Wenn Recht nicht immer Gerechtigkeit bedeutet: „Pandora. Auf den Trümmern von Berlin“ von Amber & Berg

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LiteraturAmber & Berg ist das neue Traumpaar unter den Autoren historischer Kriminalromane.
Rezension von Barbara Hoppe.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer dieses Buch in die Hand nimmt, braucht keine Ausgangssperre. Der bleibt freiwillig zu Hause. „Pandora. Auf den Trümmern von Berlin“ führt uns ins Jahr 1948, mitten hinein eine Stadt, die zwischen Ruinen versucht, auf die Beine zu kommen, mitten hinein in die Berlin-Blockade. Und mitten hinein in die Welt der Zuhälter, Huren und Kleinganoven. Und das absolut fesselnd.

Im Frühherbst 1948 kommt Hans-Joachim Stein nach Berlin zurück. Der junge Kommissar erhielt seine Ausbildung bei Scotland Yard in London, wohin sein Vater, ein Kommunist, 1933 geflohen war. Während Vater Stein nun im sowjetischen Sektor Karriere bei den Vopos macht, fängt der Sohn bei der neu gegründeten Westpolizei an. Dort wird der „Tommy“ misstrauisch beäugt. Ist er ein Spion aus dem Osten? Oder doch nur der moralisch überlegende Deutsche, der aus dem Ausland auf den Abschaum seiner Heimat heruntergeblickt hat und nun mit weißer Weste den Saubermann rauskehrt? Was, im Grunde genommen, auch nicht besser ist.

Stein muss erfahren, das nicht nur die ideologischen Grabenkämpfe zwischen Ost und West unvermindert blühen, sondern auch Altnazis in allen Teilen der Gesellschaft weiterwerkeln, als wäre nichts geschehen. Alte Seilschaften funktionieren immer noch. Gegenseitig hält man die schützende Hand über sich. Der braune Schmutz wird sorgfältig weggepackt. Wer es wagt, tiefer zu graben, dem weht scharfer Wind entgegen. Das erlebt auch Stein.

Amber & Berg "Pandora"
Buchcover: Droemer Verlag

Kaum ist er in der verwundeten Stadt angekommen, häufen sich die Morde im Zuhälter- und Prostitutionsmilieu. Braunke, der Chef vom „Pandora“ wird bei einer luxuriösen Party in der eigenen Villa hinterrücks erschossen. Und er soll nicht das letzte Opfer bleiben. Seine Ermittlungen führen Stein immer häufiger in die Wittenauer Heilstätten. Ein Ort des Grauens, an dem Zwangsterilisationen, forensische Psychiatrie und Krankenmorde an der Tagesordnung waren. Jeder hat alles gemacht, um zu überleben. Wer clever war, kam davon. Ob mit grausamen Menschenexperimenten, als Zuhälter oder Kriminalrat war einerlei, während den Frauen kaum etwas anderes übrig blieb, als den Männern in jeder Hinsicht gefügig zu sein. Und wenn es gut ging, hatten sie zwar ihre Seele und ihren Körper verkauft, aber das nackte Leben gerettet.

Liv Amber und Alexander Berg legen mit ihrem Auftakt zu einer neuen Krimireihe ein fesselndes und atmosphärisch dichtes Krimidrama um Schuld und Sühne vor. Weit entfernt davon, ein Polizeiroman zu sein, in dem die Guten gegen böse Altnazis antreten, verschachteln die Autoren gekonnt und historisch hervorragend recherchiert die äußerst komplexe Gemengelage im Berlin von 1948. Wer hat unter den Nazis was gewusst, wer hat sich schuldig gemacht? Wer war Mitläufer, wer strammes Parteimitglied? Wer steht in wessen Schuld? Einfach zu trennen ist das nicht. Auch die Kollegen von Stein, allen voran Max Wuttke, müssen mit der nationalen wie persönlichen Schuld fertigwerden. Dabei scheint Pervitin nur ein geringeres Problem zu sein. Doch was die Vergangenheit betäubt, vernebelt auch die Zukunft. Keiner hier hat ein reines Gewissen. So mancher wünschte sich das Leben anders, schaut nicht genau hin, wenn es darum geht, ein bisschen menschliche Wärme in sich zu speichern. Denn im Grunde sehnen sich alle nur nach Liebe, Geborgenheit und der Befreiung von einer Last, die jeden von ihnen zu zerbrechen droht. Auch der elegante Stein, der „Duke“, wie ihn die Kollegen schnell nennen, gerät in den Strudel der Ambivalenzen. Eine Zukunft haben hier nur die, die sich letzten Endes als Pfundskerle erweisen.

Amber & Berg
Pandora. Auf den Trümmern von Berlin
Droemer, München 2020
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