Spannend: Katrine Engberg “Glasflügel”

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Literatur

Mit dem dritten Band ihrer Kopenhagen-Krimireihe überrascht Katrine Engberg aufs Neue, denn die Spannung bleibt. Von Barbara Hoppe.

Glasflügel wirken zerbrechlich. Wie Jugendliche, deren Psyche durcheinandergeraten ist. Wie bei dem gleichnamigen Schmetterlingsexemplar, dass in der Sammlung des Psychiaters aufgespießt ist. Des Psychiaters, der diese Jugendlichen in der Wohnstätte Sommerfuglen, die nach einem Schmetterling benannt ist, behandelt hat. Alles dreht sich in Katrine Engbergs neuem Thriller um Wohnstätten, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen.

Als an drei Tagen hintereinander drei nackte Leichen in öffentlichen Brunnen in Kopenhagen gefunden werden, grausam ermordet mit einem antiken Schröpfmesser, scheinen die Fäden der Mördersuche in einer ehemaligen Wohnstätte für psychisch kranke Jugendliche zusammenzulaufen. Doch so richtig kommt die Polizei nicht weiter. Zu unsicher sind Spuren wie Alibis und zu allem Überfluss verschwinden die möglichen Tatverdächtigen. Ermittlungsleiter Jeppe Kørner muss zudem mit seinem ausgebrannten Kollegen Falck zusammenarbeiten. Seine langjährige Partnerin Anette Werner schiebt derweil den Babyblues. Um sich nicht völlig als Gebärmaschine und Milchkuh zu fühlen, hört sie heimlich den Polizeifunk ab und beginnt, privat zu ermitteln.

Buchcover: DIogenes Verlag

Waren die ersten beiden Bände (Band 1, Band 2) der Reihe in eher privilegierten Schichten angesiedelt, bleibt Katrine Engberg zwar der Extravaganz der Morde treu, doch thematisch steigt sie hinab in die Unerbittlichkeit des Gesundheitssystems. Geschickt verknüpft sie auch in „Glasflügel“ mehrere Handlungsstränge. Wo der eine Mordfall aufhört, beginnt ein neuer. Mehr noch: Beginnen die Tiefen der menschlichen Psyche, ihr Ausgebranntsein und die Verzweiflung derer, deren Hilfsbereitschaft Anerkennung verdient, und wenn nicht Demütigung, so doch höchsten Ignoranz erfährt.

Gleichzeitig gelingt es ihr auch dieses Mal, ihre Protagonisten weiter zu entwickeln. Während Jeppe aus seinem Scheidungstief endgültig durch eine neue Liebe hindurch ist, tut sich Anette mit ihrer Mutterrolle schwer. Damit schafft Katrine Engberg eine Atmosphäre, die bei aller Spannung eine gewisse Normalität aufrecht erhält. Ihre Figuren sind sympathisch und menschlich. Sie brennen für ihren Job, schieben Schlaflosigkeit, Sorgen und Babykoller auch schon mal zur Seite, um dem bestialischen Mörder das Handwerk zu legen. Dass diese Suche nicht in einem gemütlichen Polizeikrimi verdröppelt, sondern am Ende noch einmal so richtig aufdreht und so manchem James Bond die Hand reichen könnte, ist einfach nur wahnsinnig gut.

Katrine Engberg
Glasflügel
Diogenes Verlag, Zürich 2020
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