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Kein Happy End: „Kafka und Felice“ von Unda HörnerVon Kirsten Niemann

Lass die Finger von dem Mann, der Kafka wird dich nie heiraten! Das möchte man Felice raten. Tatsächlich bestand die Liebe zwischen dem damals noch unbekannten Schriftsteller aus Prag und der Berlinerin in erster Linie auf dem Papier. Kafkas Korrespondenz an Felice Bauer – mehr als 350 Briefe und rund 150 Postkarten – ist überliefert. Unda Hörner erzählt die Liebesgeschichte „Kafka und Felice“ jetzt aus Felices Sicht. Und das ist neben aller Tragik sogar ziemlich lustig.

Im August 1912 lernten sie sich zufällig kennen, bei Max Brod in Prag. Sechs Wochen später beginnt der Briefwechsel, der schnell sehr inniglich wird. Vor allem Franz schreibt fast täglich. Bleibt sie ihm einmal eine Antwort schuldig, beginnt er zu drängeln. Bald ist von Heirat die Rede. Man muss sich wiedersehen, unbedingt, er soll nach Berlin kommen. Aber wann?

Doch Franz sitzt keineswegs ungeduldig auf gepackten Koffern. „Ich weiß nicht, ob ich werde fahren können. Heute ist es noch unsicher, morgen kann es schon gewiss sein“, redet der sich immer wieder heraus. „Einen Tag vor dem nur vage verabredeten Termin flatterte eine weitere ungefähre Hiobsbotschaft ins Haus: ‚Noch immer unentschieden.’ Franz machte es spannend.“ Überhaupt, klagte die Braut in spe: „Franz wurde selten konkret und war schwer zu greifen wie ein nasser Fisch.“

Aber er kommt, tatsächlich. Zu Ostern 1913, sieben Monate nach ihrem ersten Treffen, stapfen sie schweigend um den Schlachtensee. Während Felice ihn zu den anderen Ausflüglern in die Gartenwirtschaft zerren möchte, schlägt er vor, das Kleistgrab am Kleinen Wannsee zu besichtigen. Was bleibt ihr anderes übrig? „Er schien immun gegen die feiertäglichen Lockungen um ihn her, ja, es war als müsse er sich erst recht mit ernster Miene gegen die kalendergenaue Fröhlichkeit wappnen.“ Und schließlich stehen sie vor den Versen auf dem Selbstmördergrab. „Kein Wort von Henriette Vogel, jener Frau, mit der zusammen sich der Dichter hier entleibt hatte“, denkt Felice nur.

Unda Hörner beschreibt Felice Bauer als erfrischend patente und moderne junge Frau, die Freude an ihrer Arbeit hat, am Tanzen und an Braten mit Knödeln. Er dagegen, Anhänger der vegetarischen Ernährungsweise, wirkt geradezu kauzig. So mag Felice kaum hinschauen, wenn er sein geliebtes Kräuterrührei „fletschert“, also jeden Bissen dreißig Mal in seinem Mund hin und her bewegt, bevor er ihn endlich herunterschluckt. Unda Hörner malt lebhafte Szenen. Genauso so könnte sich alles abgespielt haben. Die lebenslustige Felice und der schwermütige, bindunsgunwillige  Kafka – das kann nicht gutgehen.

Die Treffen in Berlin sind immer schwierig.  An anderen Orten – in Prag, Marienbad und München – ist es etwas besser. In Marienbad ist sie sogar bereit, es „auf das Äußerste“ ankommen zu lassen. Der ewig schwächelnde Franz hat allerdings wenig Lust auf das Äußerste. Viel lieber liest er ihr aus seinen Erzählungen vor, mit denen sie nicht besonders viel anfangen kann.

Sie entloben sich, können aber auch nicht ohne die Briefe des anderen. Verloben sich erneut, wollen aber das Ende des Kriegs abwarten. Zur ersehnten Hochzeit wird es nicht kommen, wie man weiß.

Unda Hörner
Kafka und Felice
Ebersbach & Simon, Berlin 2017
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Coverabbildung © ebersbach & simon

 

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