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Genki Kawamura schreibt ein todtrauriges Buch über den Wert des Lebens. Von Barbara Hoppe.

Ein junger Mann, er ist Briefträger in einer kleinen Stadt in Japan, wird bald sterben. Er hat einen Tumor im Kopf, und sein Arzt gibt ihm noch einige wenige Tage, mit viel Glück noch sechs Monate. Die Nachricht dringt wie durch Wasser zu dem Kranken, er stolpert verwirrt nach Hause, seine Gedanken sind ein heilloses Durcheinander. Doch es kommt noch schlimmer. Denn in seiner kleinen Mietwohnung wartet niemand geringerer auf ihn als der Teufel. Der Leibhaftige ist das Ebenbild des jungen Mannes, nur dass er statt schwarz-weiß zu tragen eine Vorliebe für schrille Hawaiihemden hat. Und er macht dem Briefträger ein Angebot: Für jeden Tag, den dieser länger leben möchte, muss etwas von der Welt verschwinden. Was für eine Chance, denn wie viel Unnützes und Ungewolltes umgibt uns, auf das wir getrost verzichten können! Ein Deal, der sich lohnt, denkt der Mann und lässt sich auf den Pakt ein. Und so verschwinden am ersten Tag alle Telefone, am zweiten die Filme und am dritten sämtliche Uhren. Als am vierten Tag alle Katzen von der Welt verschwinden sollen, geht der Teufel zu weit. Der junge Mann trifft eine Entscheidung und wir wissen: Wie einst Gott und Mephisto um Faust wetteten, wird auch dieses Mal das Böse das Spiel um das ewige Leben verlieren.

Es ist das Vermächtnis dieses einfachen, jungen und todkranken Mannes, das wir hier lesen. Ein kleiner Sieben-Tage-Bericht in bisweilen lakonisch-humorvollem Ton, in dem der Postbote die merkwürdigste Zeit seines Lebens festhält. Eines Lebens, in dem er das Gefühl hatte, „als würde die Zeit, statt von der Gegenwart in die Zukunft zu fließen, aus der Zukunft auf mich zuströmen“. Mit jedem Gegenstand, der verschwindet, kommen die Vorstellungen von einer Welt ohne ihn, kommen aber auch die Erinnerungen, die mit ihm verbunden sind. Darüber, ob er es wert war, auf der Welt zu sein, darüber, was er mit uns Menschen machte und wie er uns bewegte. Vor allem ist es ein Herantasten an das, was im Leben wirklich zählt und seinen Wert ausmacht. Das Ende vor Augen, ist es ein permanentes Abschiednehmen, dem wir uns stellen müssen: Abschied von Dingen, an die wir uns gewöhnt haben, Abschied von Menschen, die wir liebten, Abschied von jedem Tag unseres eigenen Lebens. „Unsere Todesrate beträgt einhundert Prozent. Wenn man das bedenkt, ist es absurd zu behaupten, der Tod sei ein Unglück.“ Und so ist „Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ auch das hohe Lied auf das Leben und die Liebe der Menschen, ihre Vernunft und die Gabe Gottes des Guten in uns.

Genki Kawamura
Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden
C. Bertelsmann Verlag, München 2018
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Coverabbildung © C. Bertelsmann Verlag

 

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„Um etwas zu bekommen, muss man auf etwas anderes verzichten“, 5.0 out of 5 based on 2 ratings