Die Wiedergeburt Japans aus dem Geiste der Zen-Philosophie

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LiteraturYukio Mishima wollte einen Bogen schlagen zwischen Ost und West, von der klassischen japanischen Dichtung und Philosophie in die europäische Moderne. Nach der deutschen Erstübersetzung seines frühen Romans „Bekenntnisse einer Maske“ bringt der Kein & Aber Verlag in Zürich nun Ursula Gräfes Neuübertragung von „Kinkaku-ji“ heraus. Nicht allein philosophische Abgründe hat der Romancier in diesem Werk ausgeleuchtet. Rezension von Stephan Reimertz

Was haben Moses, Winston Churchill, Bruce Willis, Marilyn Monroe, Albert Einstein und King George VI. gemeinsam? Sie alle waren Stotterer. Und sie alle konnten ihre Sprachhemmung überwinden. Man kann sich sogar fragen, ob ihre Hemmung und die Energie, die sie aufbrachten, um darüber hinwegzukommen, nicht schließlich zu ihrem Triumph beigetragen haben. Das Geheimnis, aus der Überwindung des Stotterns zu besonderer Beredsamkeit zu steigern, kannte auch der Staatsmann Demosthenes. Er war nicht als Stotterer geboren, führte die Hemmung des Mundwerks aber künstlich herbei, indem er mit Kieseln im Mund gegen die Brandung anredete und auf diese Weise der größte griechische Redner seiner Zeit wurde. In Yukio Mishimas Roman Kinkaku-ji, zuerst 1956 im Tokioter Verlag Shinchosha als sein elfter Roman erschienen, bereits 1961 in der Übersetzung von Walter Donat unter dem Titel Der Tempelbrand auf Deutsch herausgekommen und nun in Neuübersetzung als Der Goldene Pavillon von Ursula Gräfe im Verlag Kein & Aber vorgelegt, hält auch den Ich-Erzähler Mizoguchi ein Stottern im Zaume.

Das Handicap als Weg zum Triumph

Der Dichter konfrontiert uns mit dem Behinderten als einer intensivierte Form von uns selbst. Er hält uns unsere eigene Verletzbarkeit entgegen. Das Stottern ist eine geschickte Wahl des Dichters; es betrifft Sprache und Sprechen. Notwendig erweist sich in der Folge, wie der Ich-Erzähler beides, gehemmt und zugleich motiviert durch sein Handicap, zu höchster Vollendung führt. Mishima steigert das Motiv der Behinderung zudem in der Gestalt von Mizoguchis Freund Kashiwagi, der unter einem Klumpfuß leidet und dieselben zugleich in ein Attribut verwandelt, mit dessen Hilfe er Mitleid und in der Folge Liebe der Frauen ebenso erzielt wie ihre erotische Obsession. Der Roman wäre auch dann ein revolutionäres, aufwühlendes Werk, wenn er in der Darstellung der Behinderung verharrte. Dieses Thema ist in der Literatur weitgehend tabuisiert.

Literatur im Schatten der Atombombe

In diesem Moment tauchte der Goldene Pavillon vor mir auf.
Zerbrechlich, voller Erhabenheit und Melancholie.

Ein schöner Leichnam, dessen abgeblättertes Gold nur einen Abglanz
von seiner früheren Herrlichkeit hinterlassen hatte.
Kinkaku-ji

Allein für Mishima dient die komplexe Thematik körperlicher Behinderung hier vor allem als Metapher und Ausgangspunkt für einen umfassenderen ästhetischen und humanistischen Diskurs. Mishima leistete, wie auch die gleichzeitige „Atombombenliteratur“, die man in Japan mit Namen wie Hara Tamiki, Shinoe Shoda, Nagai Takashi oder Sata Ineko verbindet, auf eine ihm eigene Weise Trauerarbeit für sein vom Zweiten Weltkrieg zerstörtes Land. Dem Goldenen Pavillon wächst dabei eine intensivierte symbolische Bedeutung zu. In diesem Roman ist das Gebäude Inbild der japanischen Kultur, des Protagonisten Mizoguchi, ja des Seins selbst. Unter dem Druck der amerikanischen Sieger war Japan nach dem verlorenen Zweiter Weltkrieg gezwungen, auf die Gottgleichheit des Tenno, wie in der Verfassung garantiert, ebenso zu verzichten wie auf die Möglichkeit eines Kriegseintritts. Die notwendige Drohkulisse, die jedes Land zu seiner Selbstverteidigung braucht, war damit zerstört. Der jahrtausendealte Kaiserstaat war somit der Barbarei des Tourismus ausgesetzt, welche auch sein geheiligtes Zentrum betraf, den Kinkaku-ji. Mishima ließ sich von dem historischen Ereignis eines Brandanschlages auf den Tempel inspirieren. Der Brandstifter ist in der Dichtung nicht länger ein psychisch gestörter Einzelgänger, sondern ein hochreflektierter Mönch auf der Suche nach dem Leben und sich selbst, der es nicht mitansehen kann, wie das heiligste Symbol seines Landes und seiner Religion durch die Moderne und den Tourismus entweiht wird. Da ist es besser, der Tempel verbrennt. Auf dem Wege eines komplizierten Identifikationsprozesses, der für uns westliche Leser nur in Teilen verständlich ist, weil er umfassende Kenntnisse des Zen-Buddhismus voraussetzt, findet der Protagonist in dem Bauwerk ein Inbild nicht allein von Kultur und Religion, sondern von sich selbst und dem Sein überhaupt. Indem er es zerstört, rettet er es, rettet er sich selbst.

Cover: Kein & Aber

Aristokratische Dichtung

Der goldene Pavillon umfing mich in seiner Absolutheit.
Besaß ich ihn, oder wurde ich von ihm besessen?
Oder war womöglich ein einmaliger Zustand von Gleichgewicht erreicht,
in dem ich der Kinkaku war und der Kinkaku ich?
Kapitel
5

Mishima wagt in solchen Konstellationen mutige und psychologisch auf mehreren Ebenen frappierende Einsichten. Dieses Buch ist 1949 erschienen, das darf man nicht aus den Augen verlieren. Die Bücher von Yukio Mishima, etwa auch sein autobiographischer Roman Bekenntnis einer Maske, hätten in zu dieser Zeit etwa in Deutschland, Ost oder West, gar nicht veröffentlicht werden können; wegen ihrer erotisch überaus expliziten, in den Bereich dessen, was man damals Perversion nannte, reichenden Passagen, vor allem aber wegen ihrer aristokratischen Haltung und der Herkunft des Autors aus der adeligen Oberschicht. In den deutschen Staaten bestimmten schon damals die Nachfolgeorganisationen der Reichsschrifttumskammer die literarische Szene, präferierten eine plebejische Literatur und wandten sich weiterhin gegen Autoren der Emigration, mit z. T. antisemitischen Ausfällen. So wirkt die Nachkriegsliteratur in der Bundesrepublik, DDR, Österreich und Schweiz verglichen mit jener in Japan schwach, voller Koketterie und nachgerade obszöner Banalität.

Philosophischer Diskurs im Geiste des Zen-Buddhismus

Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.
– Thukydides

Autoren wie Ernst Jünger und Reinhold Schneider wird man von diesem Verdikt ausnehmen, allein diese hatten sich bereits vor 1933 gegen die plebejische Literatur, sei es im Geiste der Weimarer Republik, sei es in der Gestalt des „Dritten Reiches“, gewandt. Im Vergleich mit diesen beiden Autoren wird deutlich, wie Mishima seinem Land, Japan, eine mystisch-mythische Qualität zuschreibt, wohingegen „Deutschland“ für den katholisch-habsburgisch orientierten Schneider ebensowenig ein Problem darstellte wie für Jünger, der das Modell eines Weltstaates favorisierte. Beide hatten sich gegen den Hitlerstaat gestellt und ihr Leben riskiert. Yukio Mishima, eine Generation jünger, war durch den Zweiten Weltkrieg und die Niederlage, die auf Japan niedergehenden Atombomben und den Verzicht des Kaisers aus seinen göttlichen Status ebenso traumatisiert, wie es die aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrenden deutschen Soldaten gewesen waren. Aus dem Gefühl heraus, ein solcher Verlust dürfe nicht sinnlos gewesen sein, sondern verspreche Entschädigung auf einer anderen Ebene, hatten sich europäische Autoren in den zwanziger Jahren der Rechten angeschlossen. Nach einem neuerlich verlorenen Weltkrieg war selbst dafür keine Kraft mehr vorhanden. Über Deutschland und Japan des Jahres 1945 bemerkt Wolfgang Schievelbusch in seiner Monographie Die Kultur der Niederlage: „Denn nicht weil sie sich bedingungslos ergaben, zeigten diese beiden Militärkulturen dem Sieger gegenüber kein Ressentiment, sondern weil sie, physisch und moralisch annährend in die Steinzeit zurückgebombt, für andere Reaktionen einfach zu erschöpft waren.“

Besser individueller Selbstmord als politischer und kultureller

Die Chrysantheme war nicht mehr schön durch ihre Gestalt,
sondern durch den Namen „Chrysantheme“, den wir ihr willkürlich gegeben hatten,
und die damit verbundene Vereinbarung. Da ich keine Biene war, verlockte die Chrysantheme
mich nicht, und da ich keine Chrysantheme war, fühlte sich keine Biene von mir angezogen.
Die Zusammengehörigkeit zwischen der Form und dem Fluß des Lebens war aufgehoben.
Ich war in die Welt der Relativität zurückgeworfen, und nur noch die Zeit bewegte sich.
Kapitel 7

Philosophische, ästhetische, historische und persönliche Ebene sind in diesem Roman stets verflochten, und dies auf eine Weise, wie sie in der westlichen Literatur extrem selten ist und die auch in der japanischen ihresgleichen sucht. Der Autor besitzt zudem den Blick eines Malers und Zeichners für Flora und Landschaft, was seinem Werk eine frappierende Ästhetik verleiht. Der junge Mishima hat Nietzsche, Bergson und Ortega studiert und erwägt die Wiedergeburt Japans aus dem Geiste eines Zen, der durch die europäische Philosophie gestrafft ist. Die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Ich und Du verschwindet. Der Rebelión de las masas setzt er den Aufstand des aristokratischen Individuums entgegen. Die Form des erweiterten Suizids, mit dem Mishima seinem Leben ein Ende setzen sollte, zeichnet sich hier schon ab. Dieses sehr japanische Buch hat mehr mit uns Deutschen zu tun, als es auf den ersten Blick scheint.

Yukio Mishima
Der Goldene Pavillon
Kein & Aber, Zürich 2019
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