Die Macht des Ungesagten: Hugo Ramnek „Die Schneekugel“

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LiteraturRezension von Barbara Hoppe.

Eine Schneekugel steht auf dem Schreibtisch. Die Kuppel hat einen Sprung. Darunter ein Dorf. Wenn man die Kugel schüttelt fällt Schnee auf die starre Landschaft. Flocken, die wie Erinnerungen herabrieseln. Auf das Kärntener Land, in die Gedanken des Jungen. Eines Jungen, der längst ein Mann ist. Am Ende dieses Romans in Erzählungen, als die Eltern alt sind und auch er nicht mehr jung ist. Sie ihn nicht mehr vom Bahnhof abholen können, denn der Weg ist zu beschwerlich.

Hugo Ramnek ist in Kärnten geboren, an der Grenze zu Slowenien groß geworden und heute in Zürich zu Hause. Seine Erzählfragmente fallen so leise und sacht wie der Schnee in der Kugel ins Bewusstsein des Lesers. Mit jedem Schütteln schüttelt er Erinnerungen frei, kleinere und größere Begebenheiten, die seine Familie betreffen oder die Region erschütterten. Bis in den Zweiten Weltkrieg reicht dieser fast collagenartige Roman, als Juden und Partisanen durch den Ort getrieben wurden. Das Wischen und Schlurfen war weit zu hören: „Lebende Sterbende. Sterbende Lebende. Knochenhaufen. Sie sanken auf der Wiese neben dem Acker nieder. Sie rupften Gras aus, kauten und aßen es.“ Ein grauer Haufen, der am nächsten Morgen wieder verschwand. Und doch saßen die Einheimischen auch Jahre später noch fromm-gläubig in der Kirche, die langatmige Predigt des Pfarrers zwar kaum aushaltend und doch ihren bigotten Gewohnheiten die Treue haltend. Slowenen waren immer noch unerwünscht.

Cover: Wieser Verlag

Der Junge sieht und hört und weiß und versteht doch nicht alles. Ob Hirnhautentzündung oder Gottesdienst, ob undurchsichtige Verwandtschaftsverhältnisse oder die Stadt, in die so mancher Mann von Zeit zu Zeit verschwand. Mit wenigen Worten gelingt es Hugo Ramnek, Stimmung und Gefühle, Unwissen und Verwirrung, Unbehagen und das Wissen um die geistige Enge und dem Wunsch, dieser zu entkommen, zu umreißen. Was man liest, geht unmittelbar über in ein Gefühl, das einem das Atmen abschnürt.

Zurecht ausgezeichnet mit dem Premio letterario internazionale Merano-Europa ist der kleine Roman mehr als nur ein Schlaglicht auf die Geschichte Kärntens. Er ist ein glitzernder Kristall im Schnee, dem man mehr als einen Augenblick schenken sollte.

Hugo Ramnek
Die Schneekugel.
Ein Roman in Erzählungen
Wieser Verlag, Klagenfurt 2020
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