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Meine Bücher! „Girl, You Know It’s True“

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frau mit büchern

Kolumne von Susanne Falk.

Nie und nimmer hatte ich damit gerechnet, dass mich Milli Vanilli im Leben noch einmal so faszinieren könnten. Dass dem so ist, verdankt sich der sehr sehenswerten Doku „Milli Vanilli“ von Luke Korem (zu sehen auf Paramount+). Denn die Frage, was ist echte Kunst, schwebt über einer Geschichte, die dramatischer kaum sein könnte und gibt die Frage geschickt an die Zuschauer zurück: Was ist für dich Kunst? Was ist für dich echt?

Es ist nicht nur eine Geschichte über einen unglaublichen Betrugsskandal, der am Ende einen der Performer das Leben kostet, sondern auch eine faszinierende Comebackstory. Während Rob Pilatus die größte Schmach der Popgeschichte nicht überwinden kann und seiner Drogensucht erliegt, gelingt es Fab Morvan, seinem Leben eine völlig neue Richtung zu geben. Das muss man erst einmal schaffen, sich von so weit unten wieder hinaufzuarbeiten in ein normales Leben, in dem Musik und Familie als große Stabilisatoren wirken. Hut ab!

Was also ist für mich echte Kunst? Ist gekonnt zu lügen und diese Lüge dann weitestgehend perfekt zu leben, nicht auch eine Form davon? Oder braucht es dazu wirklich das unverfälschte Original?

Schon Milli Vanillis erster großer Hit „Girl You Know It’s True“ war eine Coverversion, also nicht das Original. Und ein Hit wurde es erst durch das Zusammenspiel von Gesang und Darstellung. Das kann man verwerflich finden, ist aber heute dank Auto-Tune ziemlich üblich. Die meisten Popstars singen nicht wirklich so gut, wie die Aufnahmen es annehmen lassen. Da wird digital sehr viel nachgeholfen, weil man für den perfekten Songerfolg eben häufiger nach dem richtigen Gesicht als nach der richtigen Stimme geht. 

Das ist in anderen Kunstrichtungen übrigens auch nicht anders. Audrey Hepburn hat in „My Fair Lady“ gleichfalls nicht selbst gesungen, berühmte Maler wie Peter Paul Rubens haben ihre Bilder häufig von ihren Schülern fertig malen lassen und Ken Follett hat bekanntermaßen einen ganzen Stab an Experten hinter sich vereint, ohne deren Recherche er nie und nimmer so schnell so viele dicke Bücher schreiben könnte. (Recherche macht bei Autoren von historischen Romanen immerhin die halbe Miete aus…) Das macht diese Werke nicht unbedingt zu Fälschungen, aber ein genauer Blick hinter die Kulissen hilft uns zu verstehen, dass dieses Werk oft auf mehr zurückgeht als auf den großartigen Gedanken einer Einzelperson.

Natürlich wollen Fans, wollen Leserinnen und Leser nicht belogen werden und zu behaupten, man habe gesungen, wenn es andere taten, ist eindeutig eine Lüge und damit eine verwerfliche Handlung. Doch die Vorstellung, ein Hit entstehe nur im Kopf einer Einzelperson, die diesen dann auch selbst produziert und komplett alleine einspielt, ist realitätsfremd. So etwas hat nur Prince geschafft. Und der ein oder andere Selfpublisher.

Je direkter der Draht zwischen Künstler und Konsument, desto höher der Grad an Authentizität des Kunstwerks. (Mal abgesehen davon, dass selbst Selfpublisher in der Regel Lektoren haben.) Wer so sehr auf das Originale, Unverfälschte besteht, der endet allerdings irgendwann bei Handschriften und selbst gebastelten Mixtapeaufnahmen. Oder genießt seine Kunst nur noch live, in Farbe und am besten unplugged. Das ist zwar legitim, aber das Werk losgelöst vom Entstehungsprozess zu betrachten, entspannt das Verhältnis von Künstler und Konsument dann doch um ein Erkleckliches. Genießen kann nur, wer vorbehaltlos akzeptiert, dass man ihm nicht die Wahrheit offeriert, sondern Kunst. Und die erhebt weder den Anspruch auf Abbildung der Wirklichkeit noch ist sie die Wirklichkeit selbst. Hat man das erst einmal verstanden, kann man sogar alten Pop-Hits der 1980er wieder mit Faszination zuhören und den ein oder anderen Historienschmöker bedenkenlos bei Tee und Keksen verschlingen. Denn Kunst ist, und girl, du weißt, dass das stimmt, oft einfach nur das, was gefällt.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

My Books! “Girl, You Know It’s True”. Column by Susanne Falk
Never in my wildest dreams did I expect Milli Vanilli to fascinate me so much again in life. The credit for this goes to the highly watchable documentary “Milli Vanilli” by Luke Korem (available on Paramount+). The question of what true art is hovers over a story that could hardly be more dramatic, cleverly posing the question to the audience: What is art to you? What is real to you?

It’s not just a story about an incredible fraud scandal, that ultimately costs one of the performers his life, but also a fascinating comeback story. While Rob Pilatus cannot overcome the greatest disgrace in pop history and succumbs to his drug addiction, Fab Morvan manages to give his life a completely new direction. It takes a lot to rebuild from such a low point to a normal life, where music and family act as significant stabilizers. Hats off!

So, what is true art for me? Is skillfully lying and then living that lie almost perfectly also a form of it? Or does it really require the unadulterated original?

Even Milli Vanilli’s first major hit, “Girl You Know It’s True,” was a cover version, not the original. And it became a hit through the interplay of vocals and performance. One might find it reprehensible, but today, thanks to Auto-Tune, it’s quite common. Most pop stars don’t sing as well as the recordings suggest. A lot of digital enhancement is done because, for the perfect song success, one often looks for the right face rather than the right voice.

By the way, this is not different in other art forms. Audrey Hepburn didn’t sing in “My Fair Lady”, famous painters like Peter Paul Rubens often had their students complete their paintings, and as we know, Ken Follett has a whole team of experts behind him, without whose research he could never write so many thick books so quickly. (Research is after all half the battle for authors of historical novels…) This doesn’t necessarily make these works forgeries, but taking a closer look behind the scenes helps us understand that these works often rely on more than the brilliant ideas of an individual.

Of course, fans and readers do not want to be deceived, and claiming to have sung when others did is clearly a lie and therefore a reprehensible act. However, the idea that a hit is created only in the mind of one individual, who then produces and records it entirely alone, is unrealistic. Only Prince achieved something like that. And the occasional self-publisher. The more direct the connection between artist and consumer, the higher the degree of authenticity of the artwork. (Apart from the fact that even self-publishers usually have editors.) Those who insist so much on the original, unadulterated often end up with manuscripts and self-made mixtape recordings. Or they only enjoy their art live, in color, and preferably unplugged. While that is legitimate, viewing the work detached from the creative process significantly relaxes the relationship between artist and consumer. One can only enjoy if one unreservedly accepts that they are not being offered the truth but art. And art neither claims to depict reality nor is it reality itself. Once that is understood, you can even listen with fascination to old pop hits from the 1980s and devour the occasional historical novel with tea and cookies. Because art is, and girl, you know that’s true, often just what pleases.

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