Acht Franzosen suchen das Rheingold

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Der Grüne Hügel in Bayreuth darf in diesem Jahr mit immerhin 900 Zuschauern pro Vorstellung bei den Festspielen kalkulieren. Aber wir feiern unsere eigenen Bayreuther Festspiele im Feuilletonscout. In vier Folgen stellen wir an dieser Stelle als unsere selbstgemachte Ring-Tetralogie die Schriften des Wagner-Forschers Luc-Henri Roger vor. Von Stephan Reimertz.

Erster Teil: Luc-Henri taucht nach dem Rheingold – in der Isar!

Ludwig wird ungeduldig. In den Iden des März befiehlt der König die Uraufführung des Rheingolds, Vorabend der Tetralogie Der Ring des Nibelungen. Kleiner Schönheitsfehler: Der Vierteiler ist noch gar nicht vollendet. Auf Tribschen, einer kleinen Landzunge im Vierwaldstättersee, komponiert Richard Wagner noch am dritten Teil, Siegfried. Mit seiner Geliebten Cosima v. Bülow liest der Komponist Shakespeare-Dramen und versendet seine gerade erschienene Broschüre Das Judenthum in der Musik in alle Welt. Rossini, Berlioz und Lamartine sind verstorben, was in Tribschen in jenem verschneiten März 1869 zur Kenntnis genommen wird. Frau v. Bülow betreibt auch Kunstgeschichte, und in den Zeitungen verfolgt sie die Geschehnisse rund um das Erste Vatikanische Konzil in Rom, wo die Unfehlbarkeit des Papstes verkündet wird. Wie ärgerlich! Es gibt doch nur einen Unfehlbaren…

Seine Majestät werden ungeduldig

130 Jahre später, wenige Tage nach der – bis heute letzten – Bayreuther Premiere stellt Luc-Henri Roger sein Buch Les Voyageurs de l’Or du Rhin in der Villa Wahnfried vor. Eine kleine Schar von Auserwählten lauscht den Ausführungen des Autors, der mit seinen bahnbrechenden Publikationen autour de Wagner einer der avanciertesten Wagner-Forscher unserer Zeit genannt werden kann. So ist seine Monographie über die Pilger zum Rheingold auch das Ereignis der Bayreuther Festspiele 2019, weniger die prätentiöse Neuinszenierung des Tannhäusers. Es wäre zu wenig, Rogers Buch nur eine spezifisch französische Rezeptionsgeschichte des Rheingolds zu nennen. Les Voyageurs de l’Or du Rhin ist zugleich ein spannender Abenteuerroman aus den großen Tagen der Operngeschichte. Ja, und die Monographie würde sich ganz hervorragend zur Verfilmung eignen! Wir sehen Ludwig II., König von Bayern, ungeduldig in der Residenz zu München auf und ab gehen. Schon wieder hat er einen Brief von Richard Wagner aus dem Schweizer Exil bekommen. Sein Protegé verlangt, der Herrscher möge warten, bis der gesamte Ring des Nibelungen abgeschlossen ist und alle vier Teile zusammen aufgeführt werden können. Der König aber möchte wenigstens schon einmal den »Vorabend« genannten ersten Teil hören: Das Rheingold. Die Ereignisse nehmen ihren Lauf…

Das Comité Wagnerien formiert sich

Die Nachricht, das Rheingold werde am 22. September 1869 in München im Auftrag von König Ludwig II. von Bayern und gegen den Willen von Richard Wagner uraufgeführt, verbreitet sich wie ein Lauffeuer unter Wagnerianern in ganz Europa. Aus Paris macht sich eine kleine Elite auf den Weg nach München, ein Teil von ihnen reist über Tribschen in die Schweiz, um den Komponisten zu besuchen, bevor das unerhörte Werk im Nationaltheater München über die Bühne geht. Luc-Henri Roger fächert in seiner Monographie Artikel aus der französischen Presse über das kulturelle und gesellschaftliche Leben der bayerischen Hauptstadt zur Zeit der Proben auf, berichtet von der Uraufführung des Rheingolds und über den Skandal, der während der Generalprobe des Prologs zum Ring des Nibelungen ausbrach und der zu einer Reihe von Rücktritten führte, die eine Verschiebung der Premiere zur Folge hatten. Die meisten Texte in diesem Buch sind bisher unveröffentlicht geblieben, außer zum Zeitpunkt ihres Drucks in den Zeitungen der damaligen Zeit. Man wird die Zeugnisse der glühenden Pilger des Wagnerismus wie Judith Gautier, Catulle Mendès, Villiers de l’Isle-Adam, Augusta Holmès oder Edouard Schuré ebenso lesen wie die der Anti-Wagnerianer wie Albert Wolff. Aber wir sprachen doch von acht Franzosen, nicht sieben… Ja, der achte ist Luc-Henry Roger selbst, der uns mit seiner spannenden Monographie in eine legendäre Epoche Münchner und europäischer Opernkultur katapultiert.

Reichhaltige Monographie

Während ihrer Reise nach München fuhren Mendès und Villiers de l’Isle-Adam nach Tribschen im Vierwaldstättersee, um den Komponisten und seine Geliebte zu treffen, und schrieben in der Presse und in ihrer Korrespondenz farbenfrohe Berichte über ihre Reise und ihren Aufenthalt beim Meister. Auch die Ansichten Richard Wagners und seiner Lebensgefährtin Cosima von Bülow über ihre Besucher und die Ereignisse in München sind uns durch Cosimas Tagebuch überliefert und werden hier ebenfalls noch einmal rekapituliert. Die Korrespondenz der Gräfin Mouchanoff, Wagners Mäzenin und Cosimas Freundin, die im August und September in München weilte, gibt uns die Reaktionen einer großen Dame auf die Ereignisse des Sommers 1869. Roger schreibt ein geschliffenes, elegantes Französisch, so können die Voyageurs de l’Or du Rhin zugleich als literarisches Ereignis betrachtet werden. Dabei ist seine wissenschaftliche Akribie zu bewundern, welche uns u. a. einen Gesamtüberblick über französische Presseartikel und Briefe anlässlich des ungewöhnlichen Ereignisses beschert, wie auch selten gezeigte S/W-Abbildungen von Bühnenbildern von Theodor Pixis, Figurinen von Franz Seitz, Illustrationen aus Zeitungen u. v. m. Eine wunderbare Lektüre für Wagnerianer und alle, die sich für die europäische Kulturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts interessieren.

Luc-Henri Roger
Les Voyageurs de l’Or du Rhin
Books on Demand, Paris 2019

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