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„Chaconnes, Divertimento & Rhapsodies“ mit Joo Yeon Sir und Irina Andrievsky

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikEnergy-Booster, garantiert taurin- und CO2-frei. Rezension von Ingobert Waltenberger.

Nach einem so richtig anstrengenden Arbeitstag Musik hören kann entspannen. Da dämmert der stressgeplagte Hörer dann meist beim Fernsehen endgültig weg. Falls Sie aber die neue CD der südkoreanischen Geigerin Joo Yeon Sir erwischen, sind Sie auf einmal munter wie ein Fisch im Wasser. Kein Koffeinschock hilft besser, sofern man sich in das intensive Abenteuer stürzt, jeder Melodie, jeder Entwicklung der Themen, jeder Finesse der Geigentechnik und Interpretation mit Hingabe zu folgen.

Nach dem erfolgreichen Album „Suites & Fantasies“ legt das erfolgreiche Duo Joo Yeon Sir auf der Violine und die russische Pianistin Irina Andrievsky mit „Chaconnes, Divertimento & Rhaposdies“ noch eins drauf. Von den ersten Tönen der gigantischen Chaconne in d-Moll aus der zweiten Partita BWV 1004 von Johann Sebastian Bach – Mendelssohn hat zur Verdeutlichung der Harmonien den Soloviolinpart mit einer Klavierbegleitung angereichert – überträgt sich ein prall überbordendes Musikantentum. Nach dem Klavier legt die Geige mit vollem Ton los, die freie Variation über ein Thema in der Bassstimme 32-fach abwandelnd. Diesem schon vom Umfang her monströsen perpetuum mobile wird von unserem Duo in aller Tiefgründigkeit nachgegangen. Joo Yeron Sir hat Gelegenheit, mit allerlei Phrasierungs- und Grifftechniken zu jonglieren. Die in drei Abschnitte gegliederte Komposition lassen sie jeweils ruhig und fokussiert starten, um sich dynamisch und emotional gestisch beschleunigend in Grenzregionen der conditio humana zu steigern.

Die Chaconne in g-Moll für Solovioline und basso continuo, Tomaso Antonio Vitali zugeschrieben, wurde vom belgischen Geiger Léopold Charlier in der hier präsentierten Form arrangiert. Kein Wunder, dass dieses süß-schmerzvolle Adagio im 19. Jahrhundert Bearbeitungen aller Art hervorrief, hebt doch die Musik in wahrlich seraphische Zonen ab. Hier kommt der Träumer zu seinem Recht, bevor Joo Yeon Sir und Irina Andrievsky mit dem 20-minütigen Divertimento, einer Suite aus der von Hans Christian Andersen und Tschaikowsky inspirierten Ballettmusik „Le Baiser de la fée“ von Igor Stravinsky einen weiteren Meilenstein setzen. Der Komponist hatte in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Geiger Samuel Dushkin einzelne Teile für Violine und Klavier bearbeitet. Dienten Klavierstücke und Lieder von Tschaikowsky als schöpferische Vorlage, so ploppen auf der CD die ungezähmten komplexen Rhythmen auf wie ein Strauch voller Rosenknospen im Frühling. Ein Farbenmärchen und urwüchsige Folklore zugleich.

Nach Bartóks bekannter Rhapsody Nr. 1 werden auf dem Album noch zwei Raritäten präsentiert: die Bulgarische Rhapsody Vardar von Pancho Vladigerov und die „Concert-Rhapsodie Figaro auf Rossinis Largo al factotum aus dem „Barbier von Sevilla“ von Mario Castelnuovo-Tedesco. Die bulgarische Rhapsody aus dem Jahr 1923 ist ein flottes, harmonisch und rhythmisch extravagantes, spätromantisches Stück, in dem sich die volksmusikalischen Traditionen Bulgariens widerspiegeln. Eine unerwartete Entdeckung, mein Favorit der CD.

Der Italiener Castelnuovo-Tedesco verdankte dem amerikanischen Geiger Jascha Heifetz nicht nur die lebensrettende Emigration in die USA, sondern auch Kompositionsaufträge des MGM Filmstudios in Hollywood. Zu der Zeit entstanden zudem eine Reihe von virtuosen Transkriptionen auf Opernthemen, darunter die 1943 uraufgeführte, hier in der von Heifetz arrangierten Version für Violine und Klavier  eingespielte Concert-Rhapsodie. Das Duo Joo Yeon Sir und Irina Andrievsky legen auf dem auch klangtechnisch hervorragenden Album noch einmal souverän spielfreudig bis zum Anschlag ihre Trümpfe offen. Der nun endgültig pumperlmunte Hörer drückt entzückt auf den Repeat-Button.

Joo Yeon Sir / Irina Andrievsky
Chaconnes, Divertimento & Rhapsodies
Rubicon 2019
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