Menschen im Museum: “Auf leisen Sohlen”

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Kolumne von Susanne Falk.

Es ist laut. Überall. Um mich herum ploppen die Baustellen aus dem Boden wie Gänseblümchen an einem ersten warmen Frühlingstag und machen vor allem eines: Lärm. Und Dreck. Also gut, das sind zwei Dinge. Mit Dreck kann ich leben, auch wenn ich gerne einmal wieder aus dem Fenster sehen würde ohne mich zu fragen, ob es eigentlich gerade regnet. Nein, das sind nur die Spuren vom Baustellenstaub, der sich wie ein Schleier über meine Aussicht legen. Aber was soll ich gegen den Lärm tun? Die Antwort ist so einfach wie effektiv und lässt sich problemlos von einem Beatlessong herleiten, so wie sich ja im Grunde alles von den Beatles herleiten lässt: Run for your life, little girl!

Wenn draußen der Pressluftbohrer knattert, dann ist es Zeit, sich einen ruhigen Ort zu suchen, an dem der Wahnsinn für kurze Zeit zum Stillstand kommt. Und zwar mit Betonung auf der ersten Silbe, also Still-stand. Das heißt, ich suche mir einen Ort, wo ich in aller Ruhe still herumstehen kann und sich kein Mensch daran stört. Das geht in einem Supermarkt nur für kurze Zeit, denn nach etwa 30 Sekunden wird die Verkäuferin misstrauisch und überlegt, ob man etwa zu den Wahnsinnigen oder den Ladendieben gehört. Und so sehr ich die Natur liebe: Ich stehe nur ungern regungslos im Wald herum. Ganz still und stumm. Zumal ich einen purpurroten Mantel besitze und das kommt einem dann doch irgendwie komisch vor. Es gibt ja so schon genügend Lieder über mich. Der einzige Name, der noch öfter in Songs besungen wird als Susanne (gerne in den Varianten Susi, Sue, Suzanne oder gar Susannah) ist Maria. Und wenn Sie noch keinen Ohrwurm im Kopf haben, dann bekommen Sie den spätestens jetzt. Nicht dass ich Ihnen in schwierigen Zeiten nicht zur Seite stehen möchte, aber Mother Mary kann das besser. Sie müssen es nur zulassen. Behauptet zumindest Paul McCartney.

Wir halten also fest: Draußen (das Draußen, dass Sie durch ihre dreckigen Fenster kaum noch sehen können) lärmt der Pressluftbohrer und in Ihrem Kopf dudelt es jetzt Let it be von den Beatles. Wie entkommen Sie dem Wahnsinn? Antwort: Sie gehen dorthin, wohin Ihnen der Lärm nicht folgen kann, nämlich ins Museum.

Dabei ist es vollkommen gleich, in welches Haus es Sie zieht, denn eines haben Museen alle gemeinsam: Sie sind Orte der Ruhe. Gut, man kann zu diesem Zweck natürlich auch eine Kirche besuchen oder einfach eine Sauna, aber da dürfen Sie auch nur eine gewisse Zeit still herumsitzen, bevor man sich entweder Ihrer Seele (hab ich möglicherweise keine) oder Ihres Körpers (hab ich zuviel von) annehmen möchte. In einem Museum können Sie dagegen stundenlang vor einem Bruegel herumstehen (ganz gleich ob jüngerer oder älterer) und versunken auf das Bild starren, ohne es dabei wirklich zu sehen und ohne dass Sie jemand doof anschaut. Sie brauchen nur die richtige Pose dazu einzunehmen und natürlich hilft es, wenn Sie einen Cordanzug und eine dicke Hornbrille tragen und schon lässt man Sie in Ruhe, um sich herum nur ein Klangteppich aus kaum hörbarem Gemurmel. Es ist geradezu so, als würden Sie Ihren Kopf unter Wasser halten oder als ob Sie zumindest irgendwie abtauchen, vorzugsweise in einem gelben Unterseeboot. Und schon wird es um Sie herum ganz, ganz leise. Und wenn Sie lange genug dort stehen bleiben, dann wird es auch in Ihnen drinnen ganz, ganz leise. So leise wie in einem norwegischen Wald. Dann sind der Dreck und der Lärm der ganzen Welt mit einem Mal vergessen. Schön wäre das, nicht wahr? Blöderweise haben Sie jetzt immer noch die Beatles im Ohr und die trällern dort für den Rest des Tages vor sich hin. Sorry. Das ist jetzt meine Schuld. Aber tausendmal besser als ein Pressluftbohrer, oder etwa nicht? Und, glauben Sie mir, das geht vorbei. So ganz Ob-La-Di und Ob-La-Da.

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