Walzertod mit Luftballons und Pizzaschachteln

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oper-beitragsbildDas Grand Théâtre de Genève eröffnet die Saison mit Calixto Bieitos fulminant kurzweiliger Inszenierung von Prokofievs Monumentaloper ‚Krieg und Frieden‘. Von Barbara Röder.

Dies ist ein geglücktes Gegengewicht zur imposant schwarzmächtigen, ebenso genialischen Introspektion von Nicolas Brieger 2011 in Köln. Auch die 2018er Version des russischen ‚Montersschinkens‘ unter dem Dirigat von Johanna Mallwitz in Nürnberg ist in Erinnerung.

Die Nachmittagsvorstellung im Grand Théâtre in Genf ist keine Märchenstunde. Schon gar nicht, wenn der Realitätsmagier Calixto Bieito am Werk ist. Das verspricht dem Schauer und Hörer ungewohntes und absolute Werktreue. Das rotgoldene Boudoir der Gräfin Maria Alexandra, Zarin von Russland im 19. Jahrhundert, ein Nachbau aus der Ermitage, glotzt uns entgegen: ein übergroßer Spiegel, Plastikplanen verhängen Vergangenes. Es knallt und donnert aus dem Orchester. Direktklang ohne Schönklangpoesie bietet das Orchestre de la Suisse Romande. Schostakovitschsüffisanz schimmert herauf, leiser Tschaikowski-Walzercharme tönt verhalten. Prokofievs Monumental-Oeuvre ‚Krieg und Frieden‘ ist ein schwerer Brocken zur Saisonöffnung ist aber mehr, viel mehr. 


Komponiert hat Prokofiev seine Huldigungsoper nahezu 12 Jahre lang. Die Uraufführung 1959 erlebte er nicht. Sie schildert den Sieg des russischen Volkes, der russischen Generäle über Hitler, als dieser mit seinen Truppen im Winter 1941 vor den Toren Moskaus stand. Tolstois epochaler Roman, dem die Oper zugrunde liegt, spielt zur Zeit des Napoleonischen Feldzugs, als dieser erfolglos das Zarenreich annektieren wollte und eine eisig herbe Niederlage erfuhr. In diese Geschehnisse verwoben sind die Einzelschicksale von Natascha und Prinz Andrej: zwei Traumtänzer, deren kindliche Liebe zerbricht am Krieg, an ihrer Unerfahrenheit, an rauschhaftem Blendwerk der zaristischen Luxusgesellschaft, die sich feiert, Tänze, Walzer mit und auf herumschwirrenden Luftballons tanzt. Illuminationskünstler Michael Bauer taucht die Szenerie in blutrotes Licht, Sarah Derendinger liefert die passenden Videos dazu.


Die Geburt der russischen Tragödie beginnt, wenn sie aus Pizzapappkartons Schwert und Kreuz basteln, Kriegsgetümmel im Ballsaal stattfindet. Groteske Maskeraden, Tanz der Vampire à la Prokofiev. Aus dem Graben tönt dessen  Schauermusik: Schneidige süffisante Schärfe in den hohen Streichern, perkussive Gefälligkeiten, rhythmisches penetrantes Vorwärtsdrängen ist in Walzer gepackt.  Es ist als würden Degen rasseln, dissonante Störtöne wechseln sich mit herumirrende Flötentönchen. Krudes Schellenklappern und scheinbar humoreske Bläser schlagen musikalisch Kapriolen in huldvoller Marsch-Marsch Seligkeit. Alejo Pérez
erweist sich famoser Dirigent, der von der scheinbar harmlosen Walzermelodie, tief in die russisch Klangsprache, das hoch emotionale Klangspektrum Prokofievs einzutauchen vermag.

Exquisite Sängerdarstellerinnen und aufwühlende Menschenschicksale

Natascha, engelsgleich naiv mit frohlockendem Sopran, gesungen von Ruzan Mantanshyan, läuft barfüßig zu einem Häufchen Erde an der Rampe. Badet ihre Füße darin, schöpft Heimatgefühle aus der Natur. Ihrem Schicksal, die Verführung und Demütigung durch den Schwerenöter Anatol, Ales Briscein brilliert schamlos tenoral auftrumpfend, spürt Bieito nach. Helene, Elena Maximova, singt mit zuckersüßem Mezzo Anatols dreiste Schwester hat das böse Spiel eingefädelt.


Andrej, Björn Bürger gibt ihn fulminant mit baratonalem Schmerz und Schmelz, halluziniert zu Prokofievs blutrotem Walzertaumelklang wenn Andrej in Nataschas Armen stirbt. Der Walzer eine musikalische Metapher für Rettungsanker, das klangliche Sinnbild fürs Überleben, fürs Überstehen, die Liebe, den Tod und das Vergehen bündelt Bieito in dieser einen tiefergreifenden Szene. Der barocke Spiegel ist zerbrochen, Wände kippen, der Kronleuchter hängt fahl herab. Natascha blickt ins neue Jahrhundert, klettert aus dem zerborstenen Spiegel hinein in die poststalinistische Zeit: auf protzige Oligarchen, Korruption und moderne russische Frauen. Love ist wie gehabt for sale. Und alle schauen verachtend hämisch, der Chor singt prachtvoll eruptiv auf das armselige Schicksal Nataschas.

Calixto Bieito gelingt es mit diesem herausragenden Eröffnungscoup – immerhin dauert ‚Krieg und Frieden’ satte vier Stunden- seinen Ruf als Opernregisseur für schwergewichtigen Klassiker zu festigen. Das einstige Enfant Terrible, der Skandal-Theatermann von früher, ist reifer, noch nachdenklicher geworden. Calixto Bieito hat schon immer hinterfragt. Dieses Hinterfragen ist tiefer, bohrender, unermüdlicher, brennender geworden. Seine ‚Krieg und Frieden‘ Ausdeutung ist ein großer, sehr großer Wurf. Ein bedeutender Abend für die Prokofiev Rezeption in Europa. Mit einem freudvollen Start geht das Grand Théâtre de Genève in die neue Saison. Das Motto dafür heißt: ‚Faites l’amour…‘. Der innovative Intendanten Aviel Cahn erweist sich als kluger Kopf, der mit Herz und frischen Ideen eines der führenden Musentempel der Schweiz, wenn nicht Europas leitet. Chapeau!

Zur Homepage des Grand Théâtre de Genève


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