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Eine Entdeckung in Paris: Aleksandr Serebrjakow, ein Canaletto des Zwanzigsten JahrhundertsUnser Paris-Korrespondent Stephan Reimertz entdeckt in der neuen russisch-orthodoxen Kathedrale am Quai Branly einen russischen Künstler, der  in Deutschland noch völlig unbekannt ist – zu Unrecht

Kennen Sie Aleksandr Serebrjakow? Vielleicht den gleichnamigen Radrennfahrer aus der Gegend von Nischi Nowgorod. Aber den Maler und Illustrator? Möglicherweise haben Sie schon von den Malerinnen Sinaida Serebrjakowa und Katharina Serebrjakowa gehört. Aber ihr Verwandter Aleksandr? Machen Sie sich nichts daraus, ich kannte ihn auch nicht. Er ist in Deutschland vollkommen unbekannt, und indem Sie diesen Artikel lesen, gehören Sie zu den Pionieren der Kunstgeschichte. Kommen Sie mit mir in die neue russisch-orthodoxe Kathedrale zu Hl. Dreifaltigkeit an der Seine und entdecken Sie einen der aufregendsten Paris-Porträtisten der 1930er und 40er Jahre.

Kein schöneres Bild der russisch-französischen Freundschaft ist vorstellbar als die goldenen Zwiebeltürme der neuen orthodoxen Kathedrale am Seineufer und der Eiffelturm dahinter. Seit der Revolution ist Paris Zentrum der russischen Emigration. Heute leben etwa dreihunderttausend Russen in Frankreich, darunter viele Nachkommen der Emigranten, die vor der Revolution flohen. Die neue vom russischen Präsidenten initiierte Kathedrale mit angeschlossenem Studienzentrum ist ein überzeugendes Beispiel für zeitgenössische geistliche Architektur. In ihrem Kontrast von Weiß und Gold zitiert der Komplex die Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale. Die Lage direkt an der Seine in der Nähe des japanischen Kulturzentrums und des Völkerkundemuseums symbolisiert die weltoffene, internationale Ausrichtung dieser neuen Anlaufstelle des spirituellen und kulturellen Lebens von Paris.

Centre Spirituel et Culturel Orthodoxe Russe in Paris

 

Ein Erzähler in Momentaufnahmen

Aleksandr Serebrjakow (1907 – 1995) entstammte einer Familie von Eisenbahningenieuren. Aber in seiner Familie findet sich auch eine Reihe bedeutender Künstler, so die Malerin und Spätimpressionistin Zinaida Serebrjakova, eine Cousine von Aleksandr, die ebenfalls in die Emigration ging. Aleksandr Benois, der Künstler, Ausstatter und Kunsthistoriker, war ein Bruder seiner Großmutter und sollte für seine Entwicklung wegweisend werden. 1925 folgte Aleksandr seiner Mutter ins Pariser Exil und zeigte sich sofort fasziniert von westeuropäischen Landschaften und Architekturen. Er bereiste Frankreich, Belgien, Holland, Italien und Deutschland und hielt alles mit Stift und Feder fest. Vor allem die Gouache, aber auch das Aquarell kam seiner Darstellungsweise entgegen, die Präzision und Atmosphäre verbindet. Aleksandr Serebrjakow ließ keine künstlerische Beschränkung gelten. Zusammen mit seinem Großonkel Benois erarbeitete er Bühnendekorationen für das Theater von Ida Rubinstein. Seine einfühlsame Erkundung von Innenräumen befähigte ihn, Interieurs von Schlössern stimmungsvoll wiederzugeben, zugleich machte sie ihn zum perfekten Gestalter von Filmdekorationen. So zeigt die kleine Ausstellung, die sich auf Pariser Stadtlandschaften der 30er und 40er Jahre konzentriert, einige Gouachen zu dem französischen Film Barnabé mit Fernandel von 1938.

Serebrjakow war zudem als Ausstatter universell einsetzbar und gestaltete Museen, Geschäfte, Restaurants, Villen und sogar Parks. Gefragt waren auch seine Ballettdekorationen. Die Academia di San Luca in Rom, die exklusivste Künstlervereinigung von Italien, berief ihn als Mitglied. Entscheidend war auch seine Rolle als Mitbegründer und späterer Präsident der Vereinigung zum Schutz russischer Kulturgüter im Ausland. Die Ausstellung der Paris-Veduten, die jetzt in der französischen Hauptstadt zu sehen ist, vermittelt den Eindruck, dass Serebrjakows vielfältige Stadtansichten sich auf die Gegend der Seineinseln und der rechten Seite des Flusses konzentrieren. Anhand dieser Darstellungen kann man das Zentrum von Paris kennenlernen und mit den heutigen Zuständen vergleichen. Man begreift dabei sofort, warum Serebrjakow auch als Illustrator von Krimis und Kinderbüchern begehrt war. Seine Fähigkeit zur überraschenden Pointierung wurde allgemein anerkannt, ja man beauftragte ihn sogar damit Briefmarken zu gestalten.

Humoristische Bilderbögen von Paris

Oft wird er zum Humoristen, der Bilderbögen schafft, auf denen er ganze Stadtviertel zusammenrafft. Auch Feder und Bleistift kommen zum Einsatz. Unbestechlich ist sein Blick für Architekturdetails. Anekdotisch pointiert zeigt er einzelne Straßenszenen oder die ganze Stadt in Gesamtaufnahme. Er zitiert das 18. Jahrhundert, und in der Tat kann man in seinen Veduten so etwas wie entfernte Verwandte der Stadtansichten von Canaletto und Guardi erkennen. Gern lässt er uns Fluss, Quais, Straßen und Plätze stimmungsvoll und impressionistisch erleben. Serebrjakow präsentiert Paris abwechselnd als Landschaft, Dorf oder Großstadt.

Die Schwester Ekaterina Serebrjakowa betont, dass vieles, was ihr Bruder dargestellt hat, inzwischen nicht mehr existiert. So besitzen zahlreiche seiner Stadtveduten heute auch dokumentarische Bedeutung. Das gilt vor allem für die Momentaufnahmen von Paris unter der deutschen Besatzung in den frühen vierziger Jahren. Wie man die Sicherung des Obelisken auf der Place de la Concorde zu Kriegsbeginn miterlebt hat, so muss man jetzt eine von deutschem Militär beherrschte Stadt sehen. Aber auch derjenige, der die Romane von Georges Simenon und Léo Malet und die Filme von Marcel Carné liebt, wird in dem Paris, das Aleksandr Serebrjakow uns schenkt, eine Stadt finden, die ihm nur allzu vertraut ist.

Exposition « PARIS » d’Alexandre Serebriakoff
Ausstellung bis zum 9. März 2017

Centre Spirituel et Culturel Orthodoxe Russe
1, Quai Branly
75007 Paris
RER-Station: Pont de l’Alma

Öffnungszeiten:
täglich 15 Uhr – 19.30 Uhr
montags geschlossen

Eintritt gratis

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