Tastenpoetin und Klangträumerin: die spanische Pianistin Judith Jáuregui

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Von Ingobert Waltenberger.

Soeben ist ihre neue CD „Pour le tombeau de Claude Debussy“ bei Ars Production in der Reihe „Imperial in Concert“ erschienen. Live vom 4. Oktober 2018 aus dem geschichtsträchtigen und ehrwürdigen Hotel Imperial an der Wiener Ringstrasse, überzeugt die aus dem Baskenland stammende Pianistin Judith Jáuregui mit einer quasi symphonischen Hommage an Claude Debussy zu dessen 100. Todestag. Jáuregui begibt sich mit dem Album als auch im Berliner Konzert auf eine Reise durch ausgewählte Werke von Debussy und anderen Komponisten, die für den Meister verschwimmend aufgetragener Klangfarben Inspirationsquelle oder selbst von ihm beeinflusst waren. Da tun sich anregende Verknüpfungen und Querverweise auf, der Hörer staunt, aus wie vielen Quellen und von allen Seiten Musikschaffende immer wieder Stilrichtungen aufgesogen und in ihr Schaffen integriert haben. Irgendwie bekommt man den Eindruck, dass in der Musikgeschichte alles mit allem verwoben ist.

Manuel de Fallas kurzer Trauermarsch „Pour le tombeau de Claude Debussy“ für Gitarre (später für Klavier transkribiert) in Form einer langsamen Habanera hat die Pianistin als Einstieg gewählt, nicht zuletzt weil die musikalische Sprache Debussys vom spanischen Kolorit des Instruments wesentlich profitiert hat.

Den Beweis legt Jáuregui unmittelbar nach mit “Pagodes” und  „La soirée dans Grenade“ aus Debussys kleiner Sammlung „Estampes“. Jáuregui lässt dem Stimmungsgemälde der andalusischen Stadt mit ihrem Abendlicht, den üppig wuchernden Gärten und maurischen Palästen Form du Farbe zuwachsen. Sogar Düfte und bewegte Luft taugen als unmittelbar fühlbare Assoziationsmuster.

Was den Romantiker Franz Liszt und seine 1853 in Weimar vollendete Ballade Nr. 2 mit Debussy verbindet, ist wohl Liszts zukunftsweisendes Genie in experimentaler Harmonik und Erkundung thematischer Abwandlungen.  Das Stück verlangt der Solistin hohes technisches Können und eine immense Bandbreite an emotionalen Gesten ab, die mit Hingabe und manchmal zuviel Pedal gemeistert werden.

Das Konzert im stimmungsvollen Piano Salon Christophori ist mit Teilen des Albums  (Debussy, de Falla, Mompou, Liszt) deckungsgleich. Im Konzert spielte Jáuregui darüber hinaus die Préludes Op. 1 von Karol Szymanowski sowie drei weitere Stücke aus den Kinderszenen des katalanischen Komponisten Federico Mompou. Schüchtern und wortkarg war dieser Lyriker. In die „Jeunes filles au jardin“  entstanden 1918 im Todesjahr Debussys hören wir glucksende Gören, auch in dem „Cris dans la rue“, „Jeux sur la plage“ und „Jeu I+II“ vernehmen wir dank Jáureguis spontan erfühlter Interpretation Klänge in spartanischem Gold. Wahre Höhepunkte eines überreichen, ohne Noten absolvierten Klavierabends.

Das erste veröffentlichte Album mit 9 Préludes des jungen polnischen Komponisten Szymanowski kann als eine Art Chopinscher Tradition (sein “Andante Spianato” ist ein Glanzstück nach der Pause) und der expressiven Kühnheit Scriabins gleichermaßen nahestehende Symbiose betrachtet werden. Vom Titel her verweist es auf die viel später entstandenen “Préludes” von Debussy. Das Stück taucht in leidenschaftliche Abgründe und besticht durch extreme Kontraste. Umso schöner ist es, dass sich die Pianistin aus St. Sebastian hier im zeitweisen Gegengewicht durch Leichtigkeit, nuancierte Phrasierung, aber auch einen dunkle Sonorität empfiehlt.

Was Jáureguis Vortrag generell auszeichnet, ist die unbändige Lust zum konkret erzählerischen Jetzt, aber auch jenes stete Risiko zu Piani und fein gesponnenen Phrasen am hauchdünnen seidenen Faden entlang. Da entpuppt sich plötzlich „Tastenvirtuosität“ als filigrane Poesie im ureigenen Licht. Der Zuhörer glaubt einer musikalischen Séance zu lauschen. Mit somnambul sicherer Geste entfaltet Jáuregui den bunt ornamentierten Notenteppich, besonders Debussy, aber auch Mompou und Szymanowski profitieren von diesem instinktreichen Zugang. Der Drahtseilakt pianistischen Risikos bereitete spannungsvolle Freude offenbar nicht nur mir, wie der Applaus des  begeisterten Publikums eindrücklich unter Beweis stellte. Als Zugabe spielte Jáuregui Debussys “L’Isle joyeuse”.

Feuilletonscout-Autor Stefan Pieper hat Judith Jáuregui für den Online Merker interviewt: hier

Judith Jáuregui
Pour le Tombeau de Claude Debussy (Live-Aufnahme)
Ars Produktion 2019
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Tastenpoetin und Klangträumerin: die spanische Pianistin Judith Jáuregui, 5.0 out of 5 based on 3 ratings

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