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Literatur: Ian McEwan „Kindeswohl“Fiona Maye ist 59 Jahre alt, seit mehr als 30 Jahren mit Jack, einem Geschichtsprofessor verheiratet, empört-wütend, als dieser ihre eheliche Erlaubnis haben möchte, eine Affäre mit einer jungen Frau zu beginnen, und sie ist angesehene Familienrichterin am High Court in London. In dieser Funktion hat sie täglich mit Scheidungen, Sorgerecht und Kindeswohl-Entscheidungen zu tun, die es durchaus in sich haben können – so bei der Frage, ob siamesische Zwillinge getrennt werden sollen, auch wenn ein Kind dabei sterben wird oder ob zwei jüdische Mädchen höhere Bildung genießen dürfen, obwohl der orthodoxe Vater dagegen ist.
Und in Sachen Kindeswohl steht Fiona ausgerechnet jetzt vor einer eiligen Angelegenheit: Der 17-jährige an Leukämie erkrankte Adam und seine Familie verweigern aus religiösen Gründen die überlebenswichtige Bluttransfusion, denn sie gehören Jehovas Zeugen an. Das Krankenhaus will sich diesem Wunsch widersetzen. 24 Stunden bleiben der Richterin, eine Lösung zu finden, um dem Jungen zu helfen und die religiösen Gefühle nicht zu verletzen. Sie besucht Adam im Krankenhaus, einen schönen, feingeistigen jungen Mann, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit diesem Besuch rettet sie zwar zunächst noch Adams Leben, doch was ihr Urteil auslöst, konnte sie nicht ahnen.

Ian McEwan, 1948 in Hampshire geboren, schrieb zahlreiche Romane und erhielt viele Auszeichnungen. „Abbitte“ wurde 2001 ein internationaler Bestseller und mit Keira Knightley verfilmt. In „Kindeswohl“ bezieht sich McEwan auf einen wahren Fall.

Die Frankfurter Rundschau positiv: „Kindeswohl“ ist ein maßvoller, abgewogener, formvollendeter Roman über maßvolle, gutwillige Menschen. Man müsste sie eigentlich langweilig finden. Das tut man aber nicht. Denn einen zarten, behutsamen und darum überzeugenden Zugriff hat Ian McEwan hier ein weiteres Mal auf die großen, lebensentscheidenden Fragen, wie auf die alltäglichen, die winzigen emotionalen Positionsveränderungen.“

FAZ net verhalten: „ […] es gibt neben der professionell-schmalzigen Beziehung zu Adam noch eine eheliche Rahmenhandlung, die aber eher mau ist. So detailliert und packend McEwan die ungewöhnlichen Rechtsfälle schildert, so gewöhnlich erscheint das Privatleben der Richterin. […] Dieses Werk hat das Leben geschrieben. Der Schriftsteller Ian McEwan beschränkt sich auf gutes Nacherzählen.“

Der Tagesspiegel online meint: „Es ist ein spannendes, romanträchtiges Thema, das McEwan in manchmal allzu ausschweifenden exegetischen Referaten vertieft. Der Alltag einer überlasteten, von Überdruss geplagten Familienrichterin, der Fehlentscheidungen nach sich zieht, wird dabei ebenso eingefangen wie das allgemeine Familienelend. Darüber hinaus klingt auch in diesem Roman das Dauerthema des Autors an: die Schuld, in die sich Menschen verstricken.“

Die Deutsche Welle lobt: „Ian McEwan hat aus diesen dramatischen und auf authentischen Fällen beruhenden Geschehnissen einen meisterhaften Roman komponiert. „Kindeswohl“ geht an die Grenzen des Erträglichen, weil der Autor den Leser zwingt, Stellung zu beziehen. In Fragen der Moral, der Ethik, des Gewissens.“

Ian McEwan:
Kindeswohl,
Diogenes Verlag, Zürich 2014
Leseprobe_Kindeswohl von Ian McEwan