Sophie Mitterhuber bezaubert München

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Am Donnerstag hatte am Gärtnerplatz die Operette Der tapfere Soldat von Oscar Straus Premiere. Daniel Prohaska glänzte als Schweizer in serbischer Uniform, die hübsche Musikkomödiantin Sophie Mitterhuber hängte sich voll und ganz in die Rolle der verliebten Nadina. Aber was gibt das 110 Jahre alte Stück heute noch her? Von Stephan Reimertz.

Obgleich Der tapfere Soldat vor 110 Jahren im Theater an der Wien uraufgeführt wurde, fühlte sich Oscar Straus auch dem Theater am Gärtnerplatz in München verbunden. »Die Münchner Walzertraum-Premiere im Jahre 1907 tat ein Übriges, um mein Verhältnis zur süddeutschen Kunstmetropole noch inniger zu gestalten«, schrieb der Komponist noch nach dem Zweiten Weltkrieg. »So fand ich nicht nur eine immer herzlichere Verbundenheit mit dem Theater am Gärtnerplatz, sondern empfing auch in der lebendige Anteilnahme am künstlerischen Geschehen der Stadt vielfache Anregungen.«

Sophie Mitterhuber (Nadina), Ann-Katrin Naidu (Aurelia), Jasmina Sakr (Mascha), Daniel Prohaska (Bumerli) /
© Christian POGO Zach

 

Der Gärtnerplatz hält Oscar Straus die Treue

Oscar verdient den Straus
und Straus verdient den Oscar
Kein Mensch hat je so komponiert
den Marsch getanzt den Tanz marschiert
so leicht und doch so kostbar

Am vergangenen Donnerstag hat das Gärtnerplatztheater seine Tradition als Operettentheater fortgesetzt und zugleich seinem Komponisten Oscar Straus die Treue gehalten. Der tapfere Soldat, eine lustige Operette mit hübschen Melodien, die in den 1880er Jahren während des Serbisch-Bulgarischen Krieges spielt, erlebte seine Premiere. Regisseur Peter Konwitschny hätte das Stück ganz und gar gegen den Strich bürsten und eine gegenläufige Sekundärfunktion in den Mittelpunkt stellen müssen, etwa die leichte Komödie todernst zelebrieren, oder die Leichtigkeit auf die Spitze treiben, um dem Klassiker einen neuen Dreh zu geben. Er entschied sich indes für eine Regie in bewährter Tradition und erzählte die Geschichte mit viel Humor, mittelleicht, und ohne vollends in Klamauk zu versinken. Der tapfere Soldat entstand als Parodie auf George Bernhard Shaws Komödie Arms and the Man, vom geschliffenen Witz des Iren blieb aber nicht viel übrig.

Der Krieg auf die leichte Schulter genommen

Adieu mein kleiner Gardeoffizier
der Vorhang fällt was suchst Du denn noch hier

Nadina (Sophie Mitterhuber) wird während des Serbisch-Bulgarischen Krieges von einem flüchtigen Soldaten in serbischer Uniform überrascht, der sich als der Schweizer Bumerli entpuppt. Darsteller Daniel Prohaska wartet in den Sprechtexten mit leichter Schweizer Einfärbung seines Hochdeutschs auf. Die ganze Story ist ein Nichts, ein Hauch, bis Nadina sich am Ende von ihrem Verlobten Major Alexius Spiridoff (fesch und zackig: Maximilian Meyer) trennt, um den Schweizer zu heiraten. Der Major hat eh längst ein Auge auf die junge Verwandte Mascha (quirlig und witzig: Jasmina Sakr) geworfen. Die Eltern Oberst Kasimir Popoff (Hans Gröning) und seine Frau Aurelia (Ann-Katrin Naidu) sind’s zufrieden, denn der Schweizer bringt im Original eine Hotelkette, in Konwitschnys Inszenierung eine Waffenfabrik mit in die Ehe. (Die leicht beleidigte Schweizer Familie Bührle mag sich wiederum ärgern.) Überhaupt geht die Regie mit dem Thema Krieg recht sorglos um, was bei der Uraufführung 1908 noch angegangen sein mag, heute nach zwei Weltkriegen jedoch leichtfertig und zynisch, zumindest aber unreflektiert wirkt.

Jasmina Sakr (Mascha), Ann-Katrin Naidu (Aurelia), Sophie Mitterhuber (Nadina), Daniel Prohaska (Bumerli), Herrenchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz / © Christian POGO Zach
Gefühlswelten vergangener Zeiten

Es steht ein Soldat am Wolgastrand
die Kameraden sind längst weggerannt

Oscar Straus, der von den Nazis verfolgte brillante europäische Kulturmensch wäre an diesem Abend in seinem Element gewesen. Seine Arie Leise, ganz leise aus dem Walzertraum gehört zu den unverlierbaren Liedern der Welt und genießt in Wien den Status eines Volksliedes. Im neuen Tapferen Soldaten präsentiert uns Johannes Leiacker eine ganz und gar einfallslose Bühne mit schraffiertem Hintergrund, dafür aber herrliche Kostüme. Besonders hatte es dem Premierenpublikum die große Schleife angetan, die Nadinas nicht unbedingt schlanke Mutter über ihrem Po spazierenführte. Die Kostüme parodieren das Genre Operette, ohne es zu denunzieren. Im Gegensatz zu Musik aus derselben Zeit, etwa Richard Straussens Elektra und seiner Ariadne auf Naxos, aber auch Lehárs Lustiger Witwe oder Oscar Strausens eigenem Walzertraum, die zeitlos und ewig genannt werden können, ist die Musik des Tapferen Soldaten zeitbedingt. Gerade darum aber können wir uns durch sie in das Alltagsempfinden unserer Ur- und Ururgroßeltern einfühlen.

Oscar Straus als Erbe von Marschner, Lorzing und Offenbach

Musik gehasst von Schicklgruber
gesungen nun von Mitterhuber
die Arie hörte man noch nie
so sommerschön wie von Sophie

Die Musik von Oscar Straus schuldet dem deutschen Singspiel mehr als der französischen oder österreichischen Operette, wenngleich sie auch Anklänge an Johann Strauß bereithält. Anthony Bramall und das Orchester des Staatstheaters zeigten am Donnerstagabend, dass sie ganz in ihrem Element waren. In München wurde wieder deutlich, dass man gerade solche Musik hören muss, wenn man wissen will, wie Hans und Liese vor dem Ersten Weltkrieg dachten und fühlten. Schon in der Ouvertüre wartet Straus mit einer Doppeldominante auf, bei der mancher reine Opernfreund aus den Latschen gekippt sein dürfte. Solche musikalischen Härtefälle zeigen jedoch die Nähe zu dem, was man kurz darauf Schlager nannte. Hier wird das Ei gebrütet, aus dem der Schlager kroch. Nadinas Arie Held meiner Träume hingegen lässt noch einmal die große Tradition von Jacques Offenbach aufleben. Diese Arie ist die Säule, die das Werk trägt, und ohne die es zusammenbräche. Wunderbar vorgetragen und verkörpert von Sophie Mitterhuber, saugt dieser Gesang seine Substanz aus der Hymne des Antonia-Aktes von Hoffmanns Erzählungen. Zu diesem humanistischen Ohrwurm verhält sich Oscar Strausens Einfall eine Generation später wie ein gelungener Wurmfortsatz. Beim Schlussapplaus zeigten sich Peter Konwitschny und das sympathische Ensemble des Gärtnerplatztheaters erfreut, dass es ihnen gelungen war, der gleichzeitig stattfindenden Fußballweltmeisterschaft zum Trotz soviele Leute ins Theater zu locken. Ein größerer physiognomischer Kontrast als zwischen Komponist Oscar Straus, dem raffinierten und witzigen Kulturmenschen, und Regisseur Peter Konwitschny, dem bezopften Postachtundsechziger-Nerd im Polohemd, ist allerdings kaum vorstellbar.

Der tapfere Soldat
Noch bis zum 8. Juli 2018
Alle Termine hier

Gärtnerplatztheater
Gärtnerplatz 3
80469 München

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