Sechs junge Leipzigerinnen in chorischen Stratosphären

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Von Dr. Ingobert Waltenberger.

»Sjæl« oder auch »Själ« ist das dänische bzw. schwedische Wort für Seele. In der Welt der Musik ist es lautmalerisch synonym für ein formidables, rein weibliches sechsköpfiges a capella Ensemble aus Leipzig. Sjaella wurde ursprünglich unter dem Namen „Chickpeas“ im Mai 2005 von zehn- bis 13-jährigen Mädchen, die in der Leipziger Peterskirche auftraten, gegründet. Seither pflegen die quirligen Musikerinnen gemeinsam in musikalischer Vielfalt ein breit gefächertes Repertoire, das sie voller Neugier grenzüberschreitend auf der steten Suche nach unkonventionellen Programmen erweitern. Ihr Debütkonzert im Gläsernen Saal / Magna Auditorium des Wiener Musikvereins fand kürzlich am30. November 2018 statt. 

Mit ihrer neuen CD „Meridiane Nord“, der ersten Zusammenarbeit mit dem für seine exzellente Klangqualität gerühmten Label ,Raumklang‘, startet ein auf mehrere Teile ausgelegtes Aufnahmeprojekt des Vokalsextetts. Es will die volkstümliche Musik-Tradition einer bestimmten geographischen Himmelsrichtung mit deutschen Volksliedern verbinden. Der Norden, genauer gesagt Norwegen, Dänemark, Island, Schweden und das Vereinigte Königreich sind die Länder der Debüt-CD. Kein Wunder: Die reiche skandinavische Chortradition hat es dem Frauenensemble seit jeher angetan.

 
Foto © Lutz Wiechman
 

Neben dem hoch individuellen, glockenreinen Gesang der sechs Künstlerinnen sind es vor allem die einem mittelalterlichen bis swingend jazzigen Klangideal folgenden Bearbeitungen, die auffallen. Die eingängigen Melodien wurden, wie das irische „Molly Ban“ oder das britische „The trees they grow so high“ von Sjaella selbst für sechs Stimmen adaptiert oder von hochbegabten Musikern wie Havard Gravdal, Tanja Pannier, Friedrich Praetorius oder Michael Eimann zu gar nicht so schlichten Vokalpreziosen geformt.

Immer wieder darf eine Sängerin solistisch hervortreten, den Balladenton anstimmen, während die anderen in verzierungsreichen Vokalisen dazu treten. Die Reise führt von den Lofoten südwärts. Da wird in seltenen Dialekten von schönen Naturgeistern mit langen goldenem Haar und Schweif, der dem einer Kuh oder eines Fuchses ähnelt, gesungen oder die Geschichte eines dämonischen Riesen erzählt, der einen Wanderer mit neun Fragen auf die Probe stellt. Errät er sie, darf er leben, falls nicht, ist sein Tod besiegelt.

Natürlich darf die Liebe nicht fehlen, aus deren sehnsüchtige Erinnerung im isländischen „Visur Vatnsenda-Rósu“ schöne Töne erfließen. Etwas aus der Reihe fällt „The Scotsman“, das vom amerikanischen Songwriter Mike Cross in den 70-er Jahren geschrieben wurde. Musikalisch ähnelt es zum nordischen Motto passend einem irischen Trinklied. Das aus dem 15. Jahrhundert stammende „All meine Gedanken“, 1460 im Lochamer Liederbuch veröffentlicht, singt dagegen in hochmittelalterlicher Manier von ewiger Treu und den Freuden der holden Zweisamkeit.

   

Der Vortragsstil, den sich Sjaella angeeignet hat, ist einmalig und von erstaunlichem Wiedererkennungswert. Die Stimmen werden bald mal eins, lösen sich im Jubelton wieder voneinander, umranken einander wie Lianen im Urwald oder treten in konzertierenden Wettstreit miteinander.  Vibratoarm – aber dennoch weder steril noch instrumental – ist ihrer Art zu singen bisweilen etwas chansonhaftes zu eigen. Da sind manche Töne rauchig verhangen, andere lassen ihr Juwelenfeuer in virtuosesten Lagen glitzern. Immer ist es ein Zueinander, ein elastisches Zufedern, ein Fangen und Werfen. Ähnlich einer Jazzsession treten Soli hervor, um kurz darauf wieder in einen improvisatorisch wirkenden Gesamtklang zu müden. So blühen dramaturgische Bögen auf, temporeich und rhythmisch akzentuiert.

Anmerkung: 2016 wurde Sjaella offiziell zum Botschafter der SOS-Kinderdörfer weltweit ernannt. Im Zuge dieser Tätigkeit besuchten sie im Februar 2017 mehrere Einrichtungen der Organisation in Israel und Palästina, wo sie Workshops für die dort lebenden Kinder und Jugendlichen gaben. Dieses Konzept konnte zwei Monate später durch eine Kooperation mit dem Goethe-Institut Amman als Unterstützung für Kinder geflüchteter Familien erneut aufgegriffen werden.

Konzerttermine: hier

Sjaella
Meridiane Nord
Raumklang (Harmonia Mundi) 2018
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    Sechs junge Leipzigerinnen in chorischen Stratosphären, 5.0 out of 5 based on 3 ratings
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