Neue Sonette von Kornelia Koepsell

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Kornelia Koepsell

Wenige Wochen nachdem ihr Gedichtband „Epiphanien“ erschien, bringt die Dichterin in der Edition Faust den Band „Die Mundharmonika“ heraus. Wir dokumentieren daraus eines der in die Faszination des Erinnerns eintauchenden Gedichte und ein Beispiel aus den „Deutschen Sonetten“, welche Koepsell gerade in der März/April-Ausgabe der Zeitschrift „Sinn und Form“ veröffentlicht hat. Das nächste Heft (4/2020), das Anfang Juli erscheint, wird unter dem Titel „Weiße Elegien“ Gedichte ganz neuen Typs von Kornelia Koepsell bringen.

Ich mache mir ein Kind

Es soll schon mehr als lieb und zärtlich sein.
Die Augen blau, die Haare sind egal.
Bloß dumm auf keinen Fall. Es fällt die Wahl
auf acht-einhalb, noch süß und ziemlich klein.

Das Bettchen jeden Morgen selbst gemacht,
den Segen süßen Friedens überm Haupt.
Ein Sonnenschein, der an sich selber glaubt.

Die Flügelchen sind seitlich angebracht,
und tanzen soll es leicht und zauberisch,
als bräuchte es zum Atmen nichts drumrum.
Bleibt immer gleich, ist unveränderlich.

Nie stellt es eine Frage, kein Warum.
Auch betet es erbarmungsvoll für mich,
und fällt am Ende ohne Klage um.


aus: Die Mundharmonika

Kriegsvater

Die Kindheit hieß für mich: Verstecken lernen.
Schreckliches, das nicht zu kennen ist.
Schob sich ein Schatten vor die Lampe, war
der Vater unbemerkt hereingekommen.

Und er, der unter seinen Kindern viele
Verbände austeilte, die sie nicht binden
konnten, Schicht um Schicht, bis aus dem Kopf
kein Auge schaute, sang die schönsten Lieder.

Ich sah, wie er, der Lieder-Liebende,
vom Hassen abgenutzt, den zarten Umgang
suchte, der verlorenging im Krieg.

Und wenn er müde vom Erinnern war,
Zog er den Kragen hoch und irrte heimlich,
von niemandem bemerkt, durch Wald und Flur.


aus: Sinn und Form

Abdruck mit Dank an die Verlage und die Dichterin.
Weiterverbreitung nur mit Genehmigung der Verlage.

Neue Sonette von Kornelia Koepsell, 5.0 out of 5 based on 1 rating

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