„tl;dr. – too long; didn’t read“ oder die Versuchung des Flüchtigen. Eine Betrachtung anlässlich der re:publica 2019

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Von Barbara Hoppe.

Wahrscheinlich ist dieser Text zu lang. Zu lang für unsere zunehmend verkürzte Aufmerksamkeitsspanne und zu lang für das Internet sowieso. Also ist Vorsicht geboten.

Wer sich allerdings traut, kann ab hier knapp 9.000 Zeichen lesen: Letzte Woche fand die 13. re:publica statt. Auf der Kult-Konferenz rund um das Internet und die digitale Gesellschaft gibt es jedes Jahr ein neues Motto und in diesem Jahr hieß es „tl;dr.“, was „too long didn’t read“ bedeutet und im Internetjargon ausdrücken soll, dass Texte zu lang sind, um gelesen zu werden. Alternativ bedeutet es auch, dass User zum Lesen zu faul sind – „too lazy, didn’t read“. Ein Motto also, das Kulturjournalisten, Feuilletonisten, Buchliebhaber, ja generell Liebhaber des geschriebenen Worts und ausführlicher Debatten anlockt. Allerdings – und da war man bei der Konferenz in Berlin weitsichtig – hatte man das Akronym vorsichtshalber für alle hoffnungslos Analogen erklärt.

Wer sich also aus dieser etwas altmodischen Gruppe zu der Konferenz wagte, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vielleicht ist dieses Staunen auch einer gewissen Naivität geschuldet, auf einer Konferenz rund um digitale Themen tatsächlich Überlegungen zu „Die Zukunft des Lesens“ oder „Digitalisierung und Literatur“ zu finden. Diese sind wohl doch eher auf den Buchmessen zu Hause, zuletzt im Forum der Nordischen Botschaften in Leipzig. Statt über Leseunlust zu seufzen sollte man sich die Frage stellen, was uns Lesern noch geboten wird. Wer viele Romane von sehr jungen Autorinnen und Autoren liest, stolpert zunehmend über kurze Texte, abgehackte Sätze, Gedankensprünge und ein Schriftbild, das oft nur wenige Zeilen auf einer Seite vereint. Also gilt auch in der Literatur bereits „tl;dr.“?

Es geht um einen Wal und um was noch?

Auf der re:publica sollte vielleicht die sehr konventionelle und undigitale, dafür ökologisch korrekte Konferenztasche mit jeder Menge Papier ein erster Versuch sein, wieder zum Lesen zu animieren. Bei der Begrüßung dann lobten die Macher der re:publica ihre vielen Ideen zur optischen Umsetzung des Mottos: dieses Mal hatte man auf Bilder verzichtet und stattdessen Roll-ups mit viel Text aufgestellt. Und natürlich –der ganze Stolz der diesjährigen re:publica – den kompletten Roman „Moby Dick“ von Herman Melville auf einem großen Band über diverse Rollen durch sämtliche Hallen gezogen. Auf die Frage, warum es ausgerechnet „Moby Dick“ ist, antwortete die Programmleiterin Alexandra Wolf: „Jeder weiß, es geht um einen Wal, aber keiner hat das Buch gelesen.“ Schelmisch heißt es dann noch, man könne während der drei Tage auch in der readers‘ corner versuchen, den Roman laut zu lesen und dabei keine Fehler zu machen. Insgesamt sah das Ganze allerdings nur unheimlich schön aus und viele Gäste zückten ihre Smartphones und schossen Bilder. Um das Fass voll zu machen, türmte sich im so genannten Courtyard (also im Innenhof) ein Berg von Altpapier auf –„ too long, didn’t read“. Viel Papier landet eben auch auf dem Müll. Und nicht nur das. Denn auch die re:publica hadert wie fast alle Konferenzen mit dem Problem, dass viel zu viel Einweggeschirr und Pappbecher die Mülleimer füllen, auch wenn einige Plastikbecher mit Pfand belegt sind.

Viel Symbolik und was noch?

Doch reicht Symbolik, um dem Motto gerecht zu werden? Ein bisschen „Moby Dick“, ein bisschen Kritik an mangelnder Nachhaltigkeit fühlen sich eher nach Alibi an als nach ernsthafter Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlichen, bildungspolitischen Thema. Reicht es, in einer Ecke in einer Endlosschleife Texte aus dem Internet vorzulesen, einen Talk mit dem Titel „Twitterlesung“ anzubieten oder vollmundig zu verkünden „Gitarren statt Knarren – wir holen den Protestsong zurück“?

Markus Beckedahl, Mitgründer der re:publica, erklärte das Programmauswahlverfahren so: Jeder dürfe sich mit einem Thema bewerben und bitte, man solle nicht versuchen, in dieses Thema noch irgendwie das aktuelle Motto hineinzuquetschen. Das würde meist nicht gut gehen. Da fragt man sich zu Recht, ob es überhaupt eines Mottos bedarf, auch wenn das diesjährige von den Machern weiter gefasst wird, als von der Verfasserin dieses Textes. Man widmete sich „dem Kleingedruckten. Den Fußnoten. Der Kraft der Recherche, dem Wissen und der Kontroverse. Der Notwendigkeit und Dringlichkeit, die Themen kritisch zu hinterfragen, die polarisieren, uns spalten – oder auch vereinen.“ Sehr schön fasst Bundespräsident Frank Walter Steinmeier dies in seiner Eröffnungsrede zusammen, in der er betonte, dass wichtige Themen durch eine Kurznachricht angestoßen werden könnten, die Debatten darum aber Zeit bräuchten.

Die digitale Gesellschaft ist immer sehr beschäftigt.
Und was bleibt übrig?

So kommt ein eindrucksvolles Programm zustande, das auch drei Wochen statt drei Tage füllen würde. Jede Session dauert 30 bis 60 Minuten. Maximal 60 Minuten um dem Anspruch gerecht zu werden „Themen kritisch zu hinterfragen“? Zum Diskutieren einzuladen? Innovative Lösungen zu finden? Vordenker zu sein? Viele der Teilnehmer sieht man miteinander sprechen, aber mindestens genauso viele sitzen stumm allein, mit einem Handy, Tablett oder Laptop vor der Nase und hämmern irgendetwas in die Tasten. Wagt man es, darauf zu schielen, stellt man fest, dass hier keine Berichterstatter sitzen, sondern gerade Smileys in eine WhatsApp-Nachricht eingefügt werden. Die gleiche Beobachtung macht man in den Vorträgen. Viele Zuhörer schauen permanent in ihre elektronischen Armverlängerungen und hören offensichtlich nicht zu. Den Vogel abgeschossen hat diesbezüglich eine junge Dame während der nur (!) zwanzigminütigen Rede des Bundespräsidenten. Direkt vor seinem Rednerpult klingelte ihr Handy. Sie nahm den Anruf entgegen, begann in ihr Mobiltelefon zu sprechen. Frank Walter Steinmeier nahm es mit Humor, fragte freundlich, wer denn dran sei. Die junge Frau wiederum entblödete sich, auch noch zu antworten. „Denis ist dran“, ließ der Bundespräsident schließlich alle wissen. Glücklicherweise reagierten die Konferenzverantwortlichen schnell und komplementierten die unhöfliche Handyschnabulantin aus dem Raum.

Offenbar gilt nicht nur „too long; didn’t read“, sondern auch „too occupied; didn’t listen“ oder auch „too stupid; didn’t speak“, denn auch die mangelnde Fähigkeit unter den Teilnehmern, lockeren Smalltalk mit Unbekannten zu machen, sticht ins Auge. Und wirft damit ungewollt eine andere Frage auf: Wie sehr verändern sich gesellschaftliche Umgangsformen im Zeitalter von electronic devices, die uns ständig anpiepen und anblinken, weil uns irgendwer von irgendwo eine Neuigkeit schickt? Rechtfertigt ein verändertes Miteinander, dass wir Respekt und Wertschätzung gegenüber anderen fahren lassen? Ob der Bundespräsident oder ein anderer Referent der Konferenz – sie alle haben das Recht, gehört zu werden. Oder aber man verlässt den Raum. Aber ostentativ ins Handy oder Laptop zu starren und zu tippen, ist despektierlich denjenigen gegenüber, die sich Zeit genommen haben, mit ihren Beiträgen zum Nachdenken anzuregen. In der abschließenden Presseinformation der re:publica heißt es:

„„Ich bin überwältigt“, zeigt sich re:publica-Geschäftsführer und Mitgründer Andreas Gebhard begeistert über die diesjährige Veranstaltung. „Was das Team in diesem Jahr auf die Beine gestellt hat, ist unglaublich. Wir haben die gesamte Breite der digitalen Gesellschaft abgebildet und die Stimmung vor Ort war perfekt. Ich wünsche mir das ganze Jahr re:publica.”“ Recht hat er: Die Stimmung war gut und friedlich. Die Organisatoren haben Großes geleistet. Doch wenn hier die gesamte Breite der digitalen Gesellschaft abgebildet ist dürfen wir froh sein, dass es auch noch Analoges gibt.

Wer gehört zur digitalen Gesellschaft?

Gleichzeitig sucht man vergeblich die Menschen, die das Internet unreflektiert nutzen. Gehören sie nicht zur digitalen Gesellschaft? Wo sind jene, denen wir unterstellen „Fake News“ zu produzieren und zu konsumieren? „Does journalism have a future“ fragte sich ein kenntnisreiches Panel aus Patricia Schlesinger (Intendantin des rbb), Hannah Suppa (Chefredakteurin Digitale Transformation und Innovation im Regionalen, Madsack Mediengruppe), Jukka Niva (Head of News Lab of the Finnish Broadcasting company YLE) und Andrzej Godleweksi (freier Journalist aus Polen). Wenn es darauf ankäme, so Patricia Schlesinger, würden Menschen für gesicherte Informationen immer wieder auf die seriösen Medien zurückgreifen. Das sähe sie auch bei jungen Leuten wie ihrer Tochter. Ist das wirklich so? Gewiss darf man annehmen, dass Frau Schlesingers Tochter einer bildungsnahen Familie entstammt. Doch wo sind die, deren Leseverständnis rapide abnimmt? Deren Aufmerksamkeit auf 280 Zeichen geschrumpft ist? Man findet sie nicht auf Konferenzen, sie verteidigen auch nicht ihr Verhalten, sich irgendwo im Internet zu informieren. Wer gehört also zur digitalen Gesellschaft, wer nicht?

Mainstream oder nicht –
das ist hier die Frage

Keine Frage: Die re:publica thematisiert viele wichtige Aspekte unserer zunehmend digitalen Gesellschaft und versucht für vieles – wenigstens im Ansatz – Lösungen anzubieten. Aber sie ist auch im Mainstream angekommen, gerade auch angesichts Partnern wie die Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, das Lab1886 als Innovationslabor der Daimler AG, das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit oder die Porsche AG. Die Frage muss erlaubt sein, ob dies auch gerade bei der re:publica auf Kosten der Qualität geht. Ist ein „Weniger ist mehr“ für Konferenzen nicht vielleicht der bessere Weg? Ein qualitativ hochwertiger, innovativer, avantgardistischer Think Tank zu sein? Themen anzuschneiden, die erst noch aktuell werden? re:pbulica leitet sich von res publica – die öffentliche Sache – ab. Keine Frage, das ist dieser Mega-Konferenz gelungen.

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3 Gedanken zu „„tl;dr. – too long; didn’t read“ oder die Versuchung des Flüchtigen. Eine Betrachtung anlässlich der re:publica 2019“

  1. Liebe Frau Hoppe,
    Ihr wunderbarer Beitrag hätte gern auch 19 000 Zeichen lang sein können! Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Das digital verseuchte Plastikleben, in das wir immer mehr hineingleiten, braucht solche Kritik wie die Ihre, gerade die mit leichter Hand. Ich danke Ihnen herzlich!

    Im Chinesischen gibt es inzwischen ein Wort, das den typischen Smartphone-User karikiert: 低头族, dītóuzú, der den Kopf senkt, der Handystarrer – analog zur englischen Kofferwort-Neubildung: phubbing aus to phone, telefonieren, und to snub, brüskieren. Und es ist dort inzwischen längst üblich, auf Konferenzen, in Seminaren oder Vorlesungen sein Smartphone genauso zu beachten wie den Vortragenden (etwa um den omnipräsenten WeChat-Account zu verfolgen).

    Daß die junge Frau den Bundespräsidenten brüskiert, liegt in der Logik des Mediums, vor allem in seiner Anwendungsform der Sozialen Plattformen. Wer sich für die immer schriller werdenden Kommunikationsformen interessiert, die mit diesem neuen ‘Teufelszeug’ verbunden sind, sei verwiesen auf: Jaron Lanier, Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst, Hoffmann & Campe, 2018. Man wird, so Lanier, unweigerlich zum “Bummer”, einen Namen, den die Übersetzer mit A…och ins Deutsche gebracht haben. (Würde ich den Begriff ausschreiben, könnte ich mich als Tübinger Opfer eines mehr oder weniger plattformsüchtigen OBs strafbar machen.)
    Viele Grüße
    Werner Radtke

    1. Feuilletonscout

      Lieber Herr Radtke,

      haben Sie herzlichen Dank für Ihren wunderbaren, kenntnisreichen Kommentar!
      Dass es bereits im Chinesischen ein Wort für die typischen Smartphone-User gibt, wusste ich nicht. Aber der Begriff, der gefunden wurde, ist sehr treffend!

      Mit herzlichem Gruß nach Tübingen
      Ihre Barbara Hoppe

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