistert mit apartem Timbre, einer unglaublichen Leichtigkeit der Tongebung, einer enormen Musikalität und himmlisch lyrischen Phrasen. Wer nicht hinschaut, errät sicher nicht, dass da keine Frau singt. Asprando, Giudittas Bodygard, ist mit dem aufstrebenden tschechischen Tenor Petr Nekoranec erstklassig besetzt. Bei Supraphon ist kürzlich seine erste Arien CD mit französischem Repertoire erschienen. Dem blendend aussehenden Künstler ist eine steile Karriere vorherzusagen, zumal die Stimme perfekt in der Maske sitzt und er sie frei fließen lässt. Die Diktion ist einwandfrei und erst das hohe C… Ob er ein tschechischer Pavarotti wird, als den ihn jetzt schon manche bejubeln, das wird man sehen. Last but not least ist die Mezzosopranistin Nian Wang als Eduige zu nennen. Auch sie verfügt über ein ansprechendes Timbre, die Gesangstechnik ist tadellos. Von Ausstrahlung und Bühnenpräsenz könnte sie noch zulegen.

Insgesamt ist dieser Abend nicht nur künstlerisch ein großes Ereignis, von dem jedes einschlägige Festival nur träumen kann, sondern markiert eine Pionierleistung in der von Corona so geschüttelten deutschen Musikszene. Während in Berlin die Opernsaison in der Deutschen Oper mit pausen- und belanglosen 90 Minuten „Best of- Abenden“ von Aida und La Gioconda startet, zeigen Max Emanuel Cencic und sein Team in Bayreuth, wie es auch anders funktionieren kann, und das trotz der speziell in Bayern nicht gerade zimperlichen Sicherheitsmaßnahmen. Dabei war es neben dem Hin und Her mit den schon verkauften Karten alles andere als einfach, das Vehikel zum Laufen zu bringen. Die Szene getischlert, geschneidert und geprobt wurde – wie schon gesagt – nicht zuletzt aus Kostengründen, in Athen. Da das Markgräfliche Opernhaus ein Museum ist, mussten Cencic und die Seinen auch das gesamte Personal von der Bühnentechnik bis zu den Garderoben und am Entree selbst organisieren. Nur fünf Tage (!) hatte das Team Zeit, um in Bayreuth die Bühnenbilder anzupassen, aufzustellen, vor Ort zu proben und alles so einzurichten, dass sich am Donnerstag, 3. September der ehrwürdige Vorgang heben konnte. Aber auch das Haus hat so seine akustischen Tücken. Wie mir Cencic selbst im Gespräch versichert hat, bestand eine Schwierigkeit darin, dass die barocke Architektur auf Rampentheater programmiert ist. Das heißt, die Sänger mussten während der langen da capo Arien vorne singen und die Szene dahinter konnte für die Aktion genutzt werden. Nächstes Jahr, wenn die Produktion wiederaufgenommen wird, soll hier nachjustiert werden, um das sensible Gleichgewicht zwischen Orchester und Bühne zu optimieren.

Kompliment an alle, die mitgewirkt und das Wunder vollbracht haben, fünf Stunden Barockoper so kurzweilig und spannend zu präsentieren. Mit den Weltbesten am Werk war das final möglich.

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Ein Gedanke zu „Tipp: BAYREUTH Markgräfliches Opernhaus: CARLO IL CALVO, 8. September“

  1. Nie war ich mit einer Rezension so einig wie mit dieser. Alles ist auf einzigartige Weise beschrieben als ob man selbst dabei gewesen wäre. Ich hatte das große Vergnügen dieser überaus gelungene Performance bei zuwohnen. Es war eine Reise wert.

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