Menschen im Museum: Nackte Tatsachen

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Kolumne von Susanne Falk.

Ab heute zweimal im Monat. 

Mir graut. Denn nun heißt es wieder: Was tun mit Kind und Kegel bei Hagel, Wind und Sturm? Unsere Miniwohnung bietet nur bedingt Auslauf für bewegungshungrige Kinder und meine Lust, jeden Tag bei Regen, wahlweise gefrierendem Nebel, in den Fußballkäfigen unserer Stadt herumzubolzen, ist enden wollend. Demzufolge besitzen wir eine schier unübersichtliche Anzahl von Jahreskarten für die Wiener Museen. Indoor-Entertainment mit einem Hauch von Kultur. Leider werden wir dadurch genau zu der Sorte Mensch, die ich früher so bemitleidet (und ja, verachtet) habe. Aber der Reihe nach.

Während meines Studiums war ich Aufsicht in einer Kunstausstellung, ganze drei Jahre lang. Es gab andere Jobs davor und es gab andere Jobs danach, aber diese drei Jahre waren ziemlich prägend. Man konnte die Bilder betrachten und viel über Kunst lernen (und nebenbei etwas Geld verdienen) und man konnte die Besucher beobachten und viel über Menschen lernen – für eine Autorin eine großartige Sache. Wer war am lautesten (Schulklassen), wer war am höflichsten (Schweizer), wer benahm sich fast immer daneben (Sponsoren bei Charityveranstaltungen), wer war wirklich interessiert an dem was er sah (Volksschulkinder, unter guter Anleitung) und wer kaufte den Shop leer (alle)? Und dann gab es die Kategorie, mit der man am meisten Mitleid hatte, den Mitgeschleiften.

In einer Familie gibt es immer denjenigen, der sich mehr als alle anderen für etwas begeistern kann, sei es Theater, Fußball, Rockmusik, Vanilleeis oder eben Kunst. Wo halt die Leidenschaft und der Konsumwille hinfallen. Und der Wille fällt fast immer auf die Erwachsenen. Was haben sie also für eine Wahl, die Kleinen?

Ein bisschen Kultur hat noch niemandem geschadet, also ab ins Museum, wahlweise Dinoskelette, alte Schinken, neue Technik oder Musikinstrumente anschauen. Und da steht sie nun, die Kinderschar, dankbar für jede neue Sonderaustellung, weil sie den Rest eh schon tausend Mal gesehen hat und lärmt sich ihren Weg durch die Hallen der Kunst. Anfassen ist nicht, das haben sie mittlerweile verinnerlicht, aber den Abschaltknopf für den Ton hab ich noch nicht gefunden. Also hinein ins Getümmel. Genauso wie das Familien schon getan haben, als ich noch auf der anderen Seite der Absperrung stand und diese kleinen Geister immer bemitleidet habe, die doch viel lieber draußen herumgetobt wären statt sich von Mama erklären zu lassen, was eine Allegorie ist. Wie heißt es doch bei Peppa Wutz? Dumme Mama.

Bei den Dinos ist es noch einfach, da gehen sie noch bereitwillig mit. Auch alte Mumien anschauen hat etwas für sich. Aber schon wieder zu den Alten Meistern? Mein Vorschlag, wir könnten doch angebissene Äpfel auf Stillleben zählen, kommt nicht ganz so gut an. Dann schon eher nackte Popos. Die finden sich in der sakralen Kunst erstaunlich häufig. Putten wohin man schaut. Wenn ich Glück habe, werde ich einen Zwei-Minuten-Vortrag über die Darstellung nackter Haut bei Rubens los und stoße auf Interesse, auch wenn es etwas ausgesprochen Voyeuristisches hat. Warum zur Hölle Leute Kunstobjekte mit Nackten abhängen wollen, ist mir ein Rätsel. Es ist der Knackpunkt, an dem sich Interesse wecken lässt, nicht nur für das Nackte sondern für das gesamte Werk. Gut, und grausame Schlachtenszenen finden die Kinder auch toll. Also läuft es doch wieder auf dasselbe hinaus: Sex and Crime. Und mich beschleicht das Gefühl, das es mit der Kulturvermittlung nicht ganz so viel auf sich hat beim Nachwuchs. Egal, Regentag gerettet. Jetzt erst einmal in den Shop.

   

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