Leben und Sterben des letzten Österreichers

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100 Jahre Salzburger Festspiele

Seit den Tagen von Hugo von Hofmannsthals frühem Ruhm, mithin seit 120 Jahren, wartet man auf die Biographie des Dichters. Nun hat der Historiker Herbert Hömig sie vorgelegt. Der Autor starb am 15. Juli dieses Jahres im Alter von 78 Jahren. Das Werk wird so zu seinem Vermächtnis. Wird es den Erwartungen gerecht? Rezension von Stephan Reimertz.

So wie ein Schauspieler ein gutes Stück braucht, um seine Kunst zu entfalten und ins rechte Licht zu setzen, so sehr benötigt ein Komponist ein gutes Libretto, um eine große Oper komponieren zu können. Mozart konnte sich in Metastasio und da Ponte zwei der geschicktesten Dichter seiner Zeit versichern, Wagner und Ernst Křenek vertrauten nur sich selbst und schrieben nach langen Vorstudien ihre Textbücher allein. In Hugo von Hofmannsthal erlebte das frühe zwanzigste Jahrhundert einen Librettisten, dessen ungewöhnlich profunde Reflexionen und Vorarbeiten ebenso dokumentiert sind wie die Zusammenarbeit mit dem einzigen Komponisten, mit dem er kooperierte, Richard Strauss. So unterschiedlich die Temperamente der beiden Künstler, so wundersam ineinandergreifend die Ergebnisse ihrer Zusammenarbeit. Es ist kein Zufall, wenn sich Opern wie Elektra, Rosenkavalier, Ariadne, Arabella usw. bis heute als selbstverständlicher Bestandteil des weitweiten Repertoires halten. Es bestätigt wiederum den Grundsatz, nach dem ein Textbuch, welches man um seiner selbst und des literarischen Gehaltes willen lesen mag, auch die Musik nach vorn bringt. Herbert Hömig leistet in einer soeben erschienenen kombinierten Bio- und Monographie über Hugo von Hofmannsthal einen entscheidenden nicht zuletzt theatergeschichtlichen Beitrag zur vielinterpretierten Zusammenarbeit eines Dichters und eines Komponisten, die jeder für sich genommen nicht wenige Rätsel aufgeben.

Die biographische Wahrheit ist nicht zu haben

Auch wenn man den Briefwechsel zwischen Strauss und Hofmannsthal liest, wie die erhellenden Analysen, welche Hömig nun den beiden Meistern ihres Faches und ihrem Zusammenarbeit widmet, die oft genug manches Gegeneinander enthält, bleibt etwas Unerklärliches, Wunderbares, das zur Erscheinung dieser Meisterwerke der Oper führten. Zudem darf man nicht vergessen, wie sehr die Allgegenwart der Hofmannsthal-Strauss-Opern auf den Bühnen in aller Welt heute die deutsche Sprache international lebendig erhält; diese wirken dafür mehr als alle Goethe-Institute zusammengenommen. Da Hugo von Hofmannsthals Werke in einer umfangreichen historisch-kritischen Gesamtausgabe, seine Gedanken zudem in zahlreichen Briefwechseln zugänglich sind – eine zweibändige Ausgabe seiner Jugendbriefe wird gerade vorbereitet – konnte Herbert Hömig auf ein umfangreiches Material zurückgreifen. „Wenn ein Mensch dahin ist, nimmt er ein Geheimnis mit sich:“, schreibt Hofmannsthal, „wie es ihm, gerade ihm – im geistigen Sinn zu leben möglich gewesen sei.“ In seinem in souveränem, zurückhaltenden und vornehmen Stil geschriebenen, von umfassender Bildung und Einfühlung getragenen, vorsichtig als „Eine Lebensgeschichte“ bezeichneten Buch ist Hömig eine vielschichtige historische, poetologische und geistesgeschichtliche Annäherung an Leben und Werk Hofmannshals gelungen, wie es sie bisher noch nicht gab.

Cover: Aschendorff Verlag

Ein hochkarätiges Werk der biographischen Literatur

Es kommt dem Leser zugute, wenn es sich bei diesem Autor um einen Historiker handelt, der sich mit der Weimarer Republik beschäftigt und mit komplexen Figuren wie Carl Theodor von Dalberg und Heinrich Brüning auseinandergesetzt hat. Er gibt dem Leser ein Buch in die Hand, das nicht allein durch seine Seriosität, sprachliche Angemessenheit und geistige Dimension überzeugt, sondern vor allem durch das Gefühl, es bei Hofmannsthal mit einem Lebensthema des Autors, einer Herzensangelegenheit zu tun zu haben. Das verbindet diese Arbeit mit der ganz anders angelegten Hofmannsthal-Monographie von Ulrich Weinzierl (2005), welche Paradigmen wie Adel, Judentum usw. herausgreift und mit ihrer Hilfe eine Bresche in des Gesamtwerk schlägt und so zu überraschenden Erklärungen gelangt. Hömig ist nun mit vollem Einsatz das Wagnis einer Bio-Monographie im klassischen Sinne eingegangen. Es hat sich gelohnt. Sein neues Buch findet seinen Platz neben hochkarätigen Werken wie dem Musil von Karl Corino oder dem Ernst Jünger von Helmuth Kiesel. Die alten Hofmannsthalianer wie Christiane Zimmer, Christoph Schwerin, Rudolf Hirsch, Ottonie Degenfeld, Leonhard Fiedler, August Everding oder Walter Müller-Seidel, sie alle leben nicht mehr; bei ihnen hätte der Autor mit seinem neuen Buch hohes Ansehen erworben.

Herbert Hömig
Hugo von Hofmannsthal: Studien zur Biographie
Aschendorff Verlag, Münster 2019
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