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Ein Moment mit ... Peter Christian Feigel, Dirigent an der Staatsoperette Dresden

Peter Christian Feigel / ©Kai-Uwe Schulte-Bunert

235 Jahre Tradition – die Staatsoperette Dresden und ihre Vorläufer prägten und prägen das Kulturleben der Stadt maßgeblich. Sie ist das einzige selbständige Operettentheater Deutschlands, auf dessen Spielplan nicht nur Operetten, sondern auch Spielopern und Musicals stehen. Nun ziehen die Künstler an eine neue Wirkungsstätte – dem Kraftwerk Mitte. Peter Christian Feigel ist seit 2010 Zweiter Kapellmeister des Hauses. Feuilletonscout sprach mit ihm über den Umzug und seine Arbeit.

Feuilletonscout: Nur noch wenige Tage und die neue Spielstätte der Staatsoperette Dresden wird eröffnet – das Kraftwerk Mitte. Freuen Sie sich darauf?
Peter Christian Feigel: Natürlich, sehr! Die Vorfreude ist riesengroß, ich bin unglaublich gespannt. Gleichzeitig freue ich mich auf diesen Stilmix von neu gebautem, hoch modernem Theater in Kombination mit historischem Industriebau, der sinnvoll mit dem bei uns gepflegten, sehr breiten Repertoire von Oper über Operette bis Musical kommuniziert.

Feuilletonscout: Was wird sich ändern?
Peter Christian Feigel: Das ganze Ambiente, die Bühnentechnik, Ausmaße,  Bühnensicht und – für mich als Dirigent besonders wichtig – die Akustik wird sich im Vergleich zum alten Haus enorm verbessern. Der Saal klingt durch die verwendeten Materialien und den höheren Raum an sich schon viel besser, aber als besonderes Highlight verfügen wir über variable, aufblasbare Deckenelemente, mit denen die Nachhallzeit je nach Genre variiert werden kann. Auch der Orchestergraben ist größer, sodass sich die Musiker viel besser hören können. Und – wichtig speziell für Musicals – die Tonanlage wird besser sein. Ich bin sicher, dass sich über diese zahlreichen Neuerungen und Verbesserungen nicht nur das angestammte Publikum freuen wird, sondern dass es durch diese Veränderungen, die viel zentralere Lage und die deutlich bessere Verkehrsanbindung gelingen wird, die Attraktivität und die ohnehin gute Auslastung der Staatsoperette weiter zu steigern.

Feuilletonscout: Dort werden Sie die erste Musical-Premiere, Leonard Bernsteins „Wonderful Town“, dirigieren. 2017 folgen die Tango-Operita „Maria de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla und die Uraufführung des Musicals „Zzaun!“. Wie sind Sie zu dem Genre Musical – Ihrem Schwerpunkt – gekommen?
Peter Christian Feigel: Schon während der Schulzeit, in den ersten Jahren meiner musikalischen Ausbildung habe ich neben klassischer Musik immer auch Jazz, Rock und Pop-Musik gespielt und dafür eine große Leidenschaft entwickelt, die sich bis heute gehalten hat und der Grund für meine zahlreichen Projekte im Cross-Over-Bereich ist: ich habe Ben Becker mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg begleitet, Till Brönner mit dem Deutschen Symphonieorchester, Joja Wendt und Angelika Milster mit dem Orchester der Staatsoperette Dresden und viele mehr. Ich liebe Big-Band-Jazz und mag insbesondere Musicals, die von diesem Sound inspiriert sind, wie zum Beispiel „Catch me, if you can“ von Marc Shaiman, das wir in Dresden als deutsche Erstaufführung und weltweit erste CD-Gesamteinspielung herausgebracht haben.

Feuilletonscout: Sie haben auch Revuen im Friedrichstadtpalast in Berlin dirigiert, zu  Ihrem Repertoire gehören ebenso „Kiss me, Kate!“, „Der kleine Horrorladen“ oder „The Rocky Horror Show“. Worin liegt der Unterschied im Dirigieren von Opern oder Konzerten und Musicals? Gibt es überhaupt einen?
Peter Christian Feigel: Ja und nein. Generell muss man als Dirigent im Musiktheater mehr Team-Player sein als im Konzert, weil man seine musikalischen Vorstellungen mit den Wünschen und Konzepten der Regie, beim Musical auch der Choreographie, abstimmen und harmonisieren muss. Des Weiteren sollte man den Sängern ein guter Partner sein, der die richtige Mischung aus Führen und Begleiten findet. In Musicals spielt zudem naturgemäß mit dem Tanz das Tempo, der Rhythmus, der Groove und mit ihm das exakte Spiel „auf den Schlag“ eine besondere Rolle, die sich auch auf den Dirigierstil und die Zusammenarbeit mit der Rhythmusgruppe auswirkt. In jeder Stilistik ist es für den Dirigenten sehr wichtig, die klanglichen und konzeptionellen Absichten des Komponisten verstehen und umsetzen zu wollen und also die Stilistik gut zu kennen, derer er sich bedient. Bildlich gesprochen sollte der Dirigent die musikalische Sprache des Komponisten nicht nur verstehen, sondern so gut kennen, dass es ihm möglich ist, mit dem Ensemble seinen besonderen Akzent, seine individuelle Klanglichkeit herauszuarbeiten.

Peter Christian Feigel

Peter Christian Feigel während der Proben zur Pyromusikale auf dem Gelände vom Flughafen Tempelhof / © anemel photographie/annett melzer

Feuilletonscout: Worin liegt für Sie die Herausforderung im Dirigieren?
Peter Christian Feigel: Es geht einerseits um den schon angesprochenen Punkt, dass man ja nicht Erfinder oder Schöpfer eines Werkes, sondern eher sein Anwalt, Überbringer oder Übersetzer der musikalischen und inhaltlichen Idee sein sollte – also Interpret im besten Sinne des Wortes, dem  es – und das ist die andere Seite der Herausforderung – gelingt, eine große Gruppe von Menschen, Solisten und Chor auf der Bühne und Orchester im Graben, für einen bestimmten Moment so vorzubereiten und in einem bestimmten Moment so zu konzentrieren und fokussieren, dass alle gemeinsam eine musikalische Aussage und Idee verständlich und für das Publikum ergreifend formulieren. Für mich haben Musik machen und Kochen sehr viel gemeinsam, weil man bei beidem einen großen Aufwand treiben muss, um für einen bestimmten und manchmal sehr kurzen Moment etwas Großartiges aber extrem Vergängliches zu schaffen. Deshalb ist es auch so wichtig, Musik und Theater live zu erleben, wenn man den eigentlichen Wert und die Leistung der Mitwirkenden ermessen will.

Feuilletonscout: Haben Sie ein persönliches Lieblingsstück?
Peter Christian Feigel: Eins? Hunderte!

Feuilletonscout: Was hören Sie privat?
Peter Christian Feigel: Alles. Mit Vorliebe Vogelgezwitscher, Kinderlachen, Blätterrauschen, Stille.

Feuilletonscout: Was wären Sie geworden, wenn nicht Dirigent?
Peter Christian Feigel: Ich wäre fast evangelischer Pfarrer geworden – und so schön das auch gewesen wäre, bin ich doch sehr froh, dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist, denn ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen.

Vielen Dank für das Gespräch, Peter Christian Feigel!

Staatsoperette Dresden
Wettiner Platz 1
01067 Dresden

 

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