Das demokratische Potential der Algorithmen

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LiteraturGeorg Diez und Emanuel Heisenberg zeigen mit „Power to the People“ auf, wie Technologie für demokratische Prozesse nutzbar gemacht werden kann. Rezension von Ronald Klein.

In zahlreichen deutschen Städten mehrten sich Anfang Mai die Demonstrationen gegen die Corona-Verordnungen. Verschwörungstheoretiker glauben, dass Covid 19 gleichermaßen eine Erfindung der „Mächtigen“ und eine Biowaffe sei. Der offensichtliche Widerspruch bleibt unaufgelöst. Der Zorn der Demonstrierenden richtet sich zunehmend gegen Virologen und Mediziner. Bill Gates wolle mit seiner Stiftung die Impfpflicht vorantreiben und den Menschen einen Chip implantieren, um sie zukünftig zu versklaven. Diese hanebüchenen Fantasien illustrieren gleichermaßen Zweifel an der Wissenschaft und Angst vor der Technologie. Medientheoretiker wie Paul Virilio und Friedrich Kittler wiesen zwar in den vergangenen Jahrzehnten darauf hin, dass der technologische Fortschritt vorwiegend der militärischen Forschung entspringt. Kittler war Technikfeindlichkeit jedoch vollkommen suspekt. Allerdings formulierte er die Forderung nach Transparenz der Algorithmen – das  heutige Open-Source-Prinzip.

Cover: Hanser Verlag

Mit „Power to the People“ von Georg Diez und Emanuel Heisenberg erscheint zur richtigen Zeit ein wichtiger Beitrag, der Technologie nicht als Instrument gegen die Interessen der Menschen begreift, sondern als Medium demokratischer Prozesse. Die Autoren bringen entsprechende Expertise mit: Georg Diez unternahm in der Vergangenheit in seiner Kolumne auf Spiegel Online präzise Analysen der Erosion demokratischer Prozesse. Emanuel Heisenberg ist Gründer eines Technologie-Startups, das CO2-neutrale industrielle Sanierung anbietet, und Berater von NGOs und Parteien hinsichtlich Klimawandel und Energietransformation.

Der Band leitet mit einer kurzen Geschichte der Demokratie ein. So weisen die Autoren explizit darauf hin, dass der Begriff im Laufe der Zeit unterschiedliche Konnotationen besessen hat. In der Antike war die Demokratie eng verknüpft mit der Angst vor der Masse, dem „Pöbel“ (Griechisch: óchlos) und der damit verbunden Ochlokratie . Als Mittel dagegen wurde die Wahl eingeführt. Denn nur die Begüterten konnten sich zur Wahl stellen. So konnte der Machtverlust der Eliten vermieden werden. Das Prinzip hält sich in den USA bis heute. Gleichwohl in der Übersicht der Verweis auf die Bedeutung der nordamerikanischen Indigenen auf die dortige Entstehung der Demokratie fehlt, werden wichtige Fragen zur heutigen Repräsentation aufgeworfen. So postulieren Diez und Heisenberg, dass zukünftig nicht nur Kinder eine Stimme erhalten sollten, sondern letztlich auch Tiere, die Wälder und die Ozeane eine Lobby brauchen. Dieser wichtige posthumanistische Ansatz zieht sich letztlich durch das Buch. Technologie wird stets nachhaltig und nicht primär ökonomisch gedacht.

Die folgenden, äußerst übersichtlich gehaltenen Kapitel zu u.a. „Identität“, „Autonomie“ und „Teilhabe“ liefern in erster Linie eine Übersicht zu progressiven Diskursen. So wirkt „Power to the People“ wie ein Türöffner, der dazu führt, dass die Lesenden Anknüpfungspunkte finden. Der Titel des letzten Kapitels „Macht und Empathie“ ist die Quintessenz des Buches: ein Plädoyer für ein empathisches Miteinander, das ohne Ellenbogen auskommt. Diez und Heisenberg leisten einen wichtigen Beitrag, der sich dem Trend zum Kulturpessimismus eloquent, aber nie dogmatisch entgegenstellt.

Georg Diez, Emanuel Heisenberg
Power To The People
Hanser Verlag, München 2020
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