Mord als Handwerkskunst: „Die Plotter“ von Un-Su Kim

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Rezension von Barbara Hoppe.

„Schmutzig, ranzig, eklig, widerwärtig. Das war der Fleischmarkt. […] Die Endstation für gefallene Blätter. Fälscher, Geldwäscher, Kopfjäger, Ärzte ohne Zulassung, Kredithaie, Schmuggler, Cleaner, Zuhälter, Versicherungsbetrüger, Drogendealer, Organhändler, Waffenschieber, Leichenbeseitiger, Auftragskiller, Jäger, Söldner, Tracker, Mittelsmänner, Diebe, Stricher, Gangster, korrupte Polizisten, Whistleblower und Wendehälse […] Rache konnte man hier kaufen, Freude, Untergang, Wiederauferstehung und Rehabilitation.“ (Un-Su Kim, Die Plotter)

Der Fleischmarkt in Seoul ist das Spielfeld all jener, denen Recht und Moral gleichgültig sind, so lange das Geld stimmt. Hier wirken die Plotter. Männer, die Auftragsmorde detailliert planen und ausführen lassen. So wie Old Raccoon, der Kopf der „Library of Dogs“. Jahrzehntelang steuerte er ein ausgetüfteltes Netzwerk von Berufskillern und Informanten. Eine Respektperson, dessen Missachtung meist tödlich endet. Morde, die erst vom Trainer ausgeführt wurden und schließlich von Raeseng, einem jungen Mann, dessen Ausbilder bis zu seinem gewaltsamen Tod Trainer war. Old Raccoon zog Raeseng einst aus der Mülltonne vor einem Krankenhaus und nahm ihn zu sich. Ohne Schulbildung und Liebe aufgewachsen, entwickelte sich der Junge zu einem der besten Profikiller des Landes. Ein Handlanger im Auftrag Old Raccooons. Bis zu dem Tag, an dem er von dem genauen Plan abweicht. Es ist der Funke, der gefehlt hatte, damit eine neue Generation von Plottern in den Vordergrund drängen und Old Raccoon kaltstellen kann. Eben noch gefragter Killer, steht Raeseng plötzlich selbst auf der Abschussliste. Und blickt nicht mehr durch. Wer spielt hier welches Spiel? Wer möchte wen ausschalten? Wie groß ist die Gefahr für ihn und Old Raccoon wirklich?

Coverabbildung © Europa Verlag

Unsentimental und kühl, aber nicht ohne Sympathie für seinen instinktsicheren, aber bisweilen etwas einfältig-melancholischen Protagonisten begleiten wir Raeseng durch die südkoreanische Hauptstadt. Die Plotterszene ist in Unruhe, drei Profis hat es schon erwischt. Raeseng selbst findet eine mysteriöse Bombe in seiner Toilette, dort deponiert von der noch mysteriöseren Mito. Seine Recherchen tragen kaum zur Klärung der verwirrenden Zustände bei. Welche Rolle spielt Hanja, groß, elegant, höflich, aber eiskalt? Einst Bruder im Geiste von Raeseng und fast familiär mit dem alten Old Raccoon verbunden, entwickelt er sich zu einem gefährlichen und undurchsichtigen Gegenspieler. Es sind so einige Tracker, Killer und Cleaner unterwegs, um alles zu sammeln und auszulöschen, was das wackelige Imperium des Kopfes der „Library of Dogs“ noch stützt.

Es ist ein Thriller der Extraklasse, den der südkoreanische Autor Un-Su Kim hier vorlegt. So brutal und gnadenlos das Metier auch ist, an asiatischer Höflichkeit mangelt es nicht. Morden ist ein Geschäft wie jedes andere und Teil eines solchen. Verhandelt wird ruhig und bestimmt. Es liest sich großartig, wenn sich die Berufskiller Raeseng und Minari Pak gegenüber sitzen, sehr kultiviert Konversation betreiben, zusammen rauchen und schnipp! fehlen dem einen zwei Finger – sauber mit einem Messerschnitt abgetrennt. Emotionslos im Job, illusionslos im Leben und würdevoll dem eigenen Tod gegenüber, so sind Un-Su Kims Figuren. Keiner von ihnen wird alt. Warum sie sich trotzdem für diesen Weg entscheiden liegt tief in ihren kaputten Seelen versteckt. Winkt auch viel Geld, glücklich sind sie nicht. Was bleibt, ist das ehrenvolle Sterben. Un-Su Kim zeigt uns, wie es geht. Ganz ohne Moral, ganz ohne hardboilded Action, ganz ohne Pathos, aber mit viel Stil.

Un-Su Kim         
Die Plotter
Europa Verlag, München 2018
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2 Gedanken zu „Mord als Handwerkskunst: „Die Plotter“ von Un-Su Kim“

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