Aus Schmerz wird Kunst – Besuch im Offenen Atelier St. Hedwig

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Der Berliner Künstler Haci Sami Yaman leidet unter psychischen und somatischen Problemen. Für Malerei ist das existenziell. Von Kirsten Niemann.

Er liebt die Sonne. Er mag es, die Wärme auf der Haut zu spüren. Aber seine Augen vertragen diese Helligkeit nicht. Denn Haci Sami Yaman leidet unter einer seltenen Stoffwechselkrankheit. Inzwischen ist er zu 98 Prozent sehbehindert. Mit den verbleibenden zwei Prozent erkennt er verschwommene Strukturen, kann Hell von Dunkel unterscheiden. Bei Sonnenschein sieht er gar nichts mehr. Menschen gehen vorbei, sie sprechen laut. Der Künstler zuckt zurück. Unerwartete Geräusche irritieren ihn. Wenn die Sinne schwinden, wird man empfindlich.

Suche nach Schönheit

Wenn Sami Haci Yaman malt, dann klopft mit dem Stift in einem schnellen Rhythmus, als würde er das vor ihm liegende Blatt perforieren. Was als erstes auffällt, sind die Farben! Dabei kann er sie gar nicht erkennen. Doch hat einen Sinn für sie. Er  weiß, dass sich Rot warm und Blau kalt anfühlt. Er orientiert sich auf dem Papier an seinem Klopfen der Stifte und am Aufdruck. Punkte und Striche verdichten sich zu dynamischen Mustern. Linien wabern über die Leinwand, das ganze Bild scheint zu vibrieren. „Schöner Garten“ heißt eine Arbeit, die Anfang des Jahres in einer Gruppenausstellung in der Berliner Galerie Art Cru zum Thema „Arkadien – auf der Suche nach Schönheit“ zu sehen war.  Aber wie malt man, wenn man gar nicht sieht, was vor einem auf dem Papier entsteht? „Ich muss meine Bilder nicht angucken. In meiner Kunst nehme ich mich selbst wahr. Ich bin ein Seelenforscher“

 

Haci Sami Yaman, wild, 2018, Faserstift auf Papier, 60×40

 

Der Künstler spricht nicht über das Sehen, sondern über Wahrnehmung. Denn die diese kommt aus seinem Inneren, sie hat mit ihm selbst zu tun. Gerne erzählt er, wie er entdeckt hat, dass er ein Künstler ist. Fast zwei Jahre ist das jetzt her. Es gab psychische Probleme, er lag in der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus. Er litt unter Schmerzen. Schlimmen Schmerzen, gegen die Tabletten kaum etwas ausrichten können. Er neigte zur Selbstzerstörung. Die Ärzte und die Therapeutin erschienen regelmäßig an seinem Bett, er solle doch sprechen. Aber er konnte keine Worte finden, für das, was in ihm los war. Er bat um Stifte und Papier,  wollte malen, was er nicht erzählen konnte. Natürlich waren die erstaunt, Papier und Stifte – für einen Blinden? Aber sie ließen ihn machen. „Was mich wirklich überrascht hat, war deren Reaktion: Sie sagten, es sei richtig gut.“ Seitdem arbeitet er zweimal die Woche im Offenen Atelier St. Hedwig. Hier kann er loslassen, wo er sich sonst in seinen Schmerz verbeißen würde. Er malt mit Filz- und Acrylstiften, mit Tusche, Kugelschreibern und Wachsmalstiften.

 

Haci Sami Yaman, Konstante, 2018, Faserstift auf Papier, 82×60
Vertrauen in das Gute

Manchmal kommen sogar alle Malgeräte auf einem Bild zum Einsatz. „Ich nehme, was ich in die Finger bekomme“, sagt der Künstler und fängt an zu malen. „Ich habe großes Vertrauen, dass etwas Schönes entsteht.“ Die schönsten Bilder seien unter starken Schmerzen entstanden, sagt er. „Der Schmerz gehört zu mir – sonst gäbe es ja diese Bilder nicht.“

Naturale Systeme
Ausstellung bis zum 14. Juli 2018
Die Galerie zeigt Bilder von Haci Sami Yaman und Beatrice Guder.

Vernissage: 14.06.2018, 18 Uhr
Galerie Art Cru
Oranienburger Straße 27
10117 Berlin

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