“La Forza del Destino” – Impressionen eines Opernkinobesuchers in Berlin

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Von Ingobert Waltenberger.

Berlin: Ein sonniger Frühsommertag mit Halbmarathon, viele Straßen wurden gerade entsperrt. Vor und im Kino sammeln sich bereits um 14h30 ältere Damen und einige Herren. Wüsste man  es nicht besser, könnte ein neutraler Beobachter  in Anschauung der versammelten Schar wohl eher einen festlichen  Anlass in einem Seniorenheim als einen Kinonachmittag in einem der zentral gelegensten Kinos in der deutschen Bundeshauptstadt vermuten.

80 Prozent des Publikums an diesem die sommerliche Hitze vorwegnehmenden Sonntag sind Frauen, die meisten in Hose und Jacket gekleidet, mit obligatem Kurzhaarschnitt, einige davon ihre Männer im Schlepptau. Wohl mehrheitlich Fans von Jonas Kaufmann, einige in Abendgarderobe wie vor einem veritablen Opernbesuch. Das Büffet im Kino bleibt diesmal auf dem Popcorn und der Riesencola sitzen, Kaffee to go mit Milch und einige Sektgläser machen die Show.

Mit technischen Problemen beginnt die Aufführung, zu leise sind die Lautsprecher, das Licht will auch beim offiziellen Start der Oper nicht ausgehen. Lauter, lauter, rufen enervierte Besucherinnen. Ein Techniker soll kommen, endlich sind auch diese Pannen behoben. Der Saal ist zu gut zwei Drittel auf den besseren Plätzen voll.

Freilich ist die Opernübertragung aus dem Royal Opera House Covent Garden auch Anlass, massiv Werbung für das formidable Opernhaus in London zu machen. Nicht nur „La Forza“ wird analysiert, bequatscht und schließlich gezeigt, sondern auch Ausschnitte aus Gounods „Faust“, der Ende März in die Kinos kommen soll, des Balletts „Romeo und Julia“ von Prokofiev. Die neue erschienene DVD/Blu-ray von „La Traviata“ mit Reneè Fleming und Joseph Calleja muss ebenso als Zwischenmenü für den opernhungrigen Afficionado herhalten.

Ein Vorspann bringt Interviews mit Jonas Kaufmann, Ludovic Tézier und Anna Netrebko, Ein verklärter Dirigent Antonio Pappano, der Verdis Einfälle und seine Sängerschar preist, erklärt Schlüsselpassagen am Klavier, wie einst Marcel Prawy, voller Leidenschaft, eindringlich und charmant am Punkt.

Die Inszenierung mit feinsinniger Personenregie zu „La forza del destino“ stammt von Christof Loy, die Ausstattung von Christian Schmidt. Die Produktion kam 2017 in Amsterdam heraus. Auch London kann sich offenbar für solch eine erstklassige Besetzung keine eigenprofilierende Regiearbeit mehr leisten. Der Einheitsbühnenraum stellt einen geschlossenen Raum dar (ein Koffer steht herum, eh klar), lediglich ein Fenster wandelt sich zu einer Nische mit Kreuz. Im dritten Akt stehen nur noch die Tür und ein paar Sesseln herum, die weißen Wände sind durch eine Fototapete ersetzt. Eine italienische Landschaft in schwarz-weiß soll die Stimmung auf dem Schlachtfeld simulieren. Einige Projektionen von der Ermordung des alten Calatrava dienen der psychologischen Vertiefung und Deutung nach bester Vorschlaghammermanier.

Antonio Pappano liefert eine Vollblutperformance. Er versteht seinen Verdi aus dem Effeff. Dramatik und lyrische Verzückung, Buffo-Einlagen und pathosgeladene Ensembles, Chor-Massenszenen und intime Versenkung, zirkushafte Ausgelassenheit und spirituelle Einkehr. Jede Stimmung und jeden Rhythmus zaubert ihm sein Orchester herbei, edel im Blech, warm singend in den Streichern.

Die Besetzung ist exquisit und ausgewogen. Ich stimme mit all jenen überein, die für die drei Protagonisten Anna Netrebko als Donna Leonora, Jonas Kaufmann als Don Alvaro und Ludovic Tézier als Don Carlo di Vargas Superlative bemühen. Da waren einmal auf einer Bühne genau die Künstler vereint, für die diese Rollen punktgenau zur richtigen Zeit kommen. Jonas Kaufmann überrascht dazu mit einem stets vorne in der Maske sitzenden Tenor, der diesmal ohne Schluchzer und kehlig rauchiges Zubehör auskommt. Für alle drei Stars gilt: Ehrlich sich verausgabender Gesang von Anfang bis zum Ende, mit vollem Einsatz, allürenfrei und berührend.

Eine Opern-Veteranenriege beginnend mit Roberta Alexander als Leonoras Kammerzofe, Bass-Legende Robert Lloyd als Marchese di Calatrava (erstmals hat er diese Rolle1973 in London gesungen), dem nach wie vor wunderbar timbrierten Ferruccio Furlanetto als Padre Guardiano und Alessandro Corbelli als kauzig grantelnden Fra Melitone tut es noch immer. Mag es an der einen oder anderen Stelle an Volumen fehlen, so überzeugen die vier noch immer Glorreichen mit meisterlicher Phrasierung und Diktion. Außerdem ist es frappierend zu sehen, wie sehr sie ihre Figuren in scharf konturierte, packende Charaktere zu verwandeln vermögen.

Veronica Simeoni als Preziosilla hat einen weißen Mezzo und alle Höhen der Partie. Von der Regie wird sie arg gepiesackt und muss als Puffmutter und orientalische Bauchtänzerin im dritten Akt zum Rataplan eine Barry Kosky-reife Travestie mit viel männlichem Gehopse rundherum zur nackt-bunten Glühbirnengirlande absolvieren.

Nach viereinviertel Stunden und zwei Pausen (14 und 20 Minuten) senkt sich der Schlussvorhang über den verzweifelt seine tote Leonora beweinenden Jonas Kaufmann. Da fällt einem Stefan Zweigs für die Oper “Die schweigsame Frau” (Richard Strauss) Schlussmonolog des Sir Morosus ein:” „Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist!“

Trotz allem Rundherum hat sich dieser Kinobesuch gelohnt. Die Aufführung bot auf der Leinwand ganz große Oper mit überbordenden Leidenschaften, fantastischen Gesangsleistungen und einem der besten Opernorchester der Welt. Wann hat Frau/Mann schon Gelegenheit, ihre(n) Liebling(e) so hautnah serviert zu bekommen. Überlebensgroß sind sie alle im Kino, mit vergrößerter Erscheinung und durch die Mikros und Verstärkung ebenso voluminöseren Stimmen. Das geht unter die Haut. In den Closeups könntest Du denken, Du stehst mitten auf der Bühne beinahe in Körperkontakt mit den Stars. Das ist ein vollkommen anderes, wesentlich dichteres Erlebnis als zu Hause mit einer DVD vor dem Fernseher.

Am meisten berührt haben mich die Einkleidungsszene der Leonora im Kloster mit einem traumhaft Piano singenden Männerchor, die langen Duettpassagen von Don Carlo und Don Alvaro und natürlich der immense Schluss. Anna Netrebkos „Pace“- Arie ist sowieso ein Fall für die Opernewigkeit. Eigenartigerweise verfügt die russische Diva aktuell ebenso wie die legendäre Leontyne Price über eine satte dunkle Tiefen und Mittellage und eine hell silbern strahlende leichtgängige Höhe, die zu den feinsten Piani befähigt ist.

Warum die gute alte Oper allerdings so überhaupt keine jungen Leute in Berlin zu faszinieren scheint, ist eine Sache, die nachdenklich macht. Also, die Sache mit dem „ein anderes Publikum durch Kino für Oper begeistern, keine Schwellenangst etc.”, halte ich für ein Märchen.

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