Entschleunigung durch Wandern: Gestern wie heute eine Sehnsucht

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Ein Ausstellungsbesuch von Barbara Hoppe.

Den Wunsch nach Entschleunigung kannte man schon vor gut zweihundert Jahren. Damals, um 1800, kurz nach der Französischen Revolution, führten die gesellschaftlichen Umbrüche zu einer bewussten Hinwendung in Form von Muße sowie einer Selbst- und Welterkenntnis, die sich vor allem darin ausdrückte, dass der Mensch begann, die Welt zu Fuß zu erkunden und sich die Zeit zu nehmen, die Natur zu betrachten und intensiv zu erleben.

Geht man durch die aktuelle Ausstellung in der Alten Nationalgalerie, so scheint sich dieses Naturerleben vor allem in den Bergen abzuspielen. Vielleicht liegt es daran, das gemeinhin eine gelungene Wanderung einhergeht mit der Vorstellung, Abwechslungsreichem zu begegnen, von Höhen zu schauen, den Bach zu erspähen und durch Wälder zu wandeln. So hält Karl Friedrich Schinkels Federzeichnung den Pass Lueg bei Salzburg dramatisch fest. Ebenso wie in Karl Eduard Biermanns „Wetterhorn“ verschwinden die Wanderer fast in den gewaltigen Massen der Berge ringsherum. Jean –Bruno Cassies Wanderer hingegen kämpfen sich durch abgelegene schottische Landschaften, von Wind und Nebel umweht.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Natur folgte der wissenschaftlichen. Botanik, Mineralogie, Geologie eroberten den Raum, den politische und wirtschaftliche Ausdehnung der Staaten zuvor geschaffen hatten. So finden sich in den Bildern Anklänge der Künstlerreise ebenso wie das Wandern als Lebensreise und das Sehnsuchtsland Italien – alle Motive immer verbunden mit dem Thema des Aufbruchs. Ein besonderer Schwerpunkt der Schau liegt auf Caspar David Friedrich. Seine romantischen Naturbilder gipfeln in dem berühmten „Wanderer über dem Nebelmeer“.

Wanderer über dem Nebelmeer, um 1817, Öl auf Leinwand, 94,8 x 74,8 cm, Hamburger Kunsthalle | © SHK / Hamburger Kunsthalle / bpk / Elke Walford

Kaum zu trennen vom Wandern, aber dennoch abzugrenzen, ist das Spazierengehen. Eine weitaus beschaulichere Art der Fortbewegung, weniger anstrengend, weniger Abenteuer suchend und auch für Frauen geeignet. Mit Sonnenschirm, Hut und langem Kleid wandeln sie durchs hohe Gras auf dem „Ansteigenden Weg“ von Auguste Renoir und in der Wildnis der „Niederung am Rhein“ von Hans Thoma, einem Ort, nicht weit der Zivilisation und doch einen undurchdringlichen Dschungel heraufbeschwörend.

So wandert der Besucher von Raum zu Raum dieser umfangreichen Schau mit mehr als 120 Exponaten. Sie zeigen: Das Wandern in der Natur war nicht nur ein deutsches Phänomen. Es war eine Welle, die ganz Europa erfasste und bis nach Russland reichte. Und während man betrachtet und in den gewaltigen Landschaften versinkt, weiß man: Der Wunsch nach Ruhe, nach Einsamkeit, nach Einkehr und Reflexion hat uns bis heute nicht verlassen. Strebten die Menschen vor 200 Jahren, der Geschwindigkeit zu entfliehen, haben wir es in unserer nervösen Zeit erst recht nötig. Gleichzeitig umfängt uns eine gewisse Wehmut, denn viele Landschaften sind heute längst nicht mehr so unberührt, so wild, so romantisch. Schlimmer noch: Sie sind am Verschwinden wie der Rhonegletscher, der im Bild des Zürcher Malers Heinrich Wüest noch so gewaltig vor den Menschen aufragt.

Wanderlust
Ausstellung bis zum 16. September 2018
Katalog zur Ausstellung

Coverabbildung Ausstellungskatalog © Hirmer

Alte Nationalgalerie Staatliche Museen zu Berlin
Bodestraße 1-3
10178 Berlin

Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch, Freitag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr
Donnerstag: 10 bis 20 Uhr
Montag:  geschlossen

12 Euro / 6 Euro (inkl.Sammlung)
Freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren

 

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