Disgusting Food Museum: ästhetische Kategorien des Ekels

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interview-feuilletonscoutIn Berlin eröffnet in Kürze das Disgusting Food Museum. Direktor Dr. Martin A. Völker erläutert im Interview mit Feuilletonscout-Autor Ronald Klein die ästhetische Kategorie des Ekels und beleuchtet die europäische kulinarische Kultur im internationalen Vergleich.

Feuilletonscout: Mit welchem Konzept eröffnet das Disgusting Food Museum?
Martin A. Völker: Die Idee für das Museum stammt von Dr. Samuel West und Andreas Ahrens, der als Direktor seit 2018 das Museum im schwedischen Malmö betreibt. Das Museum in Berlin ist die erste dauerhafte Ausstellung außerhalb von Schweden. Als Franchisenehmer liegt uns viel daran, nicht allein die Idee, sondern ebenso die Exponate der schwedischen Ausstellung aus Gründen der Wiedererkennbarkeit zu übernehmen. An der einen oder anderen Stelle passen wir die Präsentationsform unseren Räumlichkeiten an. Beispielsweise ist unsere aus Konservendosen bestehende Selfie-Wand viel größer und bunter. Bei unseren Tischen handelt es sich um Gastrotische aus Edelstahl, damit die Leute optisch sofort in die Küchengeschichten, die wir erzählen, hineingezogen werden. Eine weitere Herzensangelegenheit von uns besteht darin, künftig weitere zusätzliche Exponate zu entwickeln und mehr deutschen Ekel zu präsentieren. Uns geht es nämlich nicht darum, mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu sagen, dort essen sie Hunde, sondern bei uns selbst anzufangen. Welchen hausgemachten Ekel bieten die Deutschen oder die anderen europäischen Länder? Ekel ist kein Privileg ferner Kulturen. Den Ekel benutzen wir mitnichten als kulturelle Abwertungsstrategie. Vermeintlich Ekelhaftes gibt es überall. Deutscher Milbenkäse kann genauso schockieren wie Madenkäse aus Sardinien.

Feuilletonscout: Was sagt das jeweilige kulinarische Koordinatensystem über eine Kultur aus?
Martin A. Völker: Den eigenen und fremden Ekel zu überwinden, heißt, sich auf die Welt jenseits des Gewöhnlichen und Angestammten einzulassen, den persönlichen und kollektiven Konservatismus in Geschmacksfragen aufzubrechen. Je konservativer Gesellschaften und Vorstellungen, desto größer die Wucht unseres Museums. Als Gast stelle ich fest, wie starr oder wie dynamisch mein kulinarisches Koordinatensystem ist. Manche stellen vielleicht fest, dass sie überhaupt eines haben, dass sie sich viel stärker über guten Geschmack und Ablehnungsverhalten definieren, als sie es geahnt haben.

Feuilletonscout: Welche Exponate können besonders hervorgehoben werden?
Martin A. Völker:
Im Eingangsbereich treffen die Besucherinnen und Besucher zeittypisch auf unseren Corona-Lunch. Auch unser Affentisch für Affenhirn ist ein Hingucker. Vom Bullenpenis gleich daneben ganz zu schweigen. Für jedes Ekelgefühl gibt es bei uns das passende Ekelprodukt und -gericht.

Feuilletonscout: Die New Yorker Fotografin Sally Davies plante vor zehn Jahren, Schimmelkulturen abzulichten. Sie legte einen Burger, den sie in einer bekannten Kette gekauft hatte, in die Sonne und wartete. Es bildeten sich keine Schimmelpilze. Auch die Fliegen verschmähten den vermeintlichen Fleischklops. Sind derartige Burger auch „disgusting food“ – oder anders gefragt: Sind sie überhaupt „food“?
Martin A. Völker: Bei uns geht es nicht um den Ekel an sich oder den Ekel als giftige Kehrseite des Verfallsdatums, sondern um wirkliche und genießbare Produkte. Aber: Des einen Genuss ist des anderen Ekel und umgekehrt. Der Geschmack macht ohne langwierige Denkprozesse klar, wer man ist, und woher man stammt. Die Frage ist, wie gehe ich damit um? Grenze ich mich ab, oder habe ich den Mut, die kulinarische Kultur anderer Leute kennenzulernen? Mit dem Ergebnis, dass sich der mutmaßliche Ekel in einen Wohlgeschmack verwandelt. Abgesehen davon betrifft der von uns gezeigte Ekel auch Produktionsbedingungen und Umweltbelastungen. Das ist uns besonders wichtig.

Feuilletonscout: Die Corona-Maßnahmen führten zur Verschiebung der Eröffnung des Museums. Unter welchen Auflagen werden die Besucher erwartet?
Martin A. Völker: Unser höchstes Anliegen ist es, den Besucherinnen und Besuchern ein spannendes wie sicheres Museumserlebnis zu verschaffen. Das schließt die aktuell gültigen Hygiene- und Schutzbestimmungen, die fortlaufend angepasst werden, mit ein. Das eigene Riechen und Anfassen muss leider noch etwas verschoben werden. Dafür bietet unsere Tasting Bar den Gästen an, Food-Proben mit nach Hause zu nehmen. Unser Disgust to go! Im Gegenzug bekommen wir von unseren Gästen die Probierfotos, wie sie sich geekelt haben, die dann online präsentiert werden. Ekel 2.0!

Vielen Dank für das Gespräch, Martin A. Völker!

Disgusting Food Museum
Schützenstraße 70
10117 Berlin

Eröffnung am 28. Mai 2021
Alle Hygienemaßnahmen und Zugangsbedingungen (Testpflicht) auf der Website.

Öffnungszeiten
Freitag bis Dienstg: 11 bis 19 Uhr

12 Euro / 7 Euro

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

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