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"Fairness – Der Preis der Gerechtigkeit" (UK 2017) von Alex GabbayWarum akzeptieren wir Ungleichheit und soziale Ungerechtigkeit? Das ist eine der zentralen Fragen, denen sich der jüngste Dokumentarfilm „Fairness – Zum Verständnis von Gerechtigkeit“ von Alex Gabbay stellt. Die Suche nach Antworten führt die Zuschauer durch eine überraschende Reihe wissenschaftlicher Versuchsanordnungen in den Feldern Wirtschaft, Pädagogik und Psychologie und blickt dabei in viele Ecken der Welt.

Kirsten Kohlhaw hat sich den Film für Feuilletonscout schon einmal angesehen.

„Die Welt ist unfair, gewöhnt euch dran!“ Diese flapsige Aussage stellt Alex Gabbay, ein preisgekrönter Dokumentarfilmer, der u.a. in Asien gelebt hat und jahrelang durch Asien, Afrika und den mittleren Osten gereist ist, mit seinem jüngsten Beitrag FAIRNESS – Zum Verständnis von Gerechtigkeit in Frage. Seine Protagonisten geben durch ihr Handeln Antworten auf die berechtigte Gegenfrage: „Was, wenn man sich nicht daran gewöhnen will?!“

In der Finanzmetropole London, in der auch Filemacher Gabbay vor seinem Umzug nach Berlin lebte, lernt der Zuschauer Lord Adebowale Cbe (Member of the House of Lords, The People’s Peer) und Sarah Bronson kennen, die die Welt der konventionellen Spitzenverdiener gegen die Welt des Social Entrepreneurship getauscht hat. Cbe stellt fest, dass die Aufforderung, sich an Ungerechtigkeit entlarvend oft von Menschen geäußert wird, die nicht unmittelbar von ihr betroffen sind. Cbe und Sarah Bronson, stoßen beide in dieser Stadt, die Cbe als „(…) Playground for the rich, a tredmill of the middle classes and a wharehouse for the poor.“ bezeichnet, einen Diskurs an. Darüber, wie faires Zusammenleben heute und morgen möglich ist. Und was jeder von uns dazu beitragen kann. Im Verlauf des Films werden die Beobachtungen und Feststellungen der beiden Londoner facettenreich moduliert und weiterentwickelt.

Wer entscheidet, was fair ist und was nicht, und wie sich ein neues Werteverständnis organisieren und leben lässt? Gilt wirklich die Maxime „One rule for the rich, and one for the rest of us“? Zu sozialen Ungerechtigkeiten und deren Auswirkungen lässt Gabbay im weiteren Verlauf von FAIRNESS unter anderem Whistleblower, Forscher, Lehrer, Teenager und Unberührbare sprechen. Macht ihren persönlichen Kampf um Anerkennung, um Fairness, teils, ums Überleben erfahrbar und skizziert die Komplexität menschlicher Verfasstheit als exemplarischen Kampf einer Mehrheit, auf deren Rücken einige wenige im entfesselten Entwicklungstaumel tanzen.

In den 77 Minuten des Films werden wir immer wieder zu der Frage angeregt: Wie sehr sind auch wir – jeder von uns – bereit, Ungleichheit als Teil des Wettbewerbs hinzunehmen? Zu welchem Handeln motiviert uns die Verknüpfung von „Vorteilen“ für „Leistung“? Diesen Umstand untersucht zum Beispiel eine Universität in Norwegen und kommt zu interessanten Ergebnissen in Bezug auf menschliche Bewertungskriterien. In Atlanta, Georgia, arbeitet die Verhaltensforscherin Sarah Bronson mit einer Gruppe Kapuzineräffchen. Haben wir eine Tendenz zu egoistischem Verhalten? Eine evolutionsbiologische Untersuchung des Gerechtigkeitsempfindens. Und dem Umstand, dass unsere Überlebensfähigkeit von gemeinschaftlichem Zusammenhalt abhängt. Doch wer ist die Gemeinschaft, wer drinnen und wer draußen? Hier bleibt der Film in den USA und thematisiert die systematische vorherrschende rassistische Ungerechtigkeit und die Hoffnung der Menschen in „ihr“ Rechtssystem. Ein Schwenk nach Costa Rica und Island zeigt Versuche, gesellschaftspolitische Prozesse „fairer“ zu gestalten. Was ist hier gelungen, was wegweisend und was bringt einen klareren Blick auf unser Verständnis von Fairness und was es braucht, ein unfaires System zu ändern.

Weitere Protagonisten von FAIRNESS (Auswahl)
Kiley Hamlin, außerordentliche Professorin am Fachbereich Psychologie und Frühkindliche Entwicklung der University of British Columbia, Kanada, forscht zu Gerechtigkeitsempfinden bei Kindern. In dem Dokumentarfilm erfahren die Zuschauer mehr darüber, wie bereits Kinder unter fünf Jahren das Verhalten von anderen beurteilen. Hazel Van Ummersen aus Oregon ist mit 11 Jahren gar nicht so viel älter als die Kinder, mit denen Hamlin arbeitet, und hat bereits die amerikanische Regierung verklagt. Hazel gehört zu einer Gruppe junger Kläger, die argumentieren, die US-Regierung habe wiederholt gegen ihre Grundrechte verstoßen, wie zum Beispiel das Recht auf saubere Luft zum Atmen. Mit Alicia Weston aus London lernen die Zuschauer eine Social Entrepreneurin kennen, die ihren TopJob im Finanzsektor aufgegeben hat. Im Film erzählt sie, wie es dazu kam, dass sie Bags of Taste gegründet hat, eine Non-Profit Organisation, die Menschen mit geringem Einkommen durch Kochkurse dabei hilft, sich bei Kosten von weniger als einem Pfund pro Mahlzeit gesünder zu ernähren.

Fazit
Mit FAIRNESS – Zum Verständnis von Gerechtigkeit gelingt Alex Gabbay ein weiteres eindringliches, zeitgemäßes filmisches Dokument. Ein Statement, das zum Nachdenken anregt. Darüber, was das individuelle Verständnis von Fairness für das jeweilige Gegenüber bedeutet. Wie wir als Menschen und Bürger wirtschaftlicher, politischer, rassen- und genderbezogener Ungerechtigkeit begegnen. Und wie jeder einzelne aktiv zur Gestaltung einer fairen Welt beitragen kann.

Über den Filmemacher
Für Alex Gabbay, der als Regisseur und Produzent u.a. Dokumentationen für BBC, Al Jazeera, BBC World, Canal+, Arte und das ZDF realisiert hat, ist Film ein Medium, gesellschaftsrelevante Fragen aufzuwerfen und Debatten anzustoßen. Die meisten seiner mittlerweile 44 Filme (u.a. „Love and Hate and Everything in Between“ über Empathie) beschäftigen sich mit sozialen und kulturellen Identitäten. Im Fokus sind Entwicklungs- und Schwellenländern – und auch führende Industrie-Nationen, die mit ihrem Handeln und ihrer Marktmarkt immer sowohl gute als auch nicht nachahmenswerte Beispiele liefern.

Director’s statement (english)
Each film originates from a personal question. In the case of The Price of Fairness, I wanted to explore the question of whether human beings are fair by nature or whether this quality is the product of our social conditioning.  And of course if it is a case of social conditioning why are we prepared to accept such obscene levels of inequality and social injustice? Whilst I have witnessed much unfairness working and living abroad, I am dismayed to see our own social welfare systems being dismantled amidst increasing inequality in the Europe. The result is a documentary, which explores our understanding of fairness and what it takes to change an unfair system.“

Die Premiere von FAIRNESS findet am 28.6.2017 um 20 Uhr in der Filmkunst 66 in der Bleibtreustraße in Berlin  statt.
Bei diesem Anlass wird es auch die Möglichkeit geben, sich mit Regisseur Alex Gabbay und weiteren Crewmitgliedern auszutauschen.

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