Viktoria und ihr Husar erobern München

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Viktoria und ihr Husar erobern MünchenDas Gärtnerplatztheater rekonstruiert die Operette von 1930. In seiner Nähe zu Film, Jazz, Schlager, Folklore, Revue und einer Vorahnung des Fernsehens ist die Komposition von Paul Abraham der Inbegriff moderner Operette und kommt heute wieder bei der Jugend gut an. In München wurden wir Zeuge einer ehrlichen und gewissenhaften Inszenierung. Von Stephan Reimertz

Die Münchner haben es gut! François de Cuvilliés d. J. stellte ihnen in der Zopfzeit eines der schönsten Theater Europas in die Mitte ihrer Stadt, welches sich bis heute hervorragend für Opernaufführungen des achtzehnten Jahrhunderts eignet, bis hin zu Rossini. Das Nationaltheater nebenan ist der ideale Aufführungsort der Grand Opéra des neunzehnten Jahrhunderts, bis zum frühen Wagner. Das amphitheatralische Prinzregententheater, bereits von Wagner inspiriert, ist der perfekte Ort für seine Musikdramen und die Moderne. Das Gärtnerplatztheater wiederum, vorstädtischer Erbe der Opéra Comique, ist Heimat des Singspiels, der Komödie und Operette. Ballett und Tanztheater gibt’s überall.

Leider gerät im Theateralltag manches durcheinander. Sprechtheater, welches getrost woanders lamentieren könnte, blockiert das Cuvilliéstheater, in der Folge wird Oper des achtzehnten Jahrhunderts ins Nationaltheater abgeschoben und verliert sich szenisch und musikalisch auf der großen Bühne. Dennoch bleibt München eine Musiktheaterstadt, und das Gärtnerplatztheater hat mit der Freundschaft von Spieloper, Kinderoper, Musical und Operette seinen Teil daran. Niemand wird übersehen, dass der große Erfolg bei Publikum und Experten an der Passion und Ernsthaftigkeit liegt, mit der in diesem Theater die Klassiker inszeniert werden.

In zwei Stunden durch drei Länder

Die histrionisch überspitze Handlung von Viktoria und ihr Husar liest sich wie ein Roman von Theodor Kröger: In einem sibirischen Gefangenenlager am Ende des Ersten Weltkriegs sitzen der ungarische Husarenrittmeister Stefan Koltay (Daniel Prohaska) und sein Bursche, der Zigeunerprimas Janczy (Josef Ellers), ein. Der Lagerkommandant Leutnant Petroff (Gunther Gillian) will die beiden hinrichten lassen und sich Janczys Geige aneignen. Die drei Herren in München agieren stramm und frisch, unterstützt von einem flotten und wandlungsfähigen Ensemble. Das holzschnittartige Agieren des schon etwas in die Jahre gekommenen Boulevardtheaters verfehlt seine Wirkung auf die Zuschauer nicht, unter denen sich überraschend viel Jugend befindet.

Ja, man kann beobachten, dass die ganz Jungen und die ganz Alten dieser aus dem Dornröschenschlaf erweckten Operette besonders zusprechen. Man tut dem Publikum des Gärtnerplatztheaters auch kein Unrecht, wenn man es als kleinbürgerlich im guten, authentischen Sinne bezeichnet. Das Publikum der Uraufführung in Berlin 1930 war soziologisch gesehen nicht sehr anders, wenn es auch sicher ein bunteres, kosmopolitischeres, stärker jüdisch bestimmtes Kleinbürgertum war. Mit anderen Worten: Am Gärtnerplatz ist das Publikum immer auch Mitspieler der Operette.

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Susanne Seimel (O Lia San), Chor und Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz © Christian POGO Zach

Scheherazade im Caféhaus

Die Autoren des Werkes entstammten eben derselben Schicht, so wussten sie genau, welche Sehnsüchte man bei seinem Klientel befriedigen muss. Da ist zunächst einmal das Fernweh. Auf dieses zielte auch der Welterfolg des Singspiels Im weißen Rößl ab, das im selben Jahr seine Uraufführung erlebte. Schickten Komponist Ralph Benatzky und seine Librettisten die Zuschauer auch lediglich an den Wolfgangsee – damals immerhin Treffpunkt der High Society vor allem des deutschen Films – , gaben sich die Textdichter Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda und ihr Komponist Paul Abraham in Viktoria und ihr Husar mit einem solchen vergleichsweise nahen Reiseziel nicht zufrieden.

Wer 1930 ein sibirisches Gefangenenlager auf der Bühne sah, dachte dabei weniger an den Ersten Weltkrieg als an jene Lager, die in Sowjetrussland damals schon zu Tausenden bestanden, und welche die Deutschen wie nichts anderes fürchteten – und nicht zuletzt darum zu den Nationalsozialisten überliefen. So erschrak Viktoria und ihr Husar die Zuschauer gleich in der ersten Szene, um sodann dem Reisefieber und Eskapismus der Zeitgenossen nachzugeben. Die Autoren greifen das alte Motiv der Scheherazade auf, die um ihr Leben erzählt. Lagerkommandant Petroff lässt Stefan die Geschichte seiner Liebe zu Viktoria berichten und stellt in Aussicht, beide Gefangenen zu begnadigen, wenn ihm die Story gefallen sollte.

Der Star des Abends: Alexandra Reinprecht

Nach solchem Prolog versetzen sich Ensemble und Bühnenbild am Gärtnerplatz in Windeseile an die Schauplätze der drei Akte und die Orte, an denen die humoristisch-sentimentale Liebesgeschichte einer Frau zwischen zwei Männern spielt. Regisseur Josef E. Köpplinger gelingt eine voll und ganz angemessene Rekonstruktion der Operette mit klar herausgearbeiteten Charakteren und starker Handlungsführung, originellen Regieeinfällen und bunter Atmosphäre. Karl Fehringer und Judith Leikauf unterstützen ihn dabei mit einem raffinierten Bühnenbild, das uns die fernländischen Schauplätze als Bühne in der Bühne präsentiert. Die Kostüme von Alfred Meyerhofer zaubern nicht nur die Orte der Handlung, Tokyo, St. Petersburg und Ungarn, folkloristisch herbei, sondern sind auch eine Freude zum Anschauen.

Mit einem für Literatur und Theater der späten Zwanziger Jahre typischen Caféhauskosmopolitismus versetzt das Stück uns ins diplomatische Milieu, das ja selbst etwas Operettenhaftes hat. Der Botschafter John Cunlight (Erwin Windegger) macht eine gute Figur, und Alexandra Reinprecht wird zum echten Star des Abends als glamouröse, von allen begehrte Viktoria. Susanne Seimel als japanische Gegenfigur verfügt über all den Operettenhumor, den sie braucht, um der strahlenden Titeldame Paroli bieten zu können. Oleg Plashnikov und das Orchester des Staatstheaters werden vom Enthusiasmus der Zuschauer getragen und gönnen uns zum Abschied noch einen Czardaz.

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Alexandra Reinprecht (Gräfin Viktoria), Erwin Windegger (John Cunlight), Ensemble
© Christian POGO Zach

Echte Ohrwurmqualitäten

Dem gebürtigen Ungarn Paul Abraham gelingen die Schauplätze Tokyo und Ungarn musikalisch etwas besser als Russland. Mit seinen pentatonisch aufgeladenen Chinoiserien zeigt er, dass er das Genre nicht weniger beherrscht als die Zeitgenossen Puccini, Lehár und Stolz. Das ungarische Weinfest im dritten Akt ist ihm ein Heimspiel. Die raschen Ortswechsel und musikalischen Wechsel erinnern den Zuschauer damals wie heute an Filmmusik, die in jenen Jahren freilich gerade entstand. Die Instrumentierung macht gezielte und erfolgreiche Anliehen an den Jazz. Die thematischen Einfälle haben Ohrwurmqualität, und mindestens zwei Schlager aus Viktoria sollten die Verfemung des Komponisten und das Verbot der Operette überleben und sich bis heute im Ohr von jedermann halten: Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände und Denn so ein Mädel, ungarisches Mädel.

Auch scheut sich Abraham nicht, folkloristischen Erwartungen des Publikums zu entsprechen. Die revueartige Verbindung von all jenen Elementen war damals der letzte Schrei und unterschied Abrahams Typus der Operette von älteren Vorbildern. Tatsächlich haben wir es bereits mit einer Vorahnung des Fernsehens zu tun, das ein paar Jahre später in seine Kinderschuhe gesteckt wurde, und zwar von jenen Leuten, die Abraham und die Seinen verfolgten.

Leben und Libretto – ein turbulenter Abenteuerroman

Der Textdichter Fritz Löner-Benda wurde 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet, nachdem Manager der I. G. Farben die Arbeitsleistung des kranken 59jährigen als unzureichend bemängelt hatten. Der Komponist Paul Abraham floh ins Exil und begab sich auf eine Odyssee nach Budapest, Paris, Cuba und New York. Er starb 1960 in Hamburg. Aber schon sein Leben in Ungarn vor dem Erfolg mit Viktoria und ihr Husar war ein turbulenter Abenteuerroman gewesen, wie ihn kein Schriftsteller der Zwanziger Jahre zeittypischer hätte erfinden können.

Wenn wir heute dieses Meisterwerk der späten Zwanziger Jahre genießen, stellt sich freilich die Frage, ob wir uns aus musikgeschichtlichem Interesse in das Werk hineinknien, oder vielleicht auch, weil wir das Gefühl haben, den Textdichtern und dem Komponisten etwas schuldig geblieben zu sein. Denn nicht nur der Nationalsozialismus hat diesen Typus der Operette aus Deutschland vertrieben, sondern die Form des amerikanischen Musicals. Die musikalisch und historisch sensible Rekonstruktion von Viktoria und ihr Husar am Gärtnerplatztheater in München ist ein willkommener Anlass, den Weg ins Land der Operette zurückzufinden.

Noch eine Vorstellung am 10. Februar 2018.

Staatstheater am Gärtnerplatz
Gärtnerplatz 3 I
80469 München

 

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