Ein früher Polit-Thriller: John Mair „Es gibt keine Wiederkehr“

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LiteraturRezension von Barbara Hoppe.


Die große Zeit der Politthriller war in den sechziger und siebziger Jahre vor allem im Filmgenre: „Die drei Tage des Condor“, „I wie Ikarus“, aber auch Mafiathriller sind vielfach zu Klassikern geworden. In der Literatur findet man aus dieser Zeit Frederic Forsyth mit seinen berühmten Romanen „Der Schakal“ oder „Die Akte Odessa“.

Doch die Gattung „Politthriller“ erlebte in Großbritannien bereits Anfang des 20. Jahrhunderts eine erste Blüte. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ließ ein breites Genre entstehen. Schon 1915 entstand „The 39 Steps“ von John Buchanan, ein Roman, der bis heute ununterbrochen lieferbar ist und der als Grundlage für Alfred Hitchcocks „39 Stufen“ diente. Aber auch Werke von Graham Greene und W. Somerset Maugham zählen zu den Klassikern ihrer Art. Oft waren die Autoren selbst eine Zeitlang als Agenten tätig, wodurch ein neuer Realismus in die Spionage- und Verschwörungsliteratur Einzug hielt.

Mit „Es gibt keine Wiederkehr“ von John Mair fördert der Elsinor Verlag nun einen Politthriller zutage, den der Verlag als Klassiker des Genres und frühes, doch vergessenes Meisterwerk, eines viel zu jung gestorbenen Autors präsentiert. John Mair wurde 1913 in London geboren. Mit 25 Jahren stand er im Olymp der Literaturkritiker. 1939 begann er, an „Never come back“, wie der Roman im Original heißt, zu arbeiten. Ein Glück für uns heute, dass er den Thriller noch fertigstellen konnte, bevor er tragischerweise 1942 bei einem Übungsflug in der Royal Air Force mit nur 29 Jahren tödlich verunglückte. George Orwell rezensierte das Buch 1941 sehr wohlwollend. Doch eine juristische Auseinandersetzung mit einem Politiker, der sich in dem Roman wiederzuerkennen und verunglimpft glaubte, verhinderte den Erfolg des Buchs. Es war bei Erscheinen schlicht nicht lieferbar. Hinzu kamen die beginnenden Luftangriffe der Deutschen auf Großbritannien. Kein guter Zeitpunkt für eine Thriller-Lektüre.

Heute allerdings liest sich die Geschichte gleichermaßen als zeithistorisches Literaturdokument und spannender, bisweilen humoriger und vor allem sehr unterhaltsamer Thriller. Desmond Thane, Boulevardjournalist mit Fantasie und Fabulierkunst, beginnt eine Affäre mit einer ebenso schönen wie erotisch-kühlen Frau. Anna fordert ihn in ihrer Unnahbarkeit heraus. Er entwickelt eine Art Hassliebe zu ihr, an deren Ende sie – eher versehentlich – tot vor ihm liegt. Als wäre der Mord nicht schon schlimm genug, muss Desmond Thane bald feststellen, dass Anna offenbar in einer geheimen Mission unterwegs war. Und die Organisation, für die sie arbeitete, kennt kein Pardon, wenn man eine ihrer Agentinnen umbringt und dabei auch noch ein wichtiges Büchlein verschwinden lässt. Ein Buch, dessen Brisanz Thane zunächst gar nicht erkennt. Der abgebrühte, vom Leben gelangweilte Journalist wird zum Gejagten. Und so unsympathisch er mit seinen Mogeleien, seinen wilden Geschichten, seinem Egoismus und seiner Selbstverliebtheit auch ist, schon bald fiebert man mit diesem Antihelden mit, den man trotzdem irgendwie bewundert: für seine Schlagfertigkeit und seine Geschicklichkeit, jede noch so missliche Situation irgendwie zu meistern. Sei es mit Gewalt oder mit Lügengeschichten, die ihm mehr als einmal Kopf und Kragen retten. Da fragt man sich schon, ob der Mann nicht nur überlebt, weil er sein Gegenüber einfach totquatscht. An körperlicher Überlegenheit kann es nicht liegen. Wohl aber an einer gewissen Form von Gier und der Sucht nach Selbstbestätigung.

Cover: Elsinor Verlag

So lesen wir hier auch rein gar nichts, das sich einfach in „Gut und Böse“ einteilen lässt. Freilich, aus heutiger Sicht ist das alles schon einmal da gewesen: Geheimorganisationen, eine weltweite Verschwörung, die nach Macht strebt – die Super-Bösewichte aus den James-Bond-Filmen lassen grüßen. Und doch ist hier nichts wie James Bond, nichts wie ein klar definierter Agentenroman aus dem Krieg, ob er nun der Erste, Zweite oder Kalte ist. Hier stehen sich zwei Schattenwelten in einem Kampf gegenüber, in dem ein einzelner mit dem Glück des Naiven, des Gewitzten und des Unerschrockenen ein gehöriges Durcheinander anrichtet. So bleibt es nicht bei einem Toten, so wenig, wie am Ende die Welt wieder in Ordnung ist. Denn inzwischen tobt der Zweite Weltkrieg. Angesichts der Menschenleben, die dieser fordern wird – was zählt da schon ein Mord?

Das alles erzählt John Mair flott, ja bisweilen rasant und mit einem gewissen Witz. Unwillkürlich sucht man nach einer Verfilmung – und findet nichts. Stattdessen staunt man weiter über diesen Desmond Thane, der sein Tun auch noch philosophierend reflektiert. Wie ernst hat John Mair sein eigenes Werk genommen? Auf jeden Fall schuf er mit „Es gibt keine Wiederkehr“ das wunderbare literarische Bild einer berstenden Welt und ihren irren Fanatikern angesichts des Krieges, an dessen Ende nichts mehr sein wird wie es war.

John Mair
Es gibt keine Wiederkehr
Elsinor Verlag, Coesfeld 2021
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