Die Marseillaise wird zurückgenommen. “Dantons Tod” von Gottfried von Einem am Gärtnerplatztheater in München

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Günter Krämer inszeniert am Münchner Gärtnerplatztheater die Oper Dantons Tod von Gottfried von Einem. Herbert Schäfer überzeugt mit einem düsteren modernen Bühnenbild. Anthony Bramall und das Orchester des Staatstheaters packen die Zuhörer mit ihrer wuchtigen und prägnanten Interpretation der Vertonung von Georg Büchners Anti-Revolutionsdrama. Von Stephan Reimertz.

Welch ein Wiedersehen mit Sona MacDonald! Als mondän-indignierte Julie eröffnet die amerikanische Schauspielerin den Todesreigen der in den letzten Zuckungen liegenden Französischen Revolution. Mária Caleng sticht als Lucie Desmoulins in ihrem roten Kleid gegen die vorwiegend schwarz gehaltenen Kostüme von Isabel Glathar und Herbert Schäfers düster glänzendes Bühnenbild ab. Die Revolution verschlingt ihre Kinder, und diese nehmen es gelangweilt zur Kenntnis. Mathis Hausmann als Danton könnte vor der Guillotine fliehen, bringt aber nicht einmal dazu die Energie auf und geht spazieren. Georg Büchner zeigte in seinem Drama Dantons Tod im Jahre 1835 den Katzenjammer der Revolution in der revolutionären Dramaturgie und Sprache seines Stücks.

 

Mária Celeng (Lucile Desmoulins), Stefan Thomas (Ein junger Mensch), Daniel Prohaska (Robespierre), Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz / © Christian Pogo Zach

Das royalistische Theaterstück eines Revolutionärs

1947 zieht der neunundzwanzigjährige Komponist Gottfried von Einem musikalisch Bilanz, indem er bei den Salzburger Festspielen sein gleichnamiges Musikdrama präsentiert, das sich eng an die Vorlage hält. Die direkte Linie von Rousseau zu Hitler und Stalin leuchtet jetzt, nach dem Zweiten Weltkrieg, deutlich auf. Die deklamatorisch-ironische Musik gerät zum kongenialen Pendant der Textvorlage. Rhythmisch komplex und abwechslungsreich gestattet sie sich auch vermeintlich einfache thematische Stellen wie das Ende des ersten Bildes, wo der Komponist auf den Chor der ermüdeten Ritter im Parsifal anspielt und das Finale des Werkes, wo die Marseillaise im Todeschor Wenn ich nachhause geh, scheint der Mond so schön untergeht. Die Zeit zwischen Büchners Drama und Einems Oper, die Millionen Toten hätte man sich sparen können. Die Marseillaise wird zurückgenommen, so wie der Komponist Adrian Leverkühn zur selben Zeit in seiner Apocalypsis cum Figuris die Neunte Symphonie zurücknimmt. Zusammengerafft und engagiert, ist Günter Kremer und dem Ensemble am Gärtnerplatz eine überzeugende Umsetzung der genialischen Partitur wie der genialen Textvorlage gelungen. Luciles letzten Worten: Es lebe der König! folgte der Jubel des ganzen Opernhauses.

Weitere Vorstellungen am 19.10, 1.11, 4.11. und 15.11.2018

Staatstheater am Gärtnerplatz
Gärtnerplatz 3 I
80469 München

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