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„Linie41! – ein Dokumentarfilm von Tanja Cummings über das Ghetto in Łódź und seine ZeugenIn Łódź befand sich nach Warschau das zweitgrößte Ghetto während des Zweiten Weltkriegs und die Straßenbahn fuhr mitten hindurch. Täglich wurden Deutsche und Polen Zeuge, was mit ihren jüdischen Mitbürgern geschah, sahen aus dem Fenster heraus Not und Elend.

Die Dokumentarfilmerin Tanja Cummings stieg tief ein in die deutsch-jüdisch-polnische Geschichte. In ihrem eindrücklichen Film begleitete sie zwei Männer auf Spurensuche: Natan Grossmann, der als Kind das Ghetto überlebte, und Jens-Jürgen Ventzki, Sohn des damaligen Nazi-Oberbürgermeisters von Łódź.

Feuilletonscout: Frau Cummings, in Ihrem Dokumentarfilm beschäftigten Sie sich mit dem Ghetto in Łódź während des Zweiten Weltkriegs. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Tanja Cummings: Das war ein längerer Prozess, der ca. 2008 oder 2009 begann. Zunächst habe ich mich beschäftigt mit der jüdisch-polnisch-deutschen Geschichte der Stadt. Eine wichtige Inspiration war das Buch von Israel Joshua Singer (Bruder des berühmten Nobelpreisträgers), Die Brüder Ashkenasy, das sehr faszinierend das besondere Verhältnis dieser Bevölkerungsgruppen in dieser Stadt im 19. Jahrhundert bis in die Zwanziger Jahre beschreibt – ein intensives wirtschaftliches, kulturelles Miteinander. Dieses Buch, aber noch andere, waren Inspiration für zwei Projekte, die ich/wir mit unserem Verein , dem EVA-Verein,  in Łódź durchgeführt haben – Kurzfilm-Dokumentationsprojekte mit Filmstudenten und -absolventen aus verschiedenen Ländern, die sich mit eben dieser Geschichte von Łódź befassen sollten. (Lodzer Mensch Filmprojekt und Lodzermenschen)
Ich habe mich in dieser Zeit – 2008 – aber bereits auf die Suche gemacht nach letzten Zeitzeugen, die etwas zu diesem Mythos des „Lodzermenschen“ erzählen können würden – aus vielleicht noch ganz eigener Anschauung. Die ersten Zeugen waren Lodzer Deutsche, die nach dem Krieg geblieben waren und tatsächlich noch in Łódź lebten, einige wenige…. Über die Monate und Jahre rückte aber immer mehr die Frage des Endes des Lodzermenschen in den Vordergrund. Diese Welt ist mit dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 untergegangen – unwiederbringlich. Wir sind dann in kleinen Teams immer wieder nach Łódź zurückgekehrt und haben begonnen, Interviews aufzuzeichnen. Der Schwerpunkt der Fragen verlagerte sich aber immer mehr auf die Kriegszeit, auf Fragen, wie die ehemals „guten Nachbarn“ während des Krieges lebten, wie sie ihn erlebten, was ihren Nachbarn widerfuhr etc. Was änderte sich mit dem Einmarsch der Wehrmacht? Schnell wurde klar, dass wir dazu möglichst alle Perspektiven in Betracht ziehen mussten  – also auch polnische und jüdische Zeugen befragen müssten. Einschneidend war dann zu erfahren, dass es dieses riesige Ghetto, das zweitgrößte nach dem in Warschau, inmitten der Stadt gegeben hat UND dass dort eine öffentliche Straßenbahn durchfuhr über vier Jahre und also die Bevölkerung außerhalb – Deutsche und Polen – sehen konnten, welche Zustände im Ghetto herrschten. Ich konnte es kaum glauben, als mir dies – ein Lodzer Deutscher erzählte. Alle wussten davon und ließen es geschehen. — Wichtig auch, wenn man heute durch das  ehemalige Ghettogebiet in Łódź läuft, scheint sich kaum etwas geändert zu haben seit der Kriegszeit. Es war immer schon ein armes Viertel und ist es auch heute noch. Es lässt sich hier filmisch einfangen, wie es damals ausgeschaut hat und heute immer noch ausschaut – und man wird das Gefühl nicht los, dass es heutige Menschen in den Straßen, Häusern, Fluren, Wohnungen nicht zu kümmern scheint, was hier geschehen ist. … Das alles wird mit den Händen greifbar und symbolisch zugleich, für andere Städte auch.
Jens-Jürgen Ventzki und Natan Grossmann sind die Hauptprotagonisten im Film, das entschied sich aber erst im Schnitt. Wir haben einige anderen Zeugen getroffen, haben uns dann aber auf diese beiden konzentriert, da sie im Film sozusagen auf eine Suche gehen, während die anderen „nur“ erzählen, was ihnen widerfahren ist.

Tanja Cummings

Tanja Cummings

Feuilletonscout: In Ihrem Film begleiten Sie zwei Personen: Natan Grossmann, der 1927 geboren wurde und als Kind das Ghetto überlebte, Eltern und Bruder jedoch verlor und Jens-Jürgen Ventzki, dessen Vater als Oberbürgermeister von Łódź die Germanisierungspolitik der Stadt vorantrieb und glühender Nazi war. Wie haben Sie die beiden gefunden?
Tanja Cummings: Jens-Jürgen Ventzki hatte zuvor in einem anderen Dokumentationsprojekt mitgemacht und ich wollte mir den Film anschauen, um zu erfahren, was andere zum Thema Łódź gemacht haben; nachdem ich die DVD bestellt in Wien hatte, rief mich Jens-Jürgen Ventzki an und wir verabredeten uns ein paar Monate später in Berlin. Wir beschlossen dann, gemeinsam nach  Łódź zu fahren und auch mit ihm zu filmen. Nachdem ich sein Buch gelesen hatte, Seine Schatten, meine Bilder,war mir klar, dass er eine wichtige Stimme werden könnte.
Es war sehr schwierig, jüdische Zeitzeugen zu finden. Die, die überlebt haben, sind nach dem Krieg und dann auch nach den antisemitischen Wellen aus Polen ausgewandert. Per Zufall stieß ich über  einen Zeitungsartikel (ich glaube, es war in der Jüdischen Allgemeinen) auf Natan, in dem kurz erwähnt wurde, dass er im Lodzer Ghetto gewesen war, nach Israel auswanderte und heute aber  in München lebt. Habe ihn dann per Post kontaktiert, habe ihn in München getroffen und dann recht zügig beschlossen, ihn nach Łódź einzuladen.
Wir haben mit beiden in Łódź aber nicht zusammen gedreht, sondern zeitlich versetzt. Erst später beschlossen wir, dass sie sich tatsächlich auch treffen sollten……….. und haben Natan zu Jens nach Österreich gefahren, wo es dann zu einer ersten einschneidenden Begegnung kam, die im Film dokumentiert ist – und der Beginn einer tollen Freundschaft ist, die wir im Film aber nicht weiter zeigen.

Feuilletonscout: Was war beklemmender für Sie – die Begegnung mit Herrn Grossmann oder die mit Herrn Ventzki?
Tanja Cummings: Beklemmender mit Sicherheit mit Herrn Grossmann, besonders schwierig war es auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Kulmhof/Chełmno. — Beklemmender auch, da wir mit ihm an verschiedene Orte gingen, um Informationen zu finden zu seinem Bruder (bis dahin wusste er nicht, was wirklich mit ihm geschehen ist, ja ob er nicht vielleicht sogar noch lebt?), zu seinen Eltern; so wurde ihr Schicksal, sein Schicksal, auf einmal sehr präsent bzw. alles bekam eine akute Wichtigkeit (etwas herauszufinden, Gewissheit zu gewinnen). Dass Vergangenheit auf einmal ganz gegenwärtig wird, war beklemmend und auch schmerzhaft, aber zugleich auch ganz wichtig.

Tram Linie 41

Tram Linie 41

Feuilletonscout: Wie haben Sie sich auf die Begegnungen vorbereitet?
Tanja Cummings: Das wichtigste war, in Łódź mit ihnen an Orte zu gehen, die für ihre Geschichte wichtig waren; mit Natan fuhren wir z. B. auch nach Zgierz, Vorort von Łódź im Norden, wo er mit seiner Familie bis zum Kriegsausbruch gelebt hat. Dort fanden wir noch eine Nachbarstochter bzw. die Tochter des damaligen Vermieters, die Natan und seine Familie noch kannte. Als Kinder haben sie miteinander auf dem Hof gespielt. – Dann die Orte, wo Natan im Ghetto gewohnt hat; wo er Zwangsarbeit geleistet hat; wichtige Punkte im Ghetto etc. Und weil wir Informationen zu seinem Bruder fanden, mussten wir nach Kulmhof/Chełmno fahren.
Bei Jens-Jürgen Ventzki waren es Orte, an denen sein Vater „wirkte“, aber auch z. B. sein Geburtsort, eine Villa, heute ist dort ein Kinderheim untergebracht. Und wir sind mit ihm auch ins Ghettogebiet gefahren.
Es ging also darum, Orte zu finden, die ihre Geschichte anschaulich machen bzw. an denen mitunter auch Dinge passieren können wie Begegnungen, neue Informationen finden oder auch nicht finden. Auch das Nichtfinden war wichtig.

Feuilletonscout: Welche Rolle haben Sie zwischen den beiden Männern eingenommen, wollten Sie einnehmen?
Tanja Cummings: Im Film kommt es nur einmal zu einer Begegnung zwischen den beiden – und dort dann auch zu einer sehr ergreifenden Szene. Sie ist damals spontan entstanden und geschehen – sie war sozusagen ein Geschenk. So gesehen will ich keine besondere Rolle zwischen ihnen spielen, sondern übernehmen die beiden die Regie. Auch wenn sie sich heute begegnen – z. B. bei Gesprächen nach Vorführungen – ist das so.

Feuilletonscout: Was waren die schwierigsten Momente der Dreharbeiten?
Tanja Cummings: Wenn es mir bei den Dreharbeiten die Sprache verschlagen hat… sie sind im Film aber auch die intensivsten Momente.

Feuilletonscout: Gab es auch schöne, glückliche, vielleicht sogar humorvolle Episoden während der Arbeit an dem Film oder in den Begegnungen?
Tanja Cummings: Sehr viele! Im Film werden Sie sehen, dass trotz der traurigen Thematik Natan sehr humorvoll ist und z. B. auch viel spontan singt (im Film haben wir drei Szenen, in denen er singt oder vier?). Besonders schön war es immer, wenn es zu Begegnungen kam, z. B. mit der oben erwähnten Nachbarstochter! Darüber war Natan sehr glücklich, sie ist für ihn der letzte Mensch aus der alten Zeit sozusagen, der alten Welt. Leider ist sie letztes Jahr gestorben. Oder auch die amüsante Szene zwischen ihm und Helena Bergson (eine Lodzer Jüdin, die tatsächlich in Łódź geblieben ist). Auch sie ist mittlerweile gestorben, wie auch einige Protagonisten unseres Films (Armin Hornberger, Waldemar Seiler). Schön war auch der Moment, in dem Natan im Archiv seinen „Meister“ entdeckt, der ihm im Ghetto das Schmieden beigebracht hat! Und Schmieden bedeutete Arbeiten können und Arbeiten können bedeutete eine Suppe mehr… also Überleben. Später haben wir herausgefunden, dass sein Meister – Monik Honikmann den Krieg überlebt hat. Solche Entdeckungen haben tatsächlich auch glücklich gemacht.

Feuilletonscout: Haben Sie persönlich etwas aus der Arbeit an dem Film und den Begegnungen mit den Menschen gelernt?
Tanja Cummings: Selbstverständlich. Ich kann das aber schwer beschreiben, was es genau ist, was man dabei lernt. Eines vielleicht – dass Vergangenheit auf einmal ganz gegenwärtig sein kann durch solche Begegnungen und sich eine Wucht entwickelt, der man sich kaum entziehen kann.

Feuilletonscout: Was sollen die Menschen mitnehmen, die Ihren Film gesehen haben?
Tanja Cummings:  „Sollen“ ist vielleicht nicht das richtige Wort. Der Film will ja kein Lehrstück sein, sondern er stellt Fragen, auf die ich im Film auch keine Antworten finde. Es würde mich freuen, wenn sich diese Neugierde auf die Zuschauer überträgt. Zwar befasst sich der Film mit historischen Fragen, doch dies tut er über v.a. zwei Hauptprotagonisten, die früher eigentlich auf unterschiedlichen Seiten des Zauns standen – Opfer- und Täterseite. Es geht hier im Film aber nicht um Versöhnung, sondern vielmehr um Aufeinanderzugehen und Zuhören. Wenn Menschen spüren, wie wichtig das ist, was dort geschieht, wäre das sehr schön.

Vielen Dank für das Gespräch, Tanja Cummings!

Termine:

8. November 2016
Frankfurt/Oder.
Eine Veranstaltung der Europa-Universität Viadrina
Kulturwissenschaftliche Fakultät
Axel Springer-Stiftungs­pro­fes­sur für deutsch-jü­di­sche Li­te­ra­tur- und Kul­tur­ge­schich­te, Exil und Mi­gra­tion
Ort: Europaplatz 1, 15230 Frankfurt, Gräfin-Dönhoff-Gebäude, Hörsaal 8. In Anwesenheit der Protagonisten Natan Grossmann und Jens-Jürgen Ventzki und der Regisseurin Tanja Cummings. Moderation: Frau Prof. Kerstin Schoor. EINTRITT FREI.
Zeit: 18 Uhr.

9. November 2016
Berlin. Eine Veranstaltung der Berliner Landeszentrale für politische Bildung. Nach der Vorführung FILMGESPRÄCH mit Regisseurin/Produzentin Tanja Cummings und den beiden Hauptprotagonisten, Jens-Jürgen Ventzki und Natan Grossmann. EINTRITT FREI. Moderation: Tino Schmidt (Freie Universität Berlin)
Ort: Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin (ehemaliges Amerikahaus, Eingang im Neubau rechts)
Zeit: 16.30 Uhr

10. November 2016
Tübingen. Eine Veranstaltung des Fördervereins für jüdische Kultur in Tübingen e.V.
Ort
: Club Voltaire, Haaggasse 26b, Tübingen
Zeit: 20 Uhr

 

 

 

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