Hörvergnügen „On Top“ mit Sarah Neufeld

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikDie kanadische Violinistin und Komponistin veröffentlicht mit „Detritus“ ein Album, dessen Skizzen ursprünglich als Score für ein Tanztheater-Projekt geplant waren. Rezension von Ronald Klein.

Einem breiten Publikum ist die 41-Jährige als Mitglied der Indie- und Art-Rock-Band Arcade Fire bekannt, mit der sie vier Alben und zahlreiche Touren bestritt. Mit dem gitarrenlastigen Klang ihrer Kollegen hat das Solowerk Sarah Neufelds jedoch nichts gemein: Sie nennt den US-amerikanischen Minimal-Music-Komponisten Steve Reich und die tschechische Musikerin Iva Bittová, mit der sie ihre Vorliebe für Bela Bartók teilt, als Vorbilder.

Das erste Album „Hero Brother“ (2013) nahm sie unter der Ägide von Nils Frahm an unterschiedlichen Orten in Berlin auf: darunter einem Parkdeck und einem Tragwerk. Nach ihrem sehr experimentellen Debüt erfand sich die Kanadierin auf den folgenden Veröffentlichungen stets neu, zu denen Kollaborationen wie mit dem Performer und Komponisten Colin Stetson („Never Were The Way She Was“, 2016) und der Tänzerin und Choreografin Peggy Baker (erstmalig 2015) dazu gehören. 2019 feierte deren zeitgenössische Tanz-Performance „Who We Were in the Dark“ in Toronto die Uraufführung. Sieben Tänzerinnen und Tänzer untersuchen darin das Spiel mit Identitäten und die fortwährende Selbstinszenierung und den Selbstbetrug, der sich im Alltag auszeichnet.

Für die Live-Musik zeichneten Neufeld und ihr Arcade-Fire-Kollege Jeremy Gara verantwortlich. Die ursprünglich geplante Tournee des Projekts musste corona-bedingt auf Eis gelegt werden. Während des ersten Lockdowns setze sich Neufeld an die Partitur und schrieb sie für die Solo-Geige im Zentrum um. Das Streichinstrument flankieren Bell Orchestre-Bandkollege Pietro Anato (Horn), Stuart Bogie (Holzbläser) und wie auf der Bühne Jeremy Gara (Drums, Synthesizern und Ambient-Electronics). Die sieben Stücke auf „Detritus“ spiegeln die Bandbreite Neufelds wider. Zwischen dem introspektiven „Stories“ als Opener und dem von Spielfreude und Expressivität geprägten „On Top“ liegen Welten. „On Top“ ist das einzige Stück, auf dem Neufelds Instrument pur zu hören ist. Es stehe „im Zentrum des Wirbelsturms meiner eigenen Schaffenskraft“, sagt die Musikerin. Es war auch der erste Song, der für das Album entstand: „Die Covid-Ära, während der ich den Release von „Detritus“ vorbereitet habe, war eine einsame Zeit, ein Jahr ohne Live-Auftritte und ohne große Kontakte zu Bandmitgliedern oder KollegInnen. Ich musste die Essenz dessen, was ich tue und was mich als Musikerin antreibt, einfangen – und das dann rüberbringen. Ich habe mich sowohl auf mich selbst eingelassen als auch auf meine Hörerinnen und Hörer, so nach dem Motto: Wir sind hier, wir atmen noch und machen bzw. hören Musik“.

Auch wenn die Songs des Albums für sich funktionieren, was bereits zwei Singleauskopplungen unter Beweis stellen, die Übergänge sind stets fließend und organisch. Sie reflektieren Neufelds Gefühl für die Bewegungsdramaturgie. Denn vor ihrer musikalischen Karriere tanzte sie selbst, nachdem sie in unterschiedlichen Stilen ausgebildet worden war. Vielleicht ist dieser Hintergrund das entscheidende i-Tüpfelchen, das „Detritus“ zu einem außergewöhnlichen Hörvergnügen macht.

Sarah Neufeld
Detritus
One Little Independent Records 2021
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Hörvergnügen "On Top" mit Sarah Neufeld, 5.0 out of 5 based on 1 rating

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