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Filmisches Kleinod:  „Ihr Jahrhundert – Frauen erzählen Geschichte“

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Von Doris Wieler.

Ich bin sehr froh, diesen wunderbaren Film gesehen zu haben. Viel zu kurze 100 Minuten lang konnte ich Einblick nehmen, in das Leben von fünf Frauen verschiedener Kontinente, die alle ungefähr ein Jahrhundert auf dieser Erde erlebt haben. Den Erzählungen jeder einzelnen hätte ich liebend gerne jeweils einen ganzen Abend gelauscht. Auch wenn die Dokumentation den verschiedenen Leben nicht allzu viel Raum schenken konnte, verließ ich doch froh und beschwingt das Kino, angesteckt von der Energie, die all die Damen auch im hohen Alter noch ausstrahlen. Die nicht müde werden, Ideen oder Projekte in ihren Herzen zu bewegen. Sie wollen tun, wollen wirken, so lange sie am Leben sind. Das ist ihr Lebenselexier.

Wie lohnend und bereichernd sind sie, diese biografischen Geschichten. Spannend und inspirierend. Sie lassen mich mitgehen, mein eigenes Leben ins Verhältnis setzen. Und lernen. Immer wieder neu.

Die fünf hier im Film vorgestellten Protagonistinnen eint ihr Drang, sich zu emanzipieren, in Regionen und Zeiten, da dies noch alles andere als selbstverständlich ist. Sie wollen etwas bewegen, etwas in die Gesellschaft hineintragen; wirken weit über ihre eigene Region hinaus. Allerspätestens jetzt, da Regisseur Uli Gaulke ihnen dieses würdevolle filmische Denkmal setzt und sie damit weltweit bekannter werden.

Wir hängen an den Lippen der kubanischen, charismatischen Geschichtenerzählerin Haydée Arteaga Rojas, zusammen mit den Menschen im Film, die ihr gebannt lauschen. Oder sind fasziniert von der körperlichen und geistigen Beweglichkeit der indischen Yogalehrerin Nanammal Amma, die auch weit über neunzigjährig regelmäßig ihre Asanas übt und diese weitergibt. Tamar Eshel, eine in Israel lebende Jüdin, ist ab 1943 für den Geheimdienst tätig und nach dem Krieg teil einer Gruppe, die in Marseille Juden mit falschen Papieren ausstattet und sie, an der britischen Mandatsmacht vorbei, nach Palästina schleust. Später arbeitet sie in der Knesset, dem israelischen Parlament. Nachdenklich wird sie angesichts der nach wie vor ungelösten Konflikte zwischen Juden und Palästinensern; sie hofft auf eine Zwei-Staaten-Lösung. Nermin Abadan-Unat versteht schon früh, dass sie eine gute Ausbildung braucht, um etwas bewirken zu können. Als sich abzeichnet, dass ihre Mutter, mit der sie in Wien lebte, ihr über die Volksschule hinaus keine weitere Ausbildung ermöglichen will, macht sie sich mit fünfzehn Jahren alleine auf den Weg nach Istanbul, dem Wohnort ihres türkischen Vaters. Um dort, unter Atatürk, freien Zugang zu Bildung zu genießen. Sie wird Soziologin, befasst sich viel mit Migrationsthemen und meldet sich bis in die Gegenwart zu politisch brisanten Themen zu Wort. Ilse Helbich lässt sich nach dreißig nicht sehr glücklichen Ehejahren mit etwa sechzig Jahren scheiden und schafft sich mit der Renovierung eines historischen Hofes im Waldviertel ein wunderbares Refugium, um dort in Ruhe zu sein und zu schreiben. 2003, mit achtzig Jahren, veröffentlicht sie ihren ersten Roman, einen von vielen, die sie bis zu ihrem Tod, kurz nach ihrem hundertsten Geburtstag schreibt.

Die Pianistin Colette Maze ist den ganzen Film über musikalisch präsent. Liebend gerne hätte ich über ihr Leben noch mehr erfahren. Ganz am Ende sehen wir sie kurz am Klavier, behände in die Tasten greifend. Mit 109 Jahren veröffentlichte sie 2023 kurz vor ihrem Tod ihre letzte Platte.

Was für spannende Leben! Die Damen haben unsere Menschheitsgeschichte ein Stück mit gestaltet und verändert. So wie wir dies alle tun, egal, wie bedeutend oder unbedeutend wir uns hier auf Erden fühlen. Spätestens, wenn Sie sich mit ihrer eigenen Biografie befassen, werden Sie erfahren, wovon ich spreche.

Der Film läuft in ausgewählten Kinos. Bitte hier für weitere Informationen klicken.

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Film gem: „Your century – women tell history“
I’m thrilled by this magnificent film, which provided me with insights into the lives of five remarkable women from different continents spanning over a century, all within a concise 100 minutes. I would have loved to hear more of each of their stories. Despite the limited time in the film, these women exude an infectious energy that left me happily inspired upon leaving the cinema. Their tireless drive to implement ideas and influence the world is admirable. These biographical narratives are rewarding and enriching, prompting reflection and learning. The women are united by their pursuit of emancipation, which was by no means commonplace in their respective regions and times. Through this sensitive film by director Uli Gaulke, they now receive the global recognition they deserve. Each of the featured protagonists is fascinating in her own right, whether it’s the charismatic Cuban storyteller Haydée Arteaga Rojas or the agile Indian yoga teacher Nanammal Amma. Their life stories have shaped and altered human history, reminding us that each of us, no matter how insignificant we may feel, influences the world in our own way.

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