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Ein Interview von Stephan Reimertz

Ein Moment mit … Katharina S. Müller, Komponistin und Violinistin

Katharina S. Müller / © Müller

Entspannt, dabei konzentriert, so sitzt sie mir in einem Münchner Café gegenüber. Sie spricht sprühend und temperamentvoll, dabei immer substantiell und auf den Punkt: Katharina Susanne Müller ist 1994 in Starnberg als Spross einer Musikerfamilie geboren, erhielt ab dem siebten Lebensjahr Kompositionsunterricht bei dem Komponisten und Organisten Wolfgang Zoubek (1945 – 2007). Nach seinem Tode setzte sie ihr Studium bei Graham Waterhouse, Wilfried Hiller und Moritz Eggert fort und schloss es im Juli 2016 mit dem Master an der Münchner Hochschule für Musik und Theater ab. Ihr reiches kompositorisches Schaffen umfasst Kammermusik ebenso wie Konzerte und Musik für Tanztheater.

Feuilletonscout: Wann haben Sie Ihre erste Komposition geschrieben, und wie kam es dazu?
Katharina S. Müller: Ich habe bereits als Kind immer Musik im Kopf gehört und dann sehr bald auch aufgeschrieben – in ganz großer Schrift, mit Bildern und einem Text dazu. Das erste Stückchen hieß »Bellt ein Hund am Tor« und handelte vom Hund einer Freundin, vor dem ich ziemliche Angst hatte. Glücklicherweise bekam ich bereits als Siebenjährige Kompositionsunterricht von Wolfgang Zoubek, der mich auch in Gehörbildung und Musiktheorie ausgebildet hat und damit den Grundstein für meine gesamte weitere Entwicklung gelegt hat. Tatsächlich habe ich schon in der Grundschule immer als Berufswunsch »Komponistin« angegeben.

Feuilletonscout: Wie verlief Ihre Schullaufbahn?
Katharina S. Müller:
Meine Schullaufbahn war relativ kurz… Ich habe die 1., 6. und 11. Klasse übersprungen – gut verteilt also, und übrigens aus drei völlig unterschiedlichen Gründen – und habe mit 16 Jahren Abitur gemacht. Absurd ist vor allem, dass ich sämtliche bildungsrelevanten Reformen der letzten zwanzig Jahre abbekommen habe. Zunächst die Rechtschreibreform samt ihrer Überarbeitungen – als ich ganz klein war, kamen gerade die ganzen Bücher in neuer Rechtschreibung heraus. Dann die Einführung der vereinfachten Schreibschrift: als ich halbwegs die normale Schreibschrift gelernt hatte, sollte ich auf einmal umlernen, dann bei der nächsten Lehrerin dann doch wieder die alte Schrift beibehalten – meine Schreibschrift ist bis heute ein chaotischer Mix aus beiden Formen. Im Gymnasium kam das G8, wobei ich nach der 5. Klasse durchs Überspringen gerade noch ins G9 kam. Und zu guter Letzt die Bologna-Reform, denn ich habe parallel Violine im letzten Diplomjahr und Komposition im ersten Bachelor-Jahrgang studiert. Ich kenne also wirklich alle Systeme im Vorher-Nachher-Vergleich.

Feuilletonscout: Wie verlief Ihr Kompositionsstudium und welche Rolle spielte der Komponist Moritz Eggert?
Katharina S. Müller :Moritz Eggert ist ja 2010 Professor in München geworden, genau dann, als ich mich an der Hochschule bewarb. Wilfried Hiller, bei dem ich vorher privat Unterricht hatte, hat ihn mir bzw. mich ihm empfohlen, und so gehörte ich zu seinen ersten Studenten. Ich habe, was sicher ungewöhnlich ist, sowohl den Bachelor als auch den Master bei ihm gemacht, war also volle sechs Jahre beim gleichen Lehrer, was den meisten womöglich eher fremd ist. Aber für mich war es die richtige Entscheidung, vielleicht auch deshalb, weil ich so jung war. Mit zwanzig, als ich den Bachelor hatte, war ich bei ihm noch nicht fertig. Im Master hatte ich dann eine riesige Krise und war kurz davor, nach fünf Jahren Studium alles hinzuschmeißen. Mich haben immer sehr viele Leute von außen im Komponieren bestärkt, sodass ich gar keine eigene intrinsische Motivation mehr finden konnte. Ich habe mit Moritz ganz offen darüber gesprochen und bin da wieder rausgekommen – aber das wäre nicht mit jedem Prof möglich gewesen. Abgesehen davon ist er natürlich ein riesiges Vorbild und seine ganze Art, seine Energie und seine unendliche Neugierde sind wahnsinnig inspirierend. Seine Klasse ist auch immer sehr gemischt, das sind ganz unterschiedliche Leute, die völlig unterschiedliche musikalische und persönliche Hintergründe haben und deren Musik auch ganz verschieden klingt. Trotzdem – oder gerade deshalb – verstehen sich alle hervorragend und der Zusammenhalt in der Klasse ist extrem gut.

Feuilletonscout: Wie sehen Sie bei sich selbst das Verhältnis Violinistin – Komponistin?
Katharina S. Müller:
Ursprünglich hatte ich als Geigerin mit neuer Musik gar nichts am Hut, ich war schon froh, für die Aufnahmeprüfung ein Stück nach 1945 zu finden! Aber dann haben mich meine Kolleginnen und Kollegen aus den Kompositionsklassen immer wieder für die Klassenkonzerte angefragt, wenn eine Violine gebraucht wurde – und so bin ich da reingewachsen, ohne es zu merken. Mittlerweile spiele ich hauptsächlich zeitgenössische Werke und studiere aktuell auch Violine im Master Neue Musik. Umgekehrt profitiere ich beim Komponieren und bei Einstudierungen meiner Werke ungemein von den Erfahrungen als ausübende Musikerin. Natürlich stehen beide Tätigkeiten permanent in einer Wechselbeziehung. Zeitlich ergibt es sich meistens so, dass zwei oder drei Wochen lang, etwa vor einer Deadline, das Komponieren im Vordergrund steht und ich weniger Geige übe, und dann wieder ein Konzert bevorsteht, sodass ich viel Zeit am Instrument verbringe und kaum Musik schreibe. Das ist ganz wunderbar – es wird niemals langweilig oder überdrüssig, und ich freue mich dann total, wenn ich wieder Zeit habe, der jeweils zu kurz gekommenen Tätigkeit nachzugehen!

Feuilletonscout: Eines Ihrer wichtigsten Werke ist das Celloconzert, das Sie für die Cellistin Clara Baesecke geschrieben haben. Wie kam es dazu?
Katharina S. Müller: Clara Baesecke habe ich erstmals vor etwa zehn Jahren kennengelernt, und ich fand sie schon damals eine faszinierende Person. Wirklich in Kontakt kamen wir aber erst 2011 beim Deutschen Kammermusikkurs, und seither sind wir gut befreundet und musizieren in allmöglichen Formationen zusammen. Wenn ich von meinen aktuellen Kompositionen, gerne für Instrumente wie Zither, Tuba und Co. erzählte, meinte sie oft, ich solle doch mal »was gescheits« komponieren, zum Beispiel ein Cellokonzert. Bei unseren diversen musikalischen Begegnungen haben wir gemeinsam herumgesponnen, was alles darin vorkommen könnte – zum Beispiel eine Lampe in cis, die bei Claras Eltern im Wohnzimmer hängt. Ich habe das nie ernst genommen und dachte, ein Cellokonzert würde ich frühestens in dreißig Jahren komponieren. Vor gut einem Jahr brauchte ich dann ein Projekt für meinen Masterabschluss, das sollte etwas größeres sein… So rief ich kurzerhand Clara an und meinte, wir könnten doch das Cellokonzert realisieren. Sie sagte tatsächlich zu, obwohl sie zu dieser Zeit gerade Aufnahmeprüfungen machte und niemand wusste, wo sie im Sommer sein würde. Es wurde dann die UdK in Berlin, sodass ein Großteil des Stückes in Berlin entstanden ist, als ich Clara dort dreimal für mehrere Tage besuchte, um mit ihr gemeinsam dieses Werk zu entwickeln. Das Konzert ist sehr inspiriert von ihrer Persönlichkeit und ihrem Cellospiel und es war für mich beim Komponieren wie auch bei der Uraufführung, die im Juli 2016 in München stattgefunden hat, eine unglaublich schöne Erfahrung, mit Clara zusammenzuarbeiten.

Feuilletonscout: Wie kam es zu Ihren Projekten für Tanztheater?
Katharina S. Müller:
Im Studium habe ich sehr viel Musiktheater und Bühnenmusik gemacht, allen voran zusammen mit dem Regisseur Levin Handschuh, der zeitgleich an der Theaterakademie studiert hat. Mein ganzes Wissen stammt aus der praktischen Arbeit und aus all den kleinen und großen Projekten, bei denen ich mitwirken konnte (teilweise habe ich monatelang mehr Zeit damit verbracht als mit den offiziellen Inhalten des Studiums). Direkt nach meinem Master bekam ich dann eine Anfrage von Annett Göhre, der Ballettdirektorin des Theaters Plauen-Zwickau, für ihr Tanzstück »Happy Birthday« die Musik zu schreiben und auch als Musikerin darin mitzuwirken. Das Stück ist in jeglicher Hinsicht ein Glücksfall: ich konnte erstmals mit einer Choreographin zusammenarbeiten und dabei auch neue Dinge ausprobieren – zum Beispiel habe ich für Harmonium, Saxophon und Schlagzeug komponiert, weil das Instrumente sind, die ich noch nicht so gut kannte. Das ganze Team ist unglaublich nett und fähig, die Zusammenarbeit klappt sowohl auf menschlicher als auch auf fachlicher Ebene reibungslos, was im Theaterbetrieb nicht selbstverständlich ist. »Happy Birthday« besteht etwa zu gleichen Teilen aus Tanz, Musik und Schauspiel und lässt sich nicht eindeutig einer Sparte zuordnen. Das erfordert von allen Beteiligten, den eigenen Beitrag soweit zurückzunehmen, dass genug Platz für die anderen Elemente bleibt, und trotzdem sein Bestes zu geben. In dieser Produktion hat das beispielhaft geklappt und es hat jeder alles für die gemeinsame Idee gegeben. Es geht inhaltlich um Suizid und damit letztlich auch um den Wert des Lebens. Das Thema hat eine echte Relevanz, die nicht einfach nur irgendwie dramaturgisch herbeigeredet wird, sondern die in der Arbeit wirklich spürbar ist, und dafür komponieren zu dürfen ist ein großes Geschenk!

Feuilletonscout: Welche kommenden Projekte haben Sie für dieses Jahr?
Katharina S. Müller: Gerade habe ich ein Klaviertrio vollendet, das ich nächsten Mittwoch gemeinsam mit meinen Kollegen vom Breakout Ensemble uraufführen werde. Im Februar und März folgen zwei Studentenprojekte und ein Konzert von Laura Konjetzky, bei denen ich als Geigerin beteiligt bin, also auch lauter aktuelle, frisch geschriebene Musik. Parallel werde ich wieder selbst komponieren, und zwar für das Landesjugendensemble für Neue Musik Berlin. Das Stück ist ein Auftrag des Adevantgarde-Festivals, das vom 23.-28. Mai in München stattfinden wird. Rund um Ostern bin ich in Sachsen, um »Happy Birthday« an unsere dritte Spielstätte anzupassen. Am 27. April ist die Premiere auf der Kleinen Bühne in Plauen, wo sieben Vorstellungen geplant sind, und dazwischen spielen wir noch mehrmals im Malsaal in Zwickau. Im Herbst spiele ich mal wieder etwas klassischeres – die zweite Brahmssonate – im Bibliothekssaal in Polling, sowie ein Konzert mit Streichquartetten in der Reihe »Studio für Neue Musik« des Münchner Tonkünstlerverbands. Kompositorisch riecht die Auftragslage dann eher nach Arrangement und nach kleineren Besetzungen, genaues steht noch nicht fest. Vor allem aber habe ich seit einigen Wochen eine Idee für meine erste große, durchkomponierte Oper. Bislang waren meine Theaterarbeiten immer von außen motiviert und sind dadurch auch nicht von der Musik ausgegangen. Ich habe die Suche nach einem eigenen Thema nie forciert, aber nun hat mich die richtige Idee gefunden und ich möchte daraus eine Oper schaffen, inklusive Libretto – das wird eine Gemeinschaftsarbeit mit meinem Freund. Natürlich kann man an dieser Gattung irgendwie nur scheitern, aber das ist ja gleichzeitig auch wieder befreiend und ich glaube daran, dass meine Idee stark genug ist, um mich durch diese Mammutarbeit zu lotsen.

Feuilletonscout: Sehen Sie in der Neuen Musik ein  Ende der seriellen Dominanz?
Katharina S. Müller: Ich kenne die Szene, vor allem außerhalb Münchens, nicht gut genug, um das abschließend beurteilen zu können. Aber ich persönlich wüsste niemanden, der sich noch voll und ganz mit der Neuen Musik identifiziert – gerade auch mit dem Serialismus und seinen Folgen und überhaupt mit der Ästhetik eines Adorno oder der Idee, man dürfe nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr so schreiben wie davor. Eigentlich wollen alle Komponistinnen und Komponisten, die ich kenne, Kontakt zu den Menschen, wollen Austausch mit anderen Musikrichtungen, auch mit der Popkultur, statt im hermetisch abgeriegelten Elfenbeinturm nur um sich selbst zu kreisen, ein System zu bedienen, das nur sich selbst dient und einem abstrusen Wettstreit um »Neues« zu frönen. Die jüngere und jüngste Generation folgt da eher wieder dem musikantischen Instinkt. Die Gefahr ist bei uns – auch bei mir selbst – dass wir uns eher zu sehr auf der Maxime des eigenen Gefallens ausruhen. Wir sollten auf der Hut sein, nicht an unserer eigenen »Political Correctness« zu ersticken. Um das Ende der seriellen Dominanz mache ich mir weitaus weniger Sorgen als um die Gefährdung der künstlerischen Freiheit, die ich nicht nur von außen, sondern auch von innen, von uns Künstlern und unserer eigenen Feigheit und Bequemlichkeit bedroht sehe.

Vielen Dank für das Gespräch, Katharina Müller!

Die nächsten Termine von Katharina S. Müller finden Sie auf der Homepage der Künstlerin.

taktlos 153 – Katharina Müller: Sonatine für Violine und Klavier – Sarabande (2011)

 

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