Eine stille Heldin

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Ljuba Arnautović führt uns auf den Spuren ihrer Großmutter in eine aufwühlende Geschichte von Idealismus, Mut und Traurigkeit. Rezension von Barbara Hoppe

Es sind drei Fragen, die sich einem stellen, wenn man „Im Verborgenen“ zur Seite legt: Wie kann jemand mit einer solchen Lebensgeschichte noch immer fröhlich sein? Und: Hat Genofeva Arnautović Schuld auf sich geladen? Hätten sie und ihre Familie diesem Schicksal entgehen können, wäre sie einfach nur ein bisschen angepasster gewesen?

Genofevas Leben beginnt wie das vieler junger Mädchen: Geboren in Wien, ist sie in der Schule fleißig. Etwas schüchtern und introvertiert vielleicht, findet sie trotzdem den feschen bosnischen Slavoljub. Doch die Beziehung steht unter keinem guten Stern. Und auch die ersten Einschläge erschüttern Genofevas Leben: Der Vater war psychisch versehrt aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt und kurz vor der geplanten Hochzeit mit Slavoljub stirbt der geliebte Bruder Frantisek durch einen Unfall. Auf dem Hochzeitsfoto weint die Braut. Das erste gemeinsame Kind, Slavoljub junior, genannt Slavek, wird 1921 geboren. Danach gehen die Eltern getrennte Wege.

Es ist ein Weg, der Genofeva in all‘ seiner Härte auch die Emanzipation bringt: Mit ihrer neuen Liebe Karl lebt sie in wilder Ehe, Karl „der Kleine“ wird geboren, die Eltern schließen sich dem Republikanischen Schutzbund, die paramilitärische Einheit der SDAP, an. Genofeva entwickelt ein politisches Bewusstsein, das ihr Leben dramatisch verändern wird. Während des Bürgerkriegs im Februar 1934 geraten Karl und sie in Bedrängnis. Es ist der Beginn vom Ende eines intakten Familienlebens, das sich sukzessive auflöst. Genofeva gerät in Gefangenschaft, sie erduldet Schmach, Erniedrigung und Folter. Karl gelingt die Flucht bis nach Australien. Während ihre Kinder vom Schutzbund in die UDSSR verschickt werden, wird sie aus Österreich abgeschafft. Sie, die in Wien Geborene, durch ihre Heirat zur Jugoslawin Gewordene, ist nun staatenlos. Ihre Kinder sieht sie gar nicht mehr oder erst 20 Jahre später wieder.

Erst mithilfe der Kirche gelingt die Rückkehr nach Wien. Und hier beginnt die zweite Karriere von Genofeva. In ihrer kleinen Wohnung im hinteren Teil der Kanzlei des Oberkirchenrats Wien versteckt „Tante Eva“, wie sie von Nahestehenden genannt wird, Verfolgte. Auch Walter gehört zu den Unglücklichen, die untertauchen müssen. Zwei einsame Seelen treffen aufeinander, die sich mehr als gut verstehen. Doch als der Krieg zu Ende ist, ändert sich das Leben von Genofeva noch einmal dramatisch.

Ljuba Arnautović führt in ihrem Debüt die Fäden vieler Familien zusammen. Familien, die in die unbarmherzigen Mahlwerke der Weltgeschichte geraten. Sie sind keine Kriegshelden und gerade deswegen ein Denkmal für viele Schicksale zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte ihrer Großmutter erzählt die Autorin als Roman, und sie hätte keine bessere Form finden können. Bei aller Tragik ist ihr ein Pageturner gelungen, der österreichische Geschichte lebendig werden lässt. Die kleine Frau mit dem runden Gesicht, der es immer wieder gelingt, durch Mut und mit einer aufrechten Gesinnung durch die Geschicke der Zeit zu wandeln, bleibt im Gedächtnis. Stellvertretend für viele stille Heldinnen und Helden stellt sie uns die Frage: Wie hätten wir gehandelt? Und entbindet uns damit von jedem Urteil.

Ljuba Arnautović
Im Verborgenen
Picus Verlag, Wien 2018
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