Roaring Twenties: “2020” im Varieté-Theater Wintergarten

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oper-beitragsbildVon Barbara Hoppe.

Der Sternenhimmel über dem Wintergarten funkelt immer noch, wenngleich es nun viele kleine Lichter sind. Er ist eine Hommage an das sensationelle Varieté-Theater der 1920er Jahre. Damals, als im Hotel Central, gleich am Bahnhof Friedrichstraße, der 2000 qm große, glaspalastartige Gartensaal, der „Wintergarten“, zur spektakulärsten Schaubühne für Akrobatik in Deutschland wurde, war es noch möglich, einen Blick auf den Sternenhimmel über Berlin zu werfen. Aber auch heute ist die Stimmung im Haus, das seit 1992 an der Potsdamer Straße residiert, prächtig. Im Saal umrahmen schwere, rote Vorhänge die Tische, auf denen kleine Lampen schummriges Licht verströmen.

banbury cross
Banbury Cross / Foto: Feuilletonscout

Auf der Bühne stehen Jack Woodhead im schrillen Dragqueen-Kostüm mit schillernder Kapitänsmütze, mitverantwortlich für die Komposition und Arrangements der Show, und Markus Pabst, international gefeierter Varieté-Visionär. Gemeinsam mit Pierre Caesar ist er der Mann für die Regie – und steht als Conférencier in „2020“ auch selbst auf der Bühne. „Der Abend lebt davon, dass alle immer wieder alles machen“, erklärt er. Früher sei das anders gewesen, da habe jeder Künstler seine eine Nummer gehabt. Heute sei der Allrounder gefragt. Tanzen und Akrobatik gehöre fast immer dazu, manchmal auch Singen. Für das Publikum bedeutet die Vielfalt, sich berauschen zu lassen, nicht immer konzentriert dabei sein zu müssen, während der Show zu essen und zu trinken. Ganz so, wie es in den 1920er-Jahren in Berlin war. „Ich habe versucht, in „2020“ das Lebensgefühl der zwanziger Jahre rüberzubringen. Und zwar von damals wie von heute. Denn die Parallelen sind ja da.“ Pabst erinnert sich noch gut an die eigenartige Atmosphäre bei der letzten Vorführung von „2020“ wenige Stunden vor dem ersten Lockdown. Im Publikum herrschte eine Jetzt-erst-Recht-Stimmung, ganz ähnlich wie in der Zeit, als vor 100 Jahren die Amüsier-Tempel in Berlin voll waren, während auf der Straße die ersten politischen Unruhen eskalierten. Historisch wollten sie allerdings nie werden, betont Markus Pabst. „Ich habe versucht, Junges hineinzunehmen, trotz des alten Themas Varieté. Wir möchten, dass die Leute sich amüsieren und die damalige Zeit im Hier und Jetzt voll mitnehmen.“

Den Brückenschlag von den Goldenen Zwanzigern in unsere Zeit drückt auch die so genannte „Holzklasse“ aus, Sitzreihen direkt vor der Bühne, die günstiger sind. Als Reminiszenz an die Varieté-Vielfalt im Berlin der 1920er-Jahre, wo es von der Kaschemme bis zum Luxus-Etablissement alles gab, soll sie Menschen ermutigen, hautnah dabei zu sein, die Stimmung aufzunehmen und weiterzugeben. Noch dürften sie corona-bedingt nicht wieder das gesamte Haus bespielen, bedauert Pabst, aber sobald das wieder möglich sei, gehe es auch wieder hinunter in die legendären Toilettenräume mit ihrer Geheimtür zu den Garderoben der Künstler –  ein besonderer Ausflug durchs Haus, der der Holzklasse vorbehalten ist.

Lustvoll und frivol kommt auch das Programm daher. Kostüme und Requisiten erinnern mit viel Glitzer an die 1920er-Jahre wie es Jeans und T-Shirt für die 2020er-Jahre tun. Während die Idee zur Show rund ein halbes Jahr heranreifte, dauerten die Proben nur drei Wochen. Das Team ist eingespielt, spricht sich ab und inspiriert sich gegenseitig. Viele arbeiten schon seit Jahren zusammen. Gemeinsam erarbeiteten sie den roten Faden durch die Show, passten ihre Nummern an. Jack Woodhead und Markus Pabst modernisierten altbekannte Lieder, komponierten neu und alle gemeinsam begeistern einmal mehr mit Tanz, Gesang, und atemberaubender Akrobatik. Ob Alessandro Di Sazio am Chinesischen Mast, Girma Tsehai mit seiner originellen wie amüsanten Hutakrobatik, das Duo Sienna als neue Göttinnen der Lüfte, die großartige Stimme von Yamil Borges, Thula Moon im Luftreifen, David Pereira mit ganz neuen Formen der Rasur, die komischen Collins Brothers oder Banbury Cross, die mit Hollywood-Glamour die Burlesque auf die Bühne holt, bis hin zu Dennis Mac Dao und Chris Myland, die auch für die Choreographie des Abends verantwortlich zeichnen – sie alle machen aus „2020“ großes Spektakel voller Skurrilität und überbordender Freude.

Diese Mischung sei die Stärke des Varieté, so Markus Pabst, und sie kommt bei dem durchaus anspruchsvollen Berliner Publikum, Jung wie Alt gleichermaßen, gut an. „Wenn sie auch mit „2020“ viel Spaß haben und mit dem Gefühl nach Hause gehen, ein bisschen von den Goldenen Zwanziger Jahren erlebt zu haben, fände ich das toll“, lacht er.

Alle Termine bis zum 13. Februar hier.

Wintergarten
Potsdamer Straße 96
10785 Berlin

Der Artikel erschien ebenfalls in der “Kulturzeit” der Berliner Morenpost im November 2021.

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