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"Eine dänische Prinzessin". Eine Kurzgeschichte von Stephan Reimertz»Haben Sie von Prinzessin Karin gehört?«

»Die Nichte der dänischen Königin?«

»Ich war sieben Jahre Dienstmädchen bei ihr. Von dem Jahr an, als sie nach Paris kam, bis zu ihrem frühen Tod.«

»Woran ist sie gestorben?«

»Die Ärzte konnten es nicht sagen. Ich glaube, sie starb an Mutlosigkeit.«

»An Mutlosigkeit?«

»Sie hat sich nicht getraut, zu leben. Daran ist sie gestorben.«

»Von einer Prinzessin erwartet man, dass sie das Leben mehr genießen kann als unsereiner.«

»Die Großen haben oft große Ängste.«

»Hatte sie nicht ihren Vetter geheiratet? Auch so ein Prinz.«

»Sie konnte den Tag nicht sehen. Wenn ich morgens in ihr Zimmer kam und fragte: ‚Königliche Hoheit, darf ich die Vorhänge aufmachen?’ verkroch sie sich unter der Decke. Am liebsten wäre sie gar nicht aufgestanden.«

»Das ist sie dann ja auch nicht mehr.«

»Sie sagte immer: Hier in Paris stechen die Sonnenstrahlen noch mehr als daheim auf Smertholm.«

»War nicht ihr Vetter… ich meine, ihr Mann gestorben?«

»Zwei Jahre vor ihr.«

»Sie ist ihm in den Tod gefolgt.«

»Das kann man nicht sagen. Sie waren kein Paar.«

»Haben sie nicht zusammengelebt?«

»Doch. Das war ja die Tragödie. Sie hätten sich nie begegnen dürfen. Die Prinzessin wusste, dass sie mit dem falschen Mann verheiratet war. Sie hatte ihn zu früh kennengelernt.«

»Was ist zu früh?«

»Sie waren beide noch keine zwanzig, als sie sich verlobten. Alles schien zu passen.«

»Und es passte nicht?«

»Äußerlich schien alles zu passen, aber innerlich passte nichts.«

»Die Prinzessin war sehr schön damals.«

»Sie war nie eine Schönheit für die Illustrierten. Aber sie trug sich sehr gut. Sie wusste, wie man sich im Ballkleid bewegt, sie wusste, wie man ein Diadem trägt.«

»Sie hatte ein so schönes Lachen.«

»Ihr Lachen hat ihre Ängste überdeckt. Ich habe niemanden gekannt, der so von Ängsten regiert wurde wie Prinzessin Karin. Aus Angst hat sie geheiratet, und aus Angst ist sie bei ihrem Mann geblieben.«

»Glaubte sie, für andere Männer nicht attraktiv zu sein?«

»Es gab andere Männer. Doch Karin hatte kein Selbstbewusstsein als Frau. Sobald sie einen Mann liebte, brach sie den Kontakt zu ihm ab.«

»Wie absurd!«

»Ihr ganzes Leben war absurd. Sie tat lauter Dinge, die sie nicht nötig gehabt hätte.«

»Vielleicht war die Prinzessin vor etwas auf der Flucht. Das Leben vieler Menschen ist nur eine Flucht. Aber wovor ist sie geflohen?«

»Wenn Sie mich fragen: Vor sich selbst.

»Und ihr Mann?«

»Er hat sie nicht zur Frau gemacht.«

»Sie hatten doch so viele Kinder.«

»Manchmal ist die Familie der Ersatz für die Ehe.«

»Warum haben sie das getan?«

»Viele Menschen leben die verqueren Vorstellungen ihrer Eltern aus.«

»Die armen Kinder!«

»Sie bekamen ein Kind nach dem anderen. Die armen Würmer sollten die beiden an dem hindern, was sie am liebsten tun wollten.«

»Und was wollten sie am liebsten tun?«

»Weggehen selbstverständlich.«

»Warum haben sie’s nicht getan?«

»Scheidung wäre in ihren Augen eine Niederlage gewesen. Sie wollten der Welt und vor allem ihren Eltern, dass sie auf dem rechten Weg waren.«

»Aber sie waren auf dem Holzweg.«

»Nach dem Tod ihres Mannes standen Prinzessin Karin alle Wege offen. Sie hätte den Mann heiraten können, den sie liebt.«

»Den gab es?«

»Ja, den gab es. Aber Karin blieb Gefangene ihrer Angst. Sie brach auch zu ihm den Kontakt ab.«

»Kannten Sie ihn?«

»Ich kannte ihn. Gestern habe ich ihn wiedergesehen. Auf dem Père Lachaise. Er stand allein an ihrem Grab.«

 
Weitere Literatur von Stephan Reimertz

 

Über den Autor:

Stephan Reimertz, Deutschlands poeta doctus, ist bekannt für Gedichte von unnachahmlicher Anmut. In seinen Short Stories ist er jenem Phänomen auf der Spur, das wir Liebe nennen. In seinem vielgelesenen Roman Eine Liebe im Porträt setzte er der Malerin und Wagnersängerin Minna Tube ein Denkmal, die daraufhin wiederentdeckt wurde. Sein Klassiker Papiergewicht beschreibt die Erosion einer Oberschichtsfamilie der siebziger Jahre. Viel diskutiert werden seine kunstgeschichtlichen und philosophischen Essays.Stephan Reimertz, Deutschlands poeta doctus, ist bekannt für Gedichte von unnachahmlicher Anmut. In seinen Short Stories ist er jenem Phänomen auf der Spur, das wir Liebe nennen. In seinem vielgelesenen Roman Eine Liebe im Porträt setzte er der Malerin und Wagnersängerin Minna Tube ein Denkmal, die daraufhin wiederentdeckt wurde. Sein Klassiker Papiergewicht beschreibt die Erosion einer Oberschichtsfamilie der siebziger Jahre. Viel diskutiert werden seine kunstgeschichtlichen und philosophischen Essays.

 

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