Mondsüchtig und urko(s)misch!

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikPedro António Avonando „Il Mondo della Luna“. Heftiger Applaus von Ingobert Waltenberger.

Ausgezeichnete Barockopern gab es nicht nur in Frankreich, Italien, Deutschland oder England, sondern auch in Portugal. Die dreiaktige Opera buffa „Il mondo della luna“ nach dem berühmten Libretto von Carlo Goldoni ist dafür wohl der beste Beweis. Der Tonsetzer Pedro António Avondano, Sohn eines genuesischen Vaters und einer aus dem französischen Nantes stammenden Mutter, dürfte Musik bereits als Baby intensiv eingesogen haben. Der Vater Pietro Giorgio trat nämlich schon mit 19 Jahren eine Position als Geiger in der königlichen Kapelle von Johann V. dem Großherzigen aus dem Haus Braganza an. Der Sohn trat in seine Fußstapfen und bereicherte den königlichen Klangkörper ebenfalls als Violinist von 1754 bis zu seinem Tod 1782. Weil das damals so üblich war, hatte er neben seiner angestammten Funktion auch Musik für Ballette zu schreiben, machte sich aber auch als Komponist von Werken für Cembalo solo, Kammermusik und anderer Instrumentalmusik einen Namen.

König Joseph I. drängte Goldoni, Stücke für den portugiesischen Hof zu verfassen, wofür er fürstlich entlohnt wurde. An die zehn Opern auf Libretti des Venezianers Goldoni kamen in der Folge auf portugiesische Bühnen. Darunter befand sich auch „Il mondo della luna“. Das skurrile Stück ist hierzulande vor allem wegen der gleichnamigen Oper von Joseph Haydn ein Begriff, die 1777 in Eszterházá entstanden ist und seine letzte Komödie bleiben sollte. Aber auch Galuppi, Gassmann, Piccinni und Paisiello, um nur einige zu nennen, vertonten die Komödie rund um den herrsch- und wohl auch genusssüchtigen alten Aufsteiger Buona Fede, der der Heirat seiner Töchter Clarice und Flaminia mit dem nichtadeligen, aber pfiffigen Pseudo-Sternendeuter Ecclitico und dessen Freund Ernesto nicht zustimmen will. Klar, es muss was „Besseres“ her. Final fügt er sich ins Unvermeidliche und segnet die Ehen seiner Töchter, auch wenn sie gegen seinen Willen zustande gekommen sind. Da muss aber vorher schon ein simulierter Flug zum Kaiser des Mondes her, um alles ins rechte Lot zu rücken. Freilich war der Teleportations-Zaubertrank nichts anderes als ein banales Schlafwässerchen….  

„Il mondo della luna“ ist voll von atemberaubender Situationskomik, wobei auch dem Mond eine Funktion als eine Art überirdischer Instanz zukommt. Die Menschen haben – wie das wohl auch heute noch nicht wenige Esoteriker tun – lediglich den Mondphasen zu folgen und danach ihre Verrichtungen und Werke auszurichten. Einmal nicht der Papa, sondern der Mond wird‘s schon richten.

Avondano schrieb diese seine einzige Oper für die Karnevalssaison 1765 (Königliches Theater von Salvaterra). Während der erste Akt noch ganz in Zeichen der „Reisevorbereitungen“ steht, konzentriert sich der zweite Akt auf Liebesdinge, Eifersüchteleien und den schönen Anschein, der hier stets täuscht. Im dritten Akt finden sich die losen Enden der Fäden und knüpfen sich zu einem wohlgestalten Gobelin. Die Musik badet in lautmalerischer Posse. Die Worte werden nicht nur durch die vokalen Linien travestiert, sondern durch instrumentale Gags doppelt gebrochen. Die Arien bauen auf kurze Themen und knappe Phrasen, sie stützen sich auf ein variabel eingesetztes, atmosphärisch wandelbares Instrumentarium.

Gesungen wird italienisch. Das erstklassige portugiesische Ensemble greift die Gelegenheiten zu drastischem Humor, melodramatischer Extravaganz, deftigen Duetten und flotten Ensembles – mit oder ohne Chor – dankbar auf. Die in diese Schwindel-Mondfahrt verstrickten sieben Protagonisten wissen ihre Täuschungen und betrügerischen Spiegelungen vokal mit volkstümlicher, bisweilen derber Intensität zu gestalten. Sie verfügen aber auch über den galanten Ton, die darunter liegenden Wechselbäder von intimer Liebe und Zweifel im Kreuzfeuer mit gesellschaftlichen Erwartungen glaubhaft zu vermitteln.

Vor den Vorhang bitte: Fernando Guimarães (Ecclitico), Luís Rodrigues (Buona Fede), João Pedro Cabral (Ernesto), João Fernandes (Cecco), Susana Gaspar (Clarice), Carla Caramujo (Flaminia) und Carla Simões (Lisetta). Das Originalklangensemble Os Músicos do Tejo unter der erfahrenen Leitung von Marcos Magalhães und der Coro di scolari e cavalieri bilden mit der Bühne eine eingeschworene Gemeinschaft, ganz im Dienste einer enormer Ausdrucksdichte, was auch Klamauk und bewusstes Outrieren nicht ausschließt.

Der Vorhang zu: Heftigster Applaus und Bravogeschrei aller irdischen und interstellaren Zuhörer.

Achtung: Das Album ist am besten bei Vollmond in der siebenten Stunde zu hören. Nebenwirkungen für Somnambule und anders Mondsüchtige sind nicht ganz auszuschließen.

Zur Fassung: Die Aufnahme mit 137 Minuten Spielzeit basiert auf einer gekürzten Edition, die 1994 vom Teatro Nacional de São Carlos in Lissabon in Auftrag gegeben wurde. Jede Figur außer Buona Fede musste mit jeweils einer Arie Federn lassen, außerdem wurden einige Rezitative und Szenen ausgelassen. Aus meiner Sicht wäre es gescheiter gewesen, bei den Rezitativen (die als Dutzendware durchgehen) zu kürzen, als bei den äußerst witzigen und durch ihre Kompaktheit so kurzweiligen Arien.

Hinweis: Diese wunderbare Gesamtaufnahme bietet auch eine ideale Gelegenheit, sich wieder einmal das Haydn-Album „Il mondo della luna“ unter Antal Dorati vorzuknüpfen. Immerhin sorgen da Frederica von Stade, Arleen Auger, Edith Mathis, Lucia Valentini-Terrani, Luigi Alva und Domenico Trimarchi für vokal-lunatischen Furor. 

Pedro António Avonando
Il Mondo della Luna
Weltersteinspielung
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Mondsüchtig und urko(s)misch!, 5.0 out of 5 based on 8 ratings

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