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Salzburger Festspiele 2022: Triumph der Vorstellung

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Die persische Künstlerin Shirin Neshat studiert im Großen Festspielhaus ihr Opernregiedebüt »Aida« von 2017 neu ein. Zusammen mit Bühnenbildner Christian Schmidt und Kostümbildnerin Tatyana van Walsum gelingt ein ästhetisch und dramaturgisch überzeugendes Konzept. Alain Altinoglu steuert die Wiener Philharmonikern geschmeidig durch die Untiefen von Giuseppe Verdis Nil-Oper, vorbei an allen Krokodilen. Von Stephan Reimertz.

Die Niltöchter Marille, Mojca und Nofreteterl plantschen im Fluß und hüten das Nilgold. Da kommt der Zwerg Amon daher, macht den dreien Avancen und will ihnen den Ring des Pharao abjagen. Im Hintergrund engagieren die Götter Aker, Ha und Kek den Stier Kamutef, damit er ihnen eine Pyramide baue. Aber es gibt Streit um den Preis, da sich Kamutef die schöne Göttin Ketek ausbedungen hat… So etwa hätte »Aida« ausschauen können, wenn der in Kairo lebende französische Ägyptologe Auguste Mariette seine Drohung wahrgemacht und sein Libretto von der gefangenen äthiopischen Sklavin Aida Richard Wagner zur Vertonung angeboten hätte. Dieser fischte freilich gerade im Rhein, bzw. im Vierwaldstätter See, an dem er mit seiner Geliebten Cosima von Bülow residierte und nach langer Unterbrechung endlich wieder in die Arbeit am »Ring des Nibelungen« zurückgefunden hatte. Die Drohung tat jedoch ihre Wirkung, und Giuseppe Verdi, der sich lange geziert hatte, das Libretto zu vertonen und den Opernauftrag der ägyptischen Regierung anzunehmen, schlug zu; nicht ohne zuvor die höchste Honorarforderung zu stellen, die es in der Geschichte der Oper je gegeben hatte.

Disziplin der Inszenierung

Wenn wir den Schmachtfetzen heute bei den Salzburger Festspielen sehen, müssen wir zugeben, wie es der persischen Künstlerin Shirin Neshat gelungen ist, mitten auf dem Nil, wenn man so will, zwischen Skylla und Charybdis durchzusteuern und mit zwei Voll-Profis, dem Bühnenbildner Christian Schmidt und der Kostümbildnerin Tatyana van Walsum, dem Publikum der Festspiele eine Produktion vorzusetzen, in welcher das Kunststück gelingt, weder prätentiös noch banal zu sein und mit einem auf einfachen Elementen fußenden Inszenierung sowohl den Geschmack des breiten Publikums zu bedienen als auch den Ansprüchen der Gebildeten gerecht zu werden. Das ist kein ägyptoider Kitsch: das ist ein auf Schwarz, Weiß, Beige und gedecktem Ziegelrot basierende farb- und Formstrenge Choreographie und ein ebenso einfaches und durchdachtes Bühnenbild. Dessen Zentralelement bildet ein variabler Würfel, und selbst die Videoeinblendungen, welche sonst den Zuschauer bei Operninszenierungen nerven, wirken hier zurückhaltend und dramaturgisch sinnvoll. Sie sind ganz in Schwarzweiß gehalten und zeigen Männer und Frauen des Vorderen Orients. In den Zwischenakten erscheinen Gesichter auf dem geschlossenen Vorhang. Das alles hätte nicht funktionieren müssen, es griff indes perfekt ineinander. Am Ende hat man eine »Aida«, welche die dem Stoff innewohnenden Probleme des Exotismus, Imperialismus, der Grandiosität und des Banalen geschickt in ein straffes und diszipliniertes Bild wendet.

Kunstverstand und ästhetisches Gefühl

Sie wollten immer schon eine Oper inszenieren? Kein Problem! Die Intendanten der Opernhäuser stellen in den letzten Jahren verstärkt zufällig aufgelesene Mitbürger von der Straße weg für die Regie ein. Einzige Voraussetzung: Sie dürfen nichts mit Oper am Hut haben! Ob Opernfremde wie Tankred Dorst, Heiner Müller oder Neo Rauch in Bayreuth, ob Marina Abramović in München; stets erfolgt zuverlässig das erwartete Fiasko und führt zu verstärkter Berichterstattung. Ansonsten funktioniert das Laienkonzept meistens nicht. Und so kann das Engagement der persischen Künstlerin Shirin Neshat als Glücksfall betrachtet werden. Von ihr kann man noch viel lernen. »Aida« ist eine der besten Inszenierungen des ganzen Festspielsommers. Das verdanken wir Neshats Mut, eine Geschichte auf ihre Grundbestandteile zu reduzieren und für sich selbst sprechen zu lassen. Wieviel Bühnen waren in diesem Sommer sinnlos vollgerümpelt! Und da kommen wir zu einem wesentlichen Element bei Shirin Neshat: Ihrem ästhetischen Empfinden. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Sieht man sich jedoch das Herumlungern der Figuren in der »Ring«-Inszenierung von Valentin Schwarz in Bayreuth oder dem »Trittico« von Christof Loy in Salzburg an, so erkennt man: Wir brauchen eine neue Entrümpelung der Opernbühne, und dazu haben Neshat, Schmidt und Walsum in ihrer »Aida«-Produktion einen sichtbaren Beitrag geleistet.

Vorzügliche Sänger

Natürlich kann man Verdis Partitur imperialen Leerlauf und musikalisches Schauprangen vorwerfen. Heute hört sich das überaus populäre Stück wie eine Schlagerparade an. Man darf freilich nicht überhören, wie der Komponist seine Märsche und Triumphmomente durchweg mit langen kammermusikalischen Passagen kontrastiert, welche die Solisten der Wiener Philharmoniker in Salzburg mit entsprechender Delikatesse vortragen. Der Exotismus von »Aida« freilich ist ziemlich vage und steht etwa auf einer Stufe mit den orientalischen Tänzen in Tschaikowskijs Balletten. Sehr hübsch und für die Reklame im Fernsehen wie geschaffen. Ebenso wie das Regieteam haben sich allerdings Alain Altinoglu und die Wiener Philharmoniker dafür entschieden, diese große Partitur ernstzunehmen und ein sensibles und abgestuftes Hörerlebnis anzustreben. Dem folgen die Sänger: Piotr Beczala geht die Rolle des Radamès vollkommen musikdramatisch an und stellt echte sängerische Aktion auf diesen oft allzu weichen Klangteppich von Verdis diffuser Ägypten-Vision. Elena Stikhina verleiht der Titelrolle jene sängerisch-schauspielerische Eindringlichkeit, welche nach Aristoteles unverzichtbarer Bestandteil der Tragödie bilden, will sie Erschütterung und Rührung im Zuschauer auslösen. Ève-Maud Hubeaux stellt eine stimmgewaltige und schon von der Statue her der Aida völlig entgegengesetzte Amneris dar. Das Damenduett gerät zu einem der musikalisch anrührendsten Momente des Abends. Roberto Tagliavini als Pharao, in der Oper nur »König« genannt, verkörpert stimmlich und darstellerisch glaubwürdig den Archetyp des Herrschers in dieser so populären Oper, in der doch soviel schiefgehen kann, aufgrund der Disziplin und des Kunstverstandes des Teams in Salzburg jedoch soviel gelungen ist.

Wie ägyptisch ist »Aida«?

Gerade in den Tagen der Wiederaufführung von Shirin Neshats bereits 2017 in Salzburg gezeigter Inszenierung traten ein paar durchgeknallte Fanatiker ans Licht der Öffentlichkeit; so der Attentäter, welcher Salman Rushdie angriff oder der deutsche Verlag, der Winnetou-Bücher wg. »kultureller Aneignung« aus dem Programm nahm. Opernleitungen müssen verstärkt berücksichtigen, wie vermeintliche Politische Korrektheit in Gewalt umschlagen kann. Immerhin ist auch an »Aida« gar nichts »ägyptisch«, und heute darf sich jede Opernleitung warm anziehen und auf beleidigte Leute einstellen. Wie steht es bei Verdi überhaupt mit der Verbindlichkeit der Topoi? »La Traviata« kann man sich tatsächlich schwer an einem anderen Ort als Paris vorstellen. »Die sizilianische Vesper« spielt auf ein historisches Ereignis auf der Insel an, auf sonst aber auch nichts, vor allem musikalisch. »Simon Boccanegra« hat durchaus eine gewisse Genua-Affinität, wäre aber auch in Venedig denkbar. »Rigoletto« ist eher durch unsere Vorstellung und Gewohnheit mantuanisch. »Nabucco« hat mit dem alten Israel so gar nichts am Hut, selbst wenn orthodoxe Juden gern in die Aufführungen strömen. Und der »Maskenball« in Boston mit einem amerikanischen König ist allein der Zensur geschuldet. Innerhalb der abfallenden Verdi-Topographie liegt »Aida«, was die topographische Verbindlichkeit angeht, zwischen »Nabucco« und »Maskenball«. Auch die historische Angabe »in der Pharaonenzeit« erstreckt sich über mehrere Jahrtausende. Würden Sie sich als Regisseur für ein bestimmtes Jahrzehnt entscheiden und einen namhaften Ägyptologen – in Deutschland etwa Jan Assmann – als Berater hinzuziehen? Das könnte ganz spaßig werden. Die Zuschauer würden das Theater mit einem Gefühl verlassen, mit dem auch Thomas Manns Sekretärin »Joseph und seine Brüder« abgetippt hat: »Jetzt weiß man endlich, wie es wirklich war!« Die Künstlerin Shirin Neshat hat uns in Salzburg vor jedem Kitsch, jedem Realismus bewahrt und ein heute aus politisch-kulturellen Gründen so schwer zu inszenierendes Werk in seiner inneren Wahrhaftigkeit freigelegt.

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