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Uwe Wittstock „Marseille 1940“: Die große Flucht der Literatur

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Literatur

Uwe Wittstock erinnert in seiner Monographie Marseille 1940 an prominente Autoren auf der Flucht vor den Nazis und an einen selbstlosen amerikanischen Helfer. Von Stephan Reimertz.

Keiner der Marseille je betreten hat, wird das gleißend weiße Licht je vergessen, mit dem die Stadt den Ankommenden übergießt. Wenn die mediterrane Metropole einen in Beschlag nimmt und mit der Vielfalt ihrer Eindrücke und Düfte verwirrt, denken nur wenige daran, wie dieser Ort vor über achtzig Jahren zur Weltbühne einer historisch einzigartigen Fluchtbewegung wurde. In seinem Kulturbestseller Marseille 1940 erzählt Uwe Wittstock nun im amerikanischen Stil, im Präsenz und unter Beachtung neuerer deutscher Sprachregelungen von »deutschen und österreichischen« (Klappentext) »Künstlern und Künstlerinnen« (Vorwort), »Autoren und Autorinnen« (Vorgeschichten), die »vor den faschistischen Regimen« (Vorwort) zunächst nach Frankreich und dann aus Frankreich flohen.

Das Leiden von Millionen trivialisiert

Das Buch beginnt mit einer antisemitischen Schlägerei in Berlin, und in filmischer Potpourritechnik, in kurzen Szenen und harten Schnitten, geht es weiter. Die Monographie ist streckenweise arg auf Knallaffekt getrimmt, wie etwa beim Treffen des amerikanischen Journalisten Varian Fry mit dem Auslandspressesprecher der NSDAP, Ernst Hanfstaengl, im Jahre 1935, der ein Blutbad an den Juden prophezeit. Bei dergleichen Passagen glaubt man The Holocaust Code eines neuen Dan Brown zu lesen. Und gleich darauf heißt es, im Stil eines trivialen Filmschnitts: »Heinrich Mann trägt jetzt keinen Kinnbart mehr…« Über Thomas Manns höchst differenzierte, ja man darf sagen: erlittenen Studien aus dem Ersten Weltkrieg wie die Betrachtungen eines Unpolitischen oder Friedrich und die große Koalition schreibt Wittstock allen Ernstes: »Thomas posaunte damals seine Kriegsbegeisterung übers Land und erging sich in völkerpsychologischen Klischees über deutsche Seelentiefe…« Auch über das Ehepaar Feuchtwanger schreibt der Autor, als wären es die Nachbarn von nebenan. All das ist vollkommen unangemessen. Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Walter Benjamin, Hannah Arendt, auch der Held des Buches, der US-Amerikaner Varian Fry, der als selbstloser Helfer und Retter wenig Dank fand, sie alle jagen hier lediglich als Mickeymäuse durch das Bild, eine geistige Physiognomie wird ihnen nicht gegönnt, es sind nur »Münzen ohne Bild« wie Nietzsche gesagt haben würde.

Mit Thomas Mann auf Du und Du

Wie bereits in früheren Arbeiten scheint der Autor hier vor allem den Beifall jener Leserin zu erheischen, die Julio Cortazár »das Leseweibchen« nennt. Das historische Präsens und das über den Stoff hinweg mit dem Leser getauschte Zwinkern des Einverständnisses gemahnt an Unterhaltungsromane. Auch zum midcult von Trivialromanen, die historische Persönlichkeiten zum Helden wählen, um dem Leser die Illusion zu verkaufen, er nehme an Hochkultur teil, ohne dass ihm auch nur ansatzweise die Mühen einer solchen zugemutet würden, besteht eine gewisse Verwandtschaft. Dergleichen ist in Deutschland, wie Moritz Baßler, Professor an der Universität Münster, kürzlich in seiner Monographie Populärer Realismus ausgeführt hat, derzeit groß im Schwange; ja, man kann es als Grundtextur einer Gesellschaft bezeichnen, die, wie die westdeutsche, prinzipiell mehr scheinen will als sie ist. Overstatement ist geradezu das Fluidum der Bundesrepublik, und eine kommerzielle Veröffentlichung wie Marseille 1940 passt mitten hinein.

Das endgültige Exil Man stelle sich nur vor, italienische Autoren hätten in vergleichbarer Weise vom Exil ihrer Schriftsteller in Frankreich während des Faschismus berichtet. Wer das Buch von Anna Maria Carpi, Scrittori ebrei italiani tra fascismo e resistenza (1996), liest, eine Geschichte der italienischen Exilliteratur in Frankreich, mit besonderem Fokus auf jüdischen Schriftstellern, oder L’esilio italiano in Francia (1920-1940) von Giorgio Luti aus dem Jahre 1989, ein Buch über die Geschichte der italienischen Exilliteratur in Frankreich in den Jahren 1920 bis1940, um nur ad hoc zwei Titel zu nennen, wird sich im Vergleich dazu über Marseille 1940 nur wundern können. Selbst ein auf vergegenwärtigenden Unterhaltungsliteratur getrimmter Abriss wie Paris, brûle-t-il? von Larry Collins und Dominique Lapierre aus dem Jahr 1965, befleißigt sich eines gewissen stilistischen Niveaus und gönnt seinen Protagonisten eine geistige Physiognomie.

Marseille-1940
Cover: C.H. Beck Verlag

Marseille 1940 ist gekennzeichnet durch peinliche Distanzlosigkeit, Boulevardzeitungsstil und billige Knalleffekte. Man könnte das Buch rasch beiseitelegen, wenn es nicht einiges über die Art und Weise aussagte, wie mittlerweile in Deutschland mit Literatur umgegangen wird. So wird der Untertitel Die große Flucht der Literatur selbsterfülllende Prophezeiung dieses Buches, aus dem die Literatur geflohen ist. Der Autor spielt zu billig, offenbar hat er es auf einen Verkaufserfolg ohne jede Rücksicht abgesehen. Das Leiden und die Würde deutscher Exilanten hätten eine andere Form des Gedenkens verdient. In diesem Buch werden sie zum zweiten Mal exiliert.

Uwe Wittstock
Marseille 1940
C.H. Beck Verlag, München 2024
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bei Thalia

Uwe Wittstock „Marseille 1940“: The great escape of literature
Uwe Wittstock’s „Marseille 1940“ attempts to shed light on the exodus of German and Austrian artists fleeing from fascist regimes. The Mediterranean metropolis of Marseille, known for its dazzling white light and its rich diversity of impressions and scents, serves as the atmospheric backdrop for this book.

The work begins dramatically with an anti-Semitic brawl in Berlin and unfolds in short, cinematic scenes reminiscent of a Dan Brown thriller. This stylistic choice proves to be a double-edged sword: while it generates suspense, it partially trivializes the suffering of the exiles. Particularly, the portrayals of well-known personalities such as Thomas Mann and Lion Feuchtwanger seem superficial, stripping them of necessary depth and presenting them as mere neighbors.

Critics accuse Wittstock of using historical figures as a means to create an illusion of high culture without demanding the intellectual engagement that such topics deserve. In a time when such popular works are booming in Germany, „Marseille 1940“ stands out for its sensationalism, aimed at commercial success rather than appropriately honoring the dignity and suffering of the exiles.

This lack of distance and tabloid style make the subtitle „The Great Flight of Literature“ seem like a self-fulfilling prophecy. The book thus raises questions about the current handling of literature in Germany and leaves one pondering whether a more respectful form of remembrance is needed.

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