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Gewichtiges Live-Debut und auf CD: Sarah Christian und Lilit Gregoryan beherrschen die Kunst des Loslassens

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Von Stefan Pieper.

Sie habe beim Spielen so eine perfekte Idealvorstellung von der Musik im Kopf, da sei das „Loslassen“ in der Konzertsituation schon eine besondere Herausforderung. Aber Sarah Christian, eine 27 jährige, in Augsburg geborene Violinistin besinnt sich auf dem Livepodium zusammen mit ihrer Partnerin im Klavier, Lilit Grigoryan gerade auf diese Loslassen und eine ungebremste Flucht nach vorn, bei der es vor allem um das Erfühlen der tiefsten Emotionen in der Musik geht. Beim Konzert im Rahmend der Reihe „next“ ließ sich erleben, wenn sich die beiden jungen Musikerinnen ohne Netz und doppelten Boden in Rage spielen. (Die Konzertreihe „next“ präsentiert im nördlichen Ruhrgebiet seit Jahren handverlesene PreisträgerInnen aus dem ARD-Wettbewerb.)

Auch eine etwas querdenkerische, den normalen Erwartungshorizont konterkarierende Programmauswahl ist Sache der beiden jungen Virtuosinnen. Da überrascht zu Beginn die Magie der leisen, gedämpften Töne in Sergej Prokofjews „5 Melodien für Violine und Klavier“. Das sind delikate Stücke, deren sinnliche Intervallsprünge vor allem eine Sängerin vor Herausforderungen stellen. Denn eine solche ist in der Originalversion vorgesehen, die dann ihre Stimme zum Instrument werden lässt. Im Gegenzug wird jetzt Sarah Christians Violinspiel in diesem Moment zur betörenden Singstimme.

Beethoven zu spielen ist wie ein offenes Buch, um eine spielerische Handschrift zu bekennen. Lilit Gregoryan entfaltet in Beethovens Fünfter Violinsonate eine resolute Führungsrolle – und doch wissen die beiden Künstlerinnen, ihr Spiel hellsichtig miteinander zu vernetzen. Sarah Christian „lebt“ auf ihrer Violine jede Phrase und jeden Moment, ganz aus der Tiefe heraus.  Das drückt sich in subtilsten Dynamikwechseln, aber auch in einem analytischen Gespür für jedes Detail und rhythmische Rhetorik aus. Die hohe Kunst ist, dabei eine in jedem Moment leichtfüßige Musikalität zu wahren – und auch hier lässt dieses Duo keine Wünsche offen.

Auch Sergej Prokofjews kammermusikalisches Exzerpt aus dem Ballet Romeo und Julia erfährt eine zupackende Inszenierung – mit satten Bogenstrichen, explosiven Crescendi und treibenden Klavierimpulsen! Einmal in einem solch temporeichen Spielrausch unterwegs, wirkt schließlich Edvards Griegs aufwühlende c-Moll-Sonate wie eine logische Konsequenz. Zur Zugabe legen die beiden noch einmal einen Schalter um: Keinen Ton zu viel gibt es in einem aus mehreren „Romantischen Stücken“ von Antonin Dvorak. Sarah Christian zeigt noch einmal, wie Singen auf dem Instrument geht, wenn sie jeden Ton lange auskostet und die melodischen Bögen atmen lässt. Macht weiter so, kann man diesen beiden leidenschaftlichen jungen Musikerinnen nur zurufen!

Foto © Stefan Pieper

Diesen intensiven Konzerteindruck im Theater Marl entspricht ein nicht minder gewichtiges CD-Debut auf dem Genuin-Label nach. Beides lässt auf Anhieb verstehen, warum sie mehrfache Preisträgerin ist (unter anderem Brahms-Wettbewerb und Felix-Mendelssohn-Preis) und eine der begehrtesten Konzertmeister-Positionen in Deutschland erlangt hat: die bei der Deutschen Kammerphilharmonie in Bremen.

Der Titel „Gegenwelten“ könnte hier treffender nicht sein, wenn diese Aufnahmen Sergei Prokofjews Sonate Nr.1 mit Franz Schuberts Fantasie C-Dur in einen Bezug setzt.

Sarah Christian, geboren in Augsburg, absolvierte ihr Studium bei Antje Weithaas an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Von 2013 bis 2016 hatte sie dort auch einen Lehrauftrag als Assistentin inne. Ihren ersten Studienabschnitt bei Igor Ozim an der Universität Mozarteum Salzburg schloss sie im Alter von 20 Jahren mit höchster Auszeichnung ab. Seit 2013 ist Sarah Christian 1. Konzertmeisterin der »Deutschen Kammerphilharmonie« Bremen.

Lilit Grigoryan wurde 1985 in Jerewan (Armenien) geboren und erhielt im Alter von sieben Jahren in der Musikschule Al. Spendiaryan bei Arkuhi Harutyunyan ihren ersten Klavierunterricht. Sie studierte am staatlichen Konservatorium Komitas in Jerewan bei Prof. Sergey Sarajyan, bevor sie im April 2004 in der Klasse von Prof. Matthias Kirschnereit an der Hochschule für Musik und Theater Rostock aufgenommen wurde. Sie schloss ihr Studium in Rostock mit höchster Auszeichnung ab.

Gegenwelten
Werke von Sergei Prokofjew und Franz Schubert
Sarah Christian, Violine
Lilit Grigoryan, Piano
Genuin 2017
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