Vor dem großen Weltenbrand: „1939“ – das Debütalbum von Geigerin Fabiola Kim

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikRezension von Ingobert Waltenberger.

Das Entstehungsjahr von Kompositionen als programmatische Klammer scheint ebenso zufallsgeschaffen und aleatorisch wie viele andere Querbezüge, die  subjektiv motiviertes Schaffen von kreativen Persönlichkeiten unterschiedlichster Provenienz mit einer knappen Überschrift zumindest musikalisch verkuppeln wollen. Ein filigraner Tanz auf dem Seil ist es, Künstlerisches unter Geschichtliches ordnen, der Welt über abstrakte Musik ohne Worte in ihrer historischen Tiefenbetrachtung näher rücken zu wollen.

Aber zugegeben, „1939“ in großen roten Lettern auf dem Cover der Debüt-CD einer koreanisch-amerikanischen Geigerin zu lesen, entfaltet schon einen unwillkürlichen Sog der Aufmerksamkeit. Auf einmal stellt sich Neugier ein, ob und wie denn nun dieser Engländer, Deutsche und Ungar in den jeweiligen Konzerten ihren künstlerischen Ausdruck mit den sich politisch massiv eintrübenden, immer wolkenverhangeneren Zeiten haben reiben lassen. Antizipierten sie die Apokalypse oder gab es damals vom europäischen Kriegsgerassel ausgesparte Rückzugsgebiete, in denen Komponisten gedeihen konnten? Außerdem stellt sich die Frage, ob die Interpretation dieses Nebeneinanderrücken von Werken aufnimmt, und wenn ja, wie?

Eindeutig ist die Wahl mit Karl Amadeus Hartmanns seinem Sohn Richard gewidmeten „Concerto funebre“, einem Konzert für Solo-Violine und Streichorchester (wir hören eine Bearbeitung aus dem Jahr 1959). Der neben Anton von Webern am meisten vom Dirigenten Hermann Scherchen beeinflusste Künstler hielt dazu fest: „Mein ‚Concerto funebre‘ entstand im Herbst 1939. Diese Zeit deutet den Grundcharakter und Anlass meines Stückes an. Der damaligen Aussichtslosigkeit für das Geistige sollte in den beiden Chorälen am Anfang und am Ende ein Ausdruck der Zuversicht entgegengestellt werden.“ Vom Trauermarsch „Unsterbliche Opfer“ im Finalsatz stimmt die Violine die Klage über die Opfer des Faschismus und des eben begonnenen Krieges an. Am 1.1.1940 in St. Gallen uraufgeführt, steht das Werk mit den Worten des Komponisten und Dirigenten Winfried Zillig für Hartmanns „persönlichen Kontrapunkt tiefster Trauer zu dem hysterischen Siegesjubel des Polenfeldzuges.“

Etwas anders und doch ähnlich motiviert stellt sich die Lage mit Béla Bartóks zweitem Violinkonzert in B-Dur dar. Hin- und hergerissen zwischen brennenden Gedanken an Auswanderung (…“wie viel Schlimmes hat sich inzwischen in der ganzen Welt ereignet, Unruhe, Entsetzen und jetzt dieses bestürzende Zurückweichen der westlichen Länder. Man müsste weggehen von hier, weit weg aus der Nachbarschaft dieses verpesteten Landes, aber wohin: nach Grönland, Kapland, dem Feuerland, den Fidschi-Inseln?..“) und besessener Arbeit an Volksliedquellen, schrieb Bartók im Auftrag des Geigers Zoltán Székely ein großes Violinkonzert. Bartóks typisch folkloristisches, rhythmisch anspruchsvolles, an die Zwölftontechnik klopfendes Idiom findet sich hier genauso wie ein Satz aus sechs Variationen über ein Thema und ein Rondo mit freien Variationen im Finalsatz. Im März 1939 in Amsterdam uraufgeführt, konnte Bartók sein Werk erstmals und letztmals im Oktober 1943 in der New Yorker Carnegie Hall hören. Er war 1040 emigriert und starb 1945 in den USA.

William Walton hat sein dreisätziges Violinkonzert in b-Moll im italienischen Ravello und den USA geschrieben. Schwelgerisch verträumte Klänge und das Baden in wohligsten Harmonien werden auch dadurch nicht getrübt, dass der Komponist „bei seiner Arbeit“ von einer Tarantel gestochen worden ist. Das schmerzhafte Erlebnis wurde dann aber doch im zweiten Satz verewigt, wo Walton eine Art des süditalienischen schnellen Volkstanzes Tarantella zu einem Scherzo stilisierte, mit einem kleinen Walzer als Entgiftungsmittel zwischendurch (wie dies Thomas Otto im Booklet so trefflich formulierte). Das Ganze bezeichnete Walton als ziemlich „gaga“. Wer wäre ich, wenn ich dem widerspräche? Weil denn auch Jascha Heifetz, der Solist der Uraufführung, das Werk sehr liebte, gibt es gar keinen Grund, das nicht selber auch zu tun.

Fabiola Kim bekam Bartók schon mit oder sogar vor der berühmten Muttermilch serviert. Ihre Mutter gab nämlich während der Schwangerschaft unterrichtende Konzerte der Violinsonaten Bartóks. Die jetzt in New York lebende Geigerin mit der Vorliebe für Hunde und Katzen gibt eine technisch perfekte Performance ab, ihr dem Hörer sentimentale Portamenti komplett ersparender Umgang mit den kleinen Noten und ihre Zielgenauigkeit in vertrackten Sprüngen sind stupend. Übernimmt Kim bei Walton dessen exzentrisch überschäumende Gangart, so weiß sie beim intimen, wie eine Selbstreflexion widerhallenden ‚Concerto‘ funebre Hartmanns mit fahleren Tönen atmosphärisch zu überzeugen. Vom Klang her könnte die eine oder andere persönlichere, bekenntnishaftere Note mehr Musikantisches in das Spiel der virtuosen Solistin bringen.

Die Münchner Symphoniker unter Leitung des Chefdirigenten Kevin John Edusei betonen die Modernität und dynamischen Extreme der Partituren, sie legen die vertikalen Strukturen quasi mit dem Seziermesser offen. Dieser Blick in den stählernen Maschinenraum der Musik ist faszinierend, bisweilen stellt sich emotionale Distanz ein. Die Brillanz der expressiven Parts der Musikstücke kommt hingegen auch aufnahmetechnisch voll zu ihrem Recht.

Fazit: Der Hörer erfährt weitaus differenziertere klangliche Erlebnisse, als das die bloße programmatische Fixierung auf das Jahr 1939 erwarten ließe. Schon aus diesem Grund ist die von einem interpretatorischen Perfektionismus getragene Doppel-CD empfehlenswert. Vordergründige Erwartungen werden hier – Gott sei gedankt – nicht bedient.

Fabiola Kim
1939
Violinkonzerte von W. Walton, K.A. Hartmann und B. Bartok
Münchner Symphoniker
Solo Musica 2019
CD kaufen oder nur hineinhören

Konzerte mit Auszügen aus der CD:
Samstag, 30.11.2019 Klavierwerkstatt
Dorfstraße 39, Hofgebäude
81247 München
Beginn: 19 Uhr

Sonntag,1.12.2019 Piano Salon Christophori
Uferstraße 8-11
13357 Berlin
Beginn 20 Uhr
Einlass ab 19.30 Uhr

Violine: Fabiola Kim
Piano: Dmitry Mayboroda

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Vor dem großen Weltenbrand: „1939“ – das Debütalbum von Geigerin Fabiola Kim, 5.0 out of 5 based on 3 ratings

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