Menschen mit Musik: „Viva Vivaldi!“

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Kolumne von Susanne Falk.

„Mama, der Sturm! Das ist der Sturm!“

Das jüngste Kind steht begeistert vor mir und freut sich an der Musik, die aus dem Radio kommt und die so gut zum Wetter passt. Aber woher weiß das Kind denn nun wieder, wie das Stück heißt?

„Keine Ahnung, Mama, aber hörst du nicht den Sturm in der Musik? Am besten klingt es auf der Orgel, besser als mit Geigen!“

Das Kind steht auf Orgelmusik. Je mehr Wumms desto besser! Und es steht auf Vivaldi, ganz offensichtlich, denn der „Sturm“ entstammt den „Vier Jahreszeiten“. Ich schaue voller Stolz auf den verschwitzten Kinderkopf hinunter und denke mir, dass meine allererste CD, die ich mir in jungen Jahren selbst gekauft habe, eine billige Box mit Vivaldi-Einspielungen aus dem Discounter war. Ich hab sie heute noch und liebe sie nach wie vor.

Diesen Sommer, wenn alles gut geht, erobern wir die Serenissima, dank eines Stipendiums der Literar Mechana. Die verschickt ja gerne Autorinnen samt Familie auf Sommerfrische. Luxus pur, nach einer so langen Zeit zu viert mit Katerchen in einer Zwei-Raum-Wohnung. Die Freude ist unendlich und der Soundtrack zum Urlaub schon längst eingespielt: Viva Vivaldi! Welcher Komponist würde besser zu einem Aufenthalt in Venedig passen als er? Und dann blättert man in seliger Vorfreude das Booklet zur CD durch und die Erinnerung kommt zurück: Die doofen Venezianer haben ihren größten Komponisten doch einst glatt aus der Stadt geekelt. Und wo starb der arme Mann? Hier ums Eck, in Wien.

Die Wiener wissen ihre Großen ja auch nicht immer zu schätzen, doch allzu oft verkehrt es sich ins Gegenteil. Man gemeindet auch mal großzügig ein, was von außerhalb kommt. Erklären Sie einem Wiener mal, dass Beethoven eigentlich Deutscher war. Na, mehr braucht es nicht, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Der Beethoven gehört nach Wien, aus, basta! Und kommen Sie ja nicht auf die Idee anzumerken, dass Mozart ja eigentlich Salzburger… Gusch, wird der Wiener sagen, schleich di!

Aber den armen Vivaldi haben sie quasi mit Nichtachtung gestraft. Von dem hat hier kaum einer Notiz genommen und ein Ehrengrab hat er auch nicht bekommen. Als Priester, der er ja auch war, wurde er drittklassig verscharrt. Wie sehr sich das Musikgenie ignoriert und ungerecht behandelt gefühlt haben muss, kann man nur erahnen. Wer einmal so groß war, der wird nicht gerne schon zu Lebzeiten der Vergessenheit übereignet.

Umso erfreulicher, dass Vivaldi eine Renaissance erlebt hat und wir, sobald auch nur ein paar Takte seiner Musik erklingen, schon das Wasser der Lagune gegen das Boot schlagen hören. Vivaldi – das ist Fernwehmusik!

„Mama, schalt mal Fluch der Karibik an!“

Wie? Was? Hans Zimmer? Schon wieder? Aber was ist mit Vivaldi, Kind? Was ist mit dem Sturm?

„Ach, Mama, schau doch mal das Wetter an.“

Die Sonne scheint, der schwere Regenguss mit Hagel und Böen ist vorbeigezogen. Na gut, denke ich, stelle das Radio aus. schiebe stattdessen die Filmmusik-CD in den Player, dann halt nicht. Man kann sie eben nicht ändern, die Wiener.

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