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„Der ganze Prozess“ - halbroh serviert. Besuch einer unfertigen Kafka-Ausstellung im Gropiusbauvon Carsten Schmidt

Noch bis zum 28. August können Gäste des Berliner Martin-Gropius-Baus die Ausstellung „Der ganze Prozess“ besuchen. Sie ist einem der drei postum veröffentlichten Romane von Franz Kafka gewidmet, nämlich jenem „Prozess“, welcher 1925, wenige Monate nach dem Tod des weltberühmten Prager Autors, erstmalig gedruckt wurde.

Gleich am Eingang wird man auf einer deutsch- und englischsprachigen Infotafel über die wichtigsten Eckdaten des Autors und des hier im Zentrum stehenden Werks unterrichtet. Man erfährt in gleich vier verschiedenen Sätzen, dass Kafka oft an mehreren Kapiteln gleichzeitig arbeitete.

Der Text enthält jedoch nicht nur Redundanzen, sondern auch ziemlich grobe Schnitzer wie die Annahme, Kafka sei 1926 gestorben und nicht 1924.

Die Infotafel beschreibt zudem die vermutliche Initialzündung zum Schreiben des Prozesses, nämlich Kafkas Entlobung von Felice Bauer im damaligen Hotel „Askanischer Hof“ im Juli 1914 – mit dem Hinweis, dass sich das Hotel heute auf dem Gelände der Stresemannstraße 111 befinde, also unweit der Ausstellungsräume. Auch dies lässt sich innerhalb kürzester Zeit nachprüfen. Das Hotel wurde bereits 1923 geschlossen – und vom Gebäude steht heute kein Stein mehr.

Im zentralen Raum der Ausstellung stehen beleuchtete Glasvitrinen, in denen 171 erhaltene Manuskriptseiten vom „Prozess“ ausliegen. Es ist eine seltene, wirkungsvolle Chance, so nah an die Atmosphäre vom Original, also dem „ganzen Prozess“ zu kommen. Nachdem Kafkas engster Freund Max Brod wenige Stunden vor der Einnahme Prags durch die deutschen Truppen Mitte März 1939 – u.a. mit dem Original-„Prozess“ im Gepäck – fliehen konnte, überstand das Manuskript die Jahrzehnte und gelangte durch Schenkung in die Hände von Brods Sekretärin und Lebensgefährtin Ester Hoffe. Bei einer Versteigerung im Jahre 1988 konnte das Literaturarchiv Marbach dieses Manuskript für 3,5 Mio. DM erwerben. Nun stehen Besucher andächtig vor diesem Schatz der Literaturgeschichte und versuchen, die Handschrift von Kafka zu entziffern oder betrachten an einem Lesegerät die transkribierten Seiten mit der daneben liegenden Handschrift.

Im halbdunklen, fast quadratischen Nebenraum befinden sich Stuhlreihen und eine große Leinwand, auf der in Schleife die erste Verfilmung des Stoffes von Orson Wells von 1962 gezeigt wird. Die Darsteller Antony Perkins, Jeanne Moreau sowie Romy Schneider zeigen eindrucksvoll die Stimmung, Atmosphäre und Bedrängnis, die dem Roman zugrunde liegt.

Der dritte Raum ist angefüllt mit 52 internationalen Buch-Ausgaben vom „Prozess“, einer alten Schreibmaschine sowie Fotos aus dem Leben des Autors. Die meisten Bilder entstammen dem Fotoarchiv von Klaus Wagenbach. Leider haben einige nur die Größe von Briefmarken.

Frank Kafka / © National Library Israel

Frank Kafka / © National Library Israel

Im Ganzen erscheint die Ausstellung allerdings recht enttäuschend, auch wenn der Anblick der Originalseiten bei vielen Besuchern Ehrfurcht auslöst. Es gibt lässliche Fehler wie etwa die Weiterstrickung der Legende, dass Kafka nur durch seinen Freund Max Brod bekannt wurde, was sich nun am „Prozess“ bereits sehr schön widerlegen lässt, denn durch den Einfluss von Felix Weltsch, den gemeinsamen engen Freund von Kafka und Brod, druckte bereits zehn Jahre vor der Erst-Erscheinung, nämlich am 7. September 1915, die Wochenzeitung „Selbstwehr“ ein Kapitel vom „Prozess“, nämlich die Türhüterlegende mit dem Titel „Vor dem Gesetz“. Kafka muss sich der Wirkung bewusst gewesen sein. Die Türhüterlegende resp. -parabel ist gänzlich im Präsens geschrieben und ragt damit aus dem Rest des Romans heraus.

Zwei Jahre später, 1917, erschien eine weitere Parabel mit dem Titel „Schlag ans Hoftor“, die wiederum wie eine Art Kurzfassung vom „Prozess“ wirkt. Es stimmt also nicht, dass es nur die Initiative Brods war, die dem Roman zum Leben verhalf.

Es sind jedoch nicht die Feinheiten oder Unstimmigkeiten, die einen enttäuschen lassen. Es ist die Unentschiedenheit und Unfertigkeit der Ausstellung, die viele Besucher dazu bringt, nach dreißig Minuten mit einem Schulterzucken die Räume wieder zu verlassen. So wie beim Sprichwort „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“ wird bei dieser Ausstellung einfach davon ausgegangen, dass allein der Kult um Kafka genügt, um Besucher anzulocken. Nun will man jedoch speziell ein Werk preisen, aber nicht über den Text reden.

Der Aspekt des Erklärenden und Vermittelnden kommt schlichtweg viel zu kurz. Sicher können nicht einmal 5 Prozent der Besucher die Handschrift von Kafka lesen, noch haben sie die Geduld dazu, sich durch die eng beschriebenen Seiten zu arbeiten.

Ausgangspunkt ist einfach das Statement: „Der Prozess“ ist einer der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts, das muss reichen als Behauptung und Messlatte.

Nirgendwo ist die Bedeutung des Werkes erklärt. Warum ist es so außergewöhnlich? Was ist das Besondere an der Stimmung, der Atmosphäre, den Dialogen oder der Erzählperspektive? Warum gibt es nicht einmal eindrückliche Zitate an den Wänden?

Foto: Carsten Schmidt

Warum gibt es keine ausgewählten Meinungen internationaler Literaturexperten zum Werk? Es gibt tausende Kafka-Kenner weltweit. Warum hat man auf so etwas verzichtet? – Es wäre so einfach gewesen. So wie auch der Reiz der Multimedialität im Gropius-Bau mittlerweile angekommen sein sollte. Warum hat man nicht in einer Ecke ein Hörbeispiel aus dem Werk angeboten, vorgelesen von patenten, eindrucksvollen Sprechern wie Hans-Jörg Große oder Florian Schrei? Es ist alles da. Warum man solch eine unzureichende Ausstattung gewählt hat, ist einfach nicht zu verstehen.

Franz Kafka. Der ganze Prozess
Ausstellung bis zum 28. August 2017

 

Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin

7 Euro/5 Euro

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