Wettkampf der Kastraten

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Alcina
von Georg Friedrich Händel und Polifemo von Nicola Antonio Porpora bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Von Stephan Reimertz.


Auch bei ihren achten Pfingstfestspielen als Intendantin zeigt Cecilia Bartoli den Ehrgeiz, uns etwas besonderes zu bieten. Wie bei den Opernproduktionen der beiden vergangenen Jahre, Händels Ariodante und Rossinis L’italiana in Algeri, übernahm sie selbst eine Hauptrolle und sang die Titelpartie in Georg Friedrich Händels Dramma per musica Alcina. Als Intendantin setzte Bartoli einen musikgeschichtlichen Schwerpunkt. Wie nie zuvor erfüllten die Pfingstfestspiele so sehr ihren Doppelcharakter als sommerliche Lustbarkeit und musikgeschichtliches Seminar. »Ich möchte die Salzburger Pfingstfestspiele 2019 dem Andenken der Kastraten widmen«, sagt Bartoli. »Wir konzentrieren uns dabei auf den letzten, glanzvollen Höhepunkt, den die Begeisterung für diese Stimmen in der klassischen Musik erlebte.«

Alcina 2019: Cecilia Bartoli (Alcina) / © SF/Matthias Horn

Ein Wiener Sängerknabe wird bejubelt

Seit Mitte des siebzehnten Jahrhunderts hatte sich die Kastratenstimme als musikalisches Ideal etabliert. Die Musikwissenschaftlerin Silke Leopold erläutert: »Das hatte mit dem Ideal höfischer Männlichkeit zu tun, wie es seit Anfang des sechzehnten Jahrhunderts in der Erziehung propagiert wurde: In der höfischen Gesellschaft hatte der Hofmann eine Doppelrolle zu spielen, auf dem Feld der Ehre seinen Mann zu stehen, im höfischen Umgang aber die Rüstung abzulegen und mit den Damen gleichsam auf Augenhöhe und nach ihren weiblichen Regeln zu kommunizieren.« Bei Hofe gaben die Frauen den Ton an, und diesen hatten die Männer zu treffen. Dies spiegelte sich in der Musik. Für die Oper wurden Knaben kurz vor dem Stimmbruch mit einem eigens dafür konstruierten Instrument kastriert. Heute besetzt man in der Oper entsprechende Rollen mit Frauen, Countertenören und Knaben. Der Wiener Sängerknabe Sheen Park als Oberto in Händels Alcina leistete darstellerisch und sängerisch Außerordentliches. Es kann nur ein überwältigender Moment für den Kleinen gewesen sein, als er zum Endapplaus vor das Publikum trat und von einem Jubelsturm geradezu erschlagen wurde.

Alcina 2019: Sheen Park (Wiener Sängerknabe) Oberto und Tänzer / © SF/Matthias Horn

Die Festspiele in ihrem Umfeld

Obgleich in Salzburg vier Mal im Jahr Festspiele stattfindent, ist man jedes Mal in einer gehobenen Stimmung jenseits des Opernalltags. Es ist vollkommen selbstverständlich, wenn der Opernbesucher, schon aus Höflichkeit den anderen Besuchern und vor allem den Sängern gegenüber, die kleine Mühe einer festlichen Garderobe auf sich nimmt. Dies wird in Salzburg im Allgemeinen beachtet. Dabei ist besonders zu betonen, dass die Besucher allen sozialen Schichten entstammen. Die Salzburger Festspiele sind ein Volksfest, ganz wie ihre Gründer es sich gewünscht haben. Während sich der Besucher der Sommerfestspiele einer Horde von Kappen- und Turnschuhträgern gegenübersieht, die nichts mit den Festspielen zu tun haben – auf einen Festspielbesucher kommen im Sommer etwa zehn T-Shirt-Touristen – , konkurriert mit den Pfingstfestspielen lediglich das Jugendfest der katholischen Kirche. Der Festspielbesucher muss sich allenfalls durch Gruppen hochgesinnter Jugendlicher seinen Weg bahnen, die gegenüber dem Festspielhaus im Hof in der Universität die Gründung der Kirche feiern.

Händel gegen Porpora – Wer ist der größere Komponist?

Am Pfingstwochenende sollten wir einen Eindruck von jenem Wettkampf der Kastraten erhalten, welcher sich Mitte der 1730er Jahre in London austobte. Kurz hintereinander wurden Nicola Porporas Opera seria Polifemo und Georg Friedrich Händels Dramma per musica Alcina uraufgeführt. Beide Komponisten wiesen Kastraten tragende Rollen zu. In Salzburg konnte man nun erleben, wie sehr Porpora im Dienste der Sänger komponiert hat und gerade den Kastraten Arien auf den Leib komponierte, in denen sie mit ihren sängerischen Künsten das Publikum in Erstaunen versetzen konnten. Georg Friedrich Händel stand in der Kunstfertigkeit, die er den Sängern gestattete, dem italienischen Kollegen in nichts nach. Zugleich verrät jedoch bereits die Gattungsbezeichnung Dramma per musica, wie der in Halle geborene Komponist einen Schritt weiter auf dem Weg zum modernen Musiktheater zu gehen gedachte.

Keine Vergleiche des Unvergleichlichen

Nicola Porporas Musik eignet jener schmerzlich-süße Ton, welcher Erkennungszeichen der Neapolitanischen Schule ist. In Salzburg konnten wir diesen etwa schon im April 2011 vernehmen, als in der Alten Universitätsaula die Matthäuspassion von Franceso Feo aufgeführt wurde, und wir werden ihn wieder hören, wenn am Ostermontag im Mozarteum das Stabat Mater von Pergolesi erklingt. Den aus Neapel in alle Welt strömenden Komponisten des frühen achtzehnten Jahrhunderts verdankt Georg Friedrich Händel entscheidende dramaturgische und musikalische Anregungen, wenn er sich ihnen gegenüber in seinem Typus der Oper auch als Formvollender erweist. Alcina fasziniert durch Stringenz und Geschlossenheit der musikdramatischen Organisation ebenso, wie Polifemo durch Frische, Charme und Improvisationsgeist entzückt.

Georg Friedrich Händel ist der Komponist der erhabenen Stimmung. Keine Gestalt der Musikgeschichte kann ihm hier das Wasser reichen. Nicola Porpora bringt wie nur wenige Komponisten das Süße, Schmerzliche, die Sympátheia, zum Ausdruck. Er steht damit Komponisten wie Christoph Willibald Gluck, dessen Alceste derzeit in München gegeben wird, und den anderen Komponisten der Neapolitanischen Schule näher als Händel. Allein man sollte auch hier dem Wort von Flaubert vertrauen: comparaisons n’est pas raison. Wir müssen dankbar sein, wenn Cecilia Bartoli uns ermöglicht, diese beiden so verwandten und nahen Meisterwerke der Musikgeschichte an zwei aufeinander folgenden Tagen in höchster musikalischer Aufführungsreife zu genießen, ohne in vordergründige Vergleiche zu verfallen.

Polifemo 2019: Yuriy Mynenko (Aci), Sonja Runje (Calipso) / © SF/Marco Borrelli

Regisseur in der Postmoderne steckengeblieben

Die auf Homer zurückgehende Episode aus dem Orlando Furioso, in welcher die Zauberin Alcina Ritter auf ihre Insel lockt, verführt und anschließend in Pflanzen und Steine verwandelt, konnte bereits damals als bekannt vorausgesetzt werden. Regisseur Damiano Michelietto hatte die Idee, aus Alcinas Insel ein Hotel-Restaurant zu machen. So sahen die meisten Zuschauer eben das auf der Bühne, was sie soeben bei der Ankunft in der Festspielstadt gesehen hatten. Allenfalls bietet die Plexiglasscheibe einen gewissen Reiz, welche die Bühne in Vorder- und Hinterbühne oder in zwei Bühnenteile nebeneinander aufteilen kann. Ansonsten würde Jean-François Lyotard, wenn er noch lebte, unserem Regisseur Michelietto sicher gern erklären, warum die Zeiten der Postmoderne vorbei sind.

Kleine Insel als Befreiung

Wie freuten uns im Gegensatz dazu Bühnenbild und Inszenierung von Nicola Porporas Polifemo! Auch diese Oper spielt auf einer Insel. In der Felsenreitschule stand ein schlichtes Atoll mit ein paar Klippen auf der Bühne – und das war’s! Max Emanuel Cenčić, Bühnenbildnerin Margit Ann Berger und Kostümbildnerin Giorgina Germanou nannten ihre vollkommen angemessene Inszenierung lediglich eine »Szenische Einrichtung«. »Wenn das eine „Szenische Einrichtung“ ist«, so hörte man einen Besucher in der Pause sagen, »dann möchte ich künftig alle Opern nur noch in szenischer Einrichtung sehen.« Dieser Meinung kann man sich nur anschließen. Der Ehrgeiz von Regisseuren, mit einer gegenläufigen Sekundärfunktion Opern noch interessanter machen zu wollen, ist fast immer ein Schuss in den Ofen. Die schlichte und angemessene Gestaltung in der jahrhundertealten Felsenreitschule hingegen empfanden die Zuschauer als Erlösung und bedachten das Regieteam mit entsprechendem Applaus.

Andere Räume, andere Welten

Am Bahnhof traf ich nach der Aufführung drei Damen aus München, die mir verrieten, dass sie dem Countertenor Max Emanuel Cenčić zu jeder Aufführung hinterherreisen. In der Rolle des Odysseus begeisterte Cenčić als Sänger-Darsteller und war würdiger Gegenpart zur Titelpartie des Zyklopen Polifemo, in dessen Partie Pavel Kudinov überzeugte. Julia Lezhaneva als Galathea flogen die Herzen zu, und in der Tat bestach die Sängerin mit Charme, Frische und einem reinen Klang ihrer Stimme, der dem Charakter der Liebenden entsprach. George Petrou und die Armonia Atenea erwiesen sich als musikantisch feinnervige Interpreten eines Stoffes, der ihrer Heimat entspringt. Die allfällige Videoinstallation beschränkte sich auf das umspülende Meer (Sarah Scherer). Der Bachchor Salzburg erinnerte in seinen seltenen Einsätzen daran, wie auch das heiter-tragische Inselspiel der griechischen Tragödie verbunden bleibt. Gianluca Capuano und Les Musicien du Prince interpretierten mit Alcina eine vermeintlich vergleichbare, bei genauerer Betrachtung komplexere Partitur. Porpora und Polifemo profitierten davon, dass ihnen mit der Fürsterzbischöflichen Felsenreitschule ein weitaus angenehmerer, wenn man so will: musikalischerer Raum zur Verfügung stand, während sich die Oper Händels in dem unbeliebten und misslungenen »Haus für Mozart« abspielte. Alle ersehnen den Tag herbei, an dem dieses endlich abgerissen und durch einen ästhetisch und klanglich angemessen Bau ersetzt wird.

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